14. April 2019 - Keine Kommentare!

Das Leiden am Palmbuschen

Das Leiden am Palmbuschen
Rainer Juriatti

Der relativ humorvolle Sonntagsmorgen.
Am Palmsonntag fröne ich einem Ritual, einem stets gleichbleibenden Ablauf. Er ist wichtig. Er ist mein Zeichen der Unerschütterlichkeit.

Nach einem durchaus kargen, weil allein aus einer Tasse Kaffee bestehenden Frühstück schnappe ich mir meinen am Vortag auf dem Bauernmarkt erworbenen, siebenteiligen Palmbuschen und radle durch die Pulverturmstraße zur Pfarrkirche Don Bosco. Während ich dahinradle, denke ich an die kleinen Parallelen zu unserem Vorarlberger Leben: Pulverturmstraße heißt auch die zentrale Durchfahrt in Bludenz, Don Bosco ist jener Heilige, der in unserer Bludenzer Pfarre bei der Südtirolersiedlung dem Pfarrkindergarten seinen Namen gab. Zum Abschied in Bludenz habe ich vom Pfarrer dort einen Don Bosco in Form eines Medaillons geschenkt bekommen, daran denke ich an jedem Palmsonntag.

In der Grazer Pfarre Don Bosco angekommen, ärgere ich mich dann jedes Jahr darüber, dass der Pfarrer wieder viel zu wenige Kerzen bereitgestellt hat, um Pablo und allen anderen ein Lichtlein entzünden zu können. Ich starre also auf einige der bereits brennenden Lichter und widme sie unseren Verstorbenen. Und tatsächlich denke ich ritueller Weise auch jedes Jahr daran, eigene Kerzen mitzunehmen, vergesse sie dann aber ebenso zuverlässig.

So stehe ich mit meinem von einem Bauern erworbenen, den Gesetzen eines Herrgottswinkelbuschen entsprechenden Palmsträußchens einige Minuten sinnlos herum, entdecke dann die Familie Hochegger und meine ehemalige Grazer Vermieterin Gretl Gröchenig und wir klären wie jedes Jahr einen vollen Jahreskreis, indem wir uns über das Wesentliche der vergangenen 12 Monate austauschen.

Wenn der Pfarrer dann über seine mobile Soundanlage, mit der er normalerweise Beisetzungen beschallt, akustisch vollkommen unverständliche Segensgebete spricht, wünsche ich mir traditioneller Weise ein Hörrohr und ihm die Erkenntnis, im neuen Jahrtausend angekommen zu sein, um mich schließlich damit zufrieden zu geben, bestenfalls ein Tröpfchen des in die Masse geschleuderten Weihwassers zu erhaschen. Ansonsten gilt halt der Wille.

Danach fahre ich metergenau jenen Weg zurück nach Hause, den ich auch gekommen bin. Ich entzünde ein kleines Feuer im Ofen, hole den verdorrten alten Palmbuschen vom Kreuz (das von einem Klostertaler Schnitzer gefertigt wurde, dessen Vorname mir entfallen ist, jedenfalls des Gatten von Bernadette Ganahl) und stecke die frischen Palmzweige an dessen Stelle. Den alten Palmbuschen verbrenne ich und denke daran, dass man die Asche im Grunde aufbewahren müsste, um sie am Aschermittwoch zu verwenden, was ich jedoch noch nie gemacht habe, weil ich kein Kreuz auf der Stirn brauche, um zu begreifen, dass ich eines Tages zu Asche zerfallen werde.

Meine Gedanken während meiner Handlungen sind Teil des Rituals, eigentlich sind sie es, die es tragen.

Und so macht es auch nichts aus, dass gerade eben – keine Stunde ist es her – der Regen die Palmweihe in der Kirche notwendig gemacht hat, der Pfarrer im überquellenden Innenraum noch schlampiger umging mit seinem Weihwasser, ich weder Familie Hochegger noch die Gretl entdecken konnte und das einzig Verlässliche schließlich nur die fehlenden Kerzen waren, worauf ich relativ uninspiriert in die Flammen der brennenden starrte, um erstmals zu denken: Ehrlich und aufrichtig zu sein, das fügt meinem Palmsonntagsritual einen weiteren Gedanken bei: Ich empfinde Abscheu gegenüber jeglicher Form von Alltagsroutine und damit jener Lieblosigkeit ausführender Zelebranten, die ich jeden Palmsonntag erleben darf.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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