10. September 2021 - Keine Kommentare!

Allahu-Akbar vs. In-God-We-Trust

Allahu-Akbar vs. In-God-We-Trust
von Rainer Juriatti

20 Jahre ist es her. Ich kam von der Arbeit nach Hause und sah, dass meine Frau den Fernseher laufen hatte. Ungewöhnlich um diese Zeit, dachte ich. 

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Wenige Sekunden nur blickte ich auf den Bildschirm, da fiel der erste Tower. Wir erstarrten. Den Rest des Tages immer wieder die selben irrealen Bilder: Zwei Passagiermaschinen donnern in die zwei Türme des WTC, ein weiteres Flugzeug in den Pentagon. Ein viertes wird durch das beherzte und heldenhafte Eingreifen der Passagiere vor seinem Ziel – mutmaßlich dem amerikanischen Kongress – zum Absturz gebracht. Nun, dachte ich, wendet sich die Welt. Nun greift das Grauen aus dem Nahen Osten auf uns über, endgültig. Nun beginnt eine neue Ära in unseren bislang geschützten, unseren „westlichen“ Leben.

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Die Feuerwache, an der mein Freund Gerald und ich mit unseren Familien vor ein paar Jahren vorbeikamen, hatte eine Gedenktafel für die zu Tode gekommenen Mitglieder dieses Stützpunktes in der Nähe des Broadways eingerichtet. Wir blieben ein paar Sekunden vor den Namen stehen, Gerald fotografierte die Tafeln, ich fotografierte Gerald. Am Fuße des neuen WTC standen wir alle dann lange vor den 2983 Namen, die dort ins Ground-Zero-Memorial eingraviert sind (2977 Tote von 9/11, weitere sechs Opfer eines Bombenanschlags im Jahr 1993) und sahen den tausenden Tränen zu, die seit der Errichtung des Memorials ungebrochen in die Tiefe fallen.

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Seit ein paar Wochen herrscht Chaos in jenem Land, von dem aus die Terroristen damals loszogen, um den USA einen Herzstich zu versetzen. Im Herbst 2001, aus Anlass des Anschlags auf das WTC, waren die Amerikaner in Afghanistan einmarschiert und zogen vor wenigen Wochen dort wieder ab, um die Menschen – im Besonderen die Frauen – sich selbst sowie radikal-islamischen Ungebildeten zu überlassen. Es ist schwer zu verstehen.

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Die „unerbittliche Rache“ der amerikanischen Soldaten vor 20 Jahren richtete sich nach ihrem Einmarsch in Afghanistan zunächst gegen Männer, die „auffällig“ erschienen, was die US-Armee allerdings in ein Dilemma stürzte: Gefangene konnten mangels eigenem US-Gefängnis in Afghanistan nicht im Heimatland inhaftiert, aber auch nicht nach Amerika überführt werden, denn dort hätten sie all die Rechte genossen, die Gefangene in den USA haben. Beispielsweise das Recht auf Unversehrtheit. So wurde auf dem US-Militärstützpunkt auf Kuba, bekannt unter dem Namen Guantanamo, ein eigens „kreiertes“ Lager mit terrorverdächtigen Afghanen gefüllt. In Umgehung der Genfer Konvention wurde von Bushs Regierung beschlossen, dass sie keine Kriegsgefangenen eines anderen Landes seien, sondern gefangene Terroristen (ohne Verfahren natürlich – einige Experten damals erklärten bald öffentlich, dass es sich lediglich um kleine, unbedeutende Figuren im Terroristengeschäftes handle). Dennoch wurde auf Guantanamo ein eigener Folterkatalog genehmigt, dessen – neben rund zehn anderen Foltertechniken – bekannteste „erweiterte Befragungsmethode“ das Waterbording geworden ist, um die ins Netz gegangenen Fischchen zum Singen zu bringen. WTC-sei-dank durfte nun also auch in der sogenannt "aufgeklärten westlichen Welt" wieder gefoltert werden.

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Die „Rache“ richtete sich bald auch gegen alle Muslime in den USA selbst. Obwohl Bush jun. beteuerte, Muslime leisteten viel für ihre Heimat USA, galt ihnen nun sämtlich innenpolitischer Groll. Unter dem Titel „Stellarwind“ erhielt die NSA – die National Security Agency – die gesetzliche Grundlage, ohne richterliche Anordnung sämtliche Telefonate und den gesamten E-Mail-Verkehr der Amerikaner zu überwachen. Alles wird seit damals gespeichert. WTC-sei-dank wurde der vierte Zusatzartikel in den Bill of Rights damit ad absurdum geführt: Von nun an gab es keine Privatsphäre mehr für die amerikanische Bevölkerung und eröffnete den Geheimdiensten sowie dem FBI die Möglichkeit, elektronisch ohne jegliche Begründung und ohne Bericht darüber zu beschlagnahmen, wonach auch immer ihr Sinn stand. Seit damals kann in Amerika jeder Haushalt jederzeit einer Razzia zugeführt werden und Beamte können entscheiden, was alles mitgenommen, respektive den Besitzern zurückgelassen wird. 

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Ich kann nichts Gutes erkennen. Die Welt hat sich gewandelt. Religiöse Fanatiker lenken LKWs in Weihnachtsmärkte. Christliche Länder schieben fortlaufend Unschuldige in radikalislamische Länder ab. Ehemals christliche Kinder schließen sich islamistischen Terrorgruppen an. Religiöse Fanatiker schießen auf Gasthaus- und Konzertbesucher. Christliche Politiker in Österreich halten im Wahlkampf das Kreuz hoch und entscheiden gleichzeitig, kleine Kinder nachts stundenlang in der Kälte eines Kleinbusses sitzen zu lassen, um sie in ein Land zu verfrachten, mit dem sie nichts verbindet, außer die Herkunft ihrer Eltern. So spielen Länder im Namen ihrer religiösen Werte Ping Pong. 

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Im Gefangenenlanger Guantanamo waren im Juli 2021 immer noch 39 Gefangene interniert. Die Foltermethoden wurden bis heute nicht per Gesetz unterbunden. 

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Dort ein Allahu-Akbar-Selbstmordattentat, hier eine In-God-we-trust-Hinrichtung.

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Oliviero Toscani hatte recht, wenn er sagt: Vielleicht wäre die Abschaffung aller Religionen ein erster Schritt in eine humanere Welt.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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