12. Dezember 2018 - 1 Kommentar.

Achtung, Afghane!

Achtung, Afghane!
Lesung aus Anlass des Internationalen Tages der Menschenrechte 2018
verfasst auf Einladung der Antidiskriminierungsstelle Steiermark
ungekürzte Originalfassung
Rainer Juriatti

„Ich bin deutscher Reichsbürger und Germane bis ins Blut.
Meine Ehre und Treue zu unserem Vaterland soll ewig leben.
88, Schwarz-Weiß-Rot, bis in den Tod.“

An diesem – auf einer online-Plattform veröffentlichten – Dreizeiler musste ich arbeiten. Um ihn in eine einigermaßen verständliche Form zu bringen: Grammatik erbärmlich, Syntax katastrophal, Aussage: vernichtend.

Und darauf zielt sie ab, diese soeben zitierte Sprache. Sie verletzt – bewusst. Sie vernichtet – allgemein. „Moralische Barriere ist gefallen“, hieß es jüngst in der Einladung zu einer Pressekonferenz. Einer Pressekonferenz, die nicht stattfand. Man ist nicht nur, was man sagt oder postet – oder ankündigt. Man ist vor allem, was man tut. Oder präzise: Man ist, was man wird, wenn man von der Ankündigung ins tatsächliche Tun übergeht. Oder ins Nichttun.

Mit Stinkbomben beworfen.

Nehmen wir Frau Anna, wir wollen sie Frau Anna nennen, um ein Beispiel zu belegen von der Ankündigung ins Tun: Sie bezieht im April 2017 gemeinsam mit ihrem Sohn eine Mietwohnung in Graz. Ihr Vermieter, Herr K. Junior, so wollen wir ihn abkürzen, ist Eigentümer der von ihm vermieteten Haushälfte, die andere Hälfte gehört seinem Vater, Herrn K. Senior – unserer Hauptfigur –, der diese Hälfte auch bewohnt. Schon bald nach dem Einzug von Frau Anna kommt es zu heftigen verbalen Attacken durch Herrn K. Senior. Auslöser für die Beschimpfungen und Beleidigungen ist der aus Gambia stammende Lebensgefährte von Frau Anna, der zwar nicht bei ihr wohnt, sie und ihren Sohn jedoch regelmäßig besucht.

Der pensionierte Herr K. Senior hält sich des Öfteren im Innenhof des Hauses auf, um möglicherweise einen Überblick über die Geschehnisse in seinem Revier zu behalten. Und so trifft er unweigerlich auf den Lebensgefährten von Frau Anna. Bereits bei der ersten unbekümmerten Begegnung zeichnet sich die im Späteren als manifest ausländerfeindlich zu bezeichnende Haltung des Herrn K. Senior ab, der nämlich umgehend zu verstehen gibt, der Lebensgefährte von Frau Anna solle hier „verschwinden“. Gelinde ausgedrückt. Denn von diesem ersten Augenblick an waren die neuen Hausbewohner den zahllosen, wüsten Beschimpfungen des Herrn K. Senior ausgesetzt. Beschimpfungen, die weit über das heute eingangs wiedergegebene Zitat hinausreichen. Wüste Beschimpfungen. Erbärmlich. Niederträchtig, ja. Nichts auslassend.

Der daraus erwachsende Konflikt spitzt sich dramatisch zu und mündet in Sachbeschädigungen des werten Herrn K. Senior. Bei seinen Drohungen bedient er sich mehrfach einschlägiger, nationalsozialistischer Rhetorik, und Stinkbomben, die er wirft.

Aufgrund seiner offenkundigen Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut kommt es tatsächlich zu einer Hausdurchsuchung, bei der mehrere Gegenstände sichergestellt werden, die ebenso offenkundig mit dem NS-Regime in Verbindung gebracht werden können: Unter anderem wird ein Jagdmesser mit Hakenkreuz-Gravur gefunden sowie ein Kleidungsstück, eine sogenannte Abrüsterkappe mit der Aufschrift „Sieg Heil“.

Da Anzeige erstattet wird, nimmt Frau Anna Kontakt zur Antidiskriminierungsstelle Steiermark auf und bittet um Begleitung und Beobachtung des in Folge beim Landesgericht für Strafsachen in Graz eingeleiteten Verfahrens. Vor einem Schwurgerichtshof muss sich Herr K. Senior für seine Taten verantworten. Der Angeklagte weist jegliche Schuld von sich und betont seine Offenheit und Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen. Weiters bestreitet er jegliche rassistische Tendenz. Der Schwurgerichtshof entscheidet schließlich: Ein Jahr bedingte Freiheitsstrafe, drei Jahre Bewährung sowie eine Geldstrafe.

Martin, du Judensau!

Während also Herr K. Senior uneinsichtig sein Urteil entgegennimmt, meint eine Kindergartenpädagogin anlässlich eines öffentlichen Festes, sie sei froh, auf dem Land zu arbeiten, da die Kindergartengruppen in Graz sowieso nur noch mit Mohammeds und Alis voll seien.

Und ebenso in der Öffentlichkeit muss Herr Martin, wir wollen ihn Martin nennen, von einer Dame zugerufen bekommen: Du Judensau! Man höre und staune, oder staune nicht: Judensau. Das einzige Vergehen des Herrn Martin bestand darin, an einer der jährlich stattfindenden Gedenksteinverlegungen in der Grazer Innenstadt teilgenommen zu haben.

Der Zyniker in uns würde nun behaupten, es handle sich bei „Judensau“ um keine Beleidigung, da das mit den Juden sowieso infrage gestellt gehöre. Wie jener Mann, der behauptet, die mit Juden vollgestopften Viehwaggons, die man uns präsentiere, seien in Wahrheit mit gefangenen Soldaten bestückt worden, die mit Typhus und Ruhr infiziert gewesen seien. „Es waren Statisten“, behauptet der Mann, „Statisten für Alfred Hitchcock, den Spezialisten für Horrorfilme. Er bekam den Auftrag, für den Nürnberger Prozeß KZ-Filme zu drehen.“ Dazu passt jener, der sich öffentlich die Frage stellt, woher die vielen Formen von KZ-Tätowierungen herrühren. „Warum sind all diese Tätowierungen in verschiedenen Größen“, fragt er auf einer online-Plattform, „an verschiedenen Teilen des Armes angebracht und in verschiedenen Schreibstilen? Konnte man sich als NS-Häftling Farbe und Körperstelle wie in einem Tattoo Studio aussuchen?“

Sprache vernichtet. Reihenweise. Die Barrieren sind gefallen, wir kommen vom Reden ins Tun. Oder ins Nichttun, es sei noch einmal betont. Viele erteilen sich die Erlaubnis für alles. Betrachten sich als kompetent und wissend. Eine soziale online-Plattform nährt dabei die andere. Und ob wir es sehen wollen oder nicht, es macht etwas mit uns. Es befällt uns wie ein Virus, mitten hinein in unseren unschuldigen Alltag.

Salzsäure bitte.

Da ist zum Beispiel Herr Ulrich, wir wollen ihn Herr Ulrich nennen. Er besucht als Kunde eine Grazer Apotheke. Er tut es, da er von seiner Reinigungsfachkraft darum gebeten wurde. Er solle, so die Bitte, eine auf der Liste der Apothekerkammer als „Problemstoff“ vermerkte Säure kaufen. Salzsäure, um ganz genau zu sein. An sich keine große Schwierigkeit. Doch Herr Ulrich wird von der Mitarbeiterin eingehend gemustert und nach dem Zweck des beabsichtigten Kaufes befragt. Herr Ulrich erklärt sich. Dennoch entgegnet die Mitarbeiterin, durchaus zögernd, dass sie ihm die Chemikalie ob ihrer Gefährlichkeit nicht verkaufen könne. Erst, als Herr Ulrich erläutert, dass seine österreichische Gattin – mit deutschsprachig klingendem Namen – das Produkt telefonisch vorbestellt habe, wird ihm die Salzsäure ausgehändigt.

Wir bemerken: Herr Ulrich heißt nicht Herr Ulrich. U steht vielleicht für Uchenno, oder Unwono, einen afrikanischen Namen – gegebenenfalls. Herr Ulrich jedenfalls trägt dunkle Hautfarbe. Und jedenfalls spricht er die Apothekerin an: Ob ihr zögerliches Verhalten mit ihm als Person zu tun habe? Entschuldigend fast spricht die Apothekerin daraufhin die Verwendung von Salzsäure im Drogenmilieu an. Den Vorwurf einer rassistischen Behandlung weist sie zurück.

Es liegt nahe: Herr Ulrich fühlt sich aufgrund seiner ethnischen Herkunft diskriminiert und wendet sich an die Antidiskriminierungsstelle Steiermark, die von der Apotheke eine Stellungnahme einholt. Die betroffene Apothekerin bedauert zwar ihr Verhalten, dem Wunsch nach einem moderierten Schlichtungsgespräch seitens Herrn Ulrich kommt sie allerdings erst durch Intervention ihrer Chefin nach.

In der von der Antidiskriminierungsstelle Steiermark moderierten Aussprache zeigt die Apothekerin Verständnis für die Beschwerde und entschuldigt sich. Sie hätte Herrn Ulrich nie diskriminieren wollen, der Vorfall beruhe auf einer „Verkettung unglücklicher Umstände“. Herr Ulrich fühlt sich in seinem Standpunkt ernst genommen und ist mit der Entschuldigung zufrieden.

Die Oide, der Abschaum!

Die Apothekerin darf auch zufrieden sein. Hoffentlich lässt man sie in Folge auch in Ruhe. Einer anderen in der Öffentlichkeit stehenden Frau hat man keine Ruhe gelassen. Sie musste Postings lesen wie: „Reiss ob de Oide Funsn, won i se siag, kriag i olle Zuaständ. – Am Bam obindn und zwanzg Asylanten drüber! – Bis nimma hatschn ko, der Abschaum!“ Nicht weniger elegant wurde einer anderen Frau gewünscht: „Ich spendiere ihr einen Gangbang mit zehn langschwänzigen Afrikanern.“

Womit wir tief in der Klischeeheimat gelandet wären. Moralische Barrieren sind gefallen. Ich meine, vielmehr noch ethische Barrieren. Barrieren abseits der Moral, allein auf unsere Kultur bezogene Barrieren, auf unsere Sozialisierung. Ethische Barrieren eben. Wir sind dort gelandet, wo Homosexuellen immer noch gedroht wird, gäbe es einen Adolf Hitler, so wären sie alle längst an Hunde verfüttert.

Sprache vernichtet, sie macht klein, sie stellt an den Rand. Sie sagt Nein. Zum richtigen Tun. Nein. Auch das Nichttun macht Stimmung, das sollten besonders Politiker in ihre Agenda schreiben. Sprache und Nichttun fördern das gegen. Anstelle das für. Manchmal wäre es gut, für das Tun zu sein. Ein positives Zeichen zu setzen. Mut zu beweisen, auch abseits politischer Korsagen.

Achtung, Afghane!

Eine Frau hat sich eingemischt. Sie hat getan. Hat sich an die Antidiskriminierungsstelle gewandt und von einer befreundeten afghanischen Familie berichtet. Diese nämlich wurde im Rahmen einer Fahrscheinkontrolle verdächtigt, ihr 10-Zonen-Ticket manipuliert zu haben. Die Kontrolleure waren dieser Meinung, da man das Bedruckte nicht mehr eindeutig entziffern konnte. Die Familie beteuerte, das Ticket lediglich nass in die Hosentasche gesteckt zu haben.

An dieser Stelle spätestens kann jeder von uns für oder gegen jemanden sein. Es verwundert wenig, dass die Polizei hinzugezogen wurde. Es verwundert auch nicht, dass der Fahrschein schließlich labortechnisch untersucht wurde. Weil man ja grundsätzlich „gegen“ ist. Grund dafür dürfte jene Stimmung sein, die eine Kontrolleurin an diesem Tag äußert: „Die Ausländer. Die lügen doch alle. Alle.“ Und nicht zuletzt belehrte diese Kontrolleurin die afghanische Familie mit den Worten: „Afghanen sind mit Vorsicht zu genießen, weil dieses Volk ein professionell organisiertes Fahrscheinfälschen in der Steiermark betreibt.“ Im Zuge der Aufklärung der Geschehnisse wurde der Kontrolleurin gekündigt, da sich noch weitere Fälle solcher Art während ihrer Arbeitszeiten ereignet hatten. Eine Anfechtung der Kündigung ihrerseits beim Arbeits- und Sozialgericht blieb erfolglos.

Bezüglich des Fahrscheins, der als manipuliert galt, wurde seitens der Behörden versichert, dass alles in Ordnung sei. Allerdings: Ein paar Tage darauf erhielt die Tochter der afghanischen Familie eine Ladung zu einer Gerichtsverhandlung, da sie wegen Dokumentenfälschung angeklagt worden war. Die junge Frau versicherte weiterhin, nichts am Ticket manipuliert zu haben, was auch vom Gericht bestätigt wurde. Sie erhielt einen Freispruch.

Sprache, die Ja sagt

Sprache vernichtet, sie macht klein, sie stellt an den Rand. Sie sagt Nein. Zum richtigen Tun. Nein. Auch das Nichttun macht Stimmung, das sollten besonders Politiker in ihre Agenda schreiben. Sprache und Nichttun fördern das gegen. Anstelle das für. Manchmal wäre es gut, für das Tun zu sein. Ein positives Zeichen zu setzen. Mut zu beweisen, auch abseits politischer Korsagen.

Sprache grenzt aus. Dabei könnte Sprache verbinden. Trösten. Lindern. Verzeihen. Motivieren. Aufbauen. Sprache ist jenes Instrument, das uns Menschen in einzigartiger Weise geschenkt ist. In Verbindung mit unserem Geist erlaubt sie sogar, sich in einer Weise auszudrücken, dass die wahre Botschaft zwischen den Zeilen zu lesen ist. Die Achtung vor dem Wort ist die Wurzel der Achtung vor dem Tun. So ideal könnte es sein. Im Konjunktiv

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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