22. Oktober 2017 - 2 Kommentare

Der Mann hinter Resl-tant

Der Mann hinter Resl-tant
Rainer Juriatti

Warnhinweis: Dieser Artikel wird dem Künstler nicht gerecht.

Verdampfende Begegnungen gibt es. Sie entschwinden, während sie geschehen. Auch gibt es Begegnungen, bei denen man weiß, dass sie nicht wieder sein werden. Und es gibt Begegnungen, die deine Sinne und damit deinen Geist in einer Weise bereichern, dass du überzeugt bist, sie werden wieder geschehen. Ein Besuch im Atelier von Paul Mühlbauer.

Begegnung mit der Ratte

Vor einigen Wochen entdeckte ich eine Bronzeskulptur. Hinter Glas stand sie. Eine kleine Ratte, auf einer Dose sitzend, ich meine, in fast lebensechter Größe. Auf den ersten Blick schien sie darüber nachzudenken, wie sie diese verdammte Dose aufbringen soll. Sie heißt „Auguste“, lese ich auf einem Schild. Klar, Auguste Rodin. „Der Denker“, das wohl bekannteste Werk Rodins. Die Dose: Campbell’s Tomato Soup. Andy Warhol. Augenblicklich erfasst mich Begeisterung: Zwei Kunstepochen-Zitate, harmonisch und faszinierend plakativ vereint. Voller Witz und – Mut. Vor allem Mut. Da hat einer keine Scheu, denke ich und besorge mir die Ausstellungsinformationen. Der Urheber: Paul Mühlbauer.

Begegnung mit dem Pisser

Am Tag meiner Begegnung mit der Ratte fahren wir zu Gölles, dann zu Zotter. An beiden Orten begegnen wir Skulpturen des im Burgenland sesshaften Judenburgers. Und erneut, herrliche Bronzearbeiten: Witzig, poetisch, manchmal sehr filigran und dann wieder in comicartiger Ausuferung. Manche kolloriert, manche pur. Jede Skulptur eine Geschichte. Bei Zotter steht der „Pisser“, gleich neben dem Eingang. Ein Mann hat die Hose weit offen und hält seinen Pimmel in die Landschaft. Drei Meter vielleicht fasst sein Pissbogen. Mutig, sage ich zu meiner Frau, sehr mutig, der Kinder wegen, die zu Tausenden in die Schokolademanufaktur pilgern. Und da es mir gefällt, weiß ich, dass andere sich daran stoßen, unter Garantie.

Die denkende Ratte habe ich den ganzen Tag über im Kopf. Im Grunde, sage ich zu meiner Frau, bin das ich. Ständig denke ich über irgendetwas nach. Erzähle jedem, zunächst und permanent sei Schreiben Denken. Und die Dose, das sei die Dramaturgie des Textes, die Dose, die zu knacken sei. Kunst ist für die Menschen gedacht, diese Ratte für mich. Woran der Künstler wohl gedacht habe? sinniere ich. Abends schreibe ich ihm eine E-Mail. Frage vorsichtig nach dem „Rodin/Wahrhol“. Ob ein Künstler von Weltrang dem kleinen Schreiber aus Graz antworten wird, erscheint mir jedoch äußerst fraglich. Seine E-Mail, gleich am nächsten Tag, kommt mir voller Wärme und Kollegialität entgegen. Wir telefonieren.

Begegnung mit Paul Mühlbauer

Einige Wochen darauf fahren wir zu ihm. Ein Atelierbesuch. Die Herzlichkeit unseres Mailverkehrs und der wenigen Telefonate setzt sich fort. Im Eingangsbereich begrüßt uns die von unserem Zotterbesuch bekannte Fußball-Elf. Comicfiguren in Bronze, bunt bemalt, unterhaltsam, kurios. Eine Nationalhymne wird automatisch aktiviert. Paul Mühlbauer arbeitet mit Bewegungsmeldern. Aktiviert dadurch weitere Sinne. Löst ein Lächeln aus.

Der Bildhauer zeigt uns seine Arbeitsplätze. Wir treffen auf Utensilien des Alltag wie auch seiner künstlerischen Arbeit. Wir betrachten ein Haus, das das unsere sein könnte. Hier vermischt sich das Private mit der Arbeit, so, wie es sich bei uns vermischt. In Paul Mühlbauer begegnet mir mein Spiegelbild. Er denkt, er fühlt, er sprudelt und redet wie ich. Vor allem: Er denkt viel, er denkt permanent, er denkt und denkt und denkt. Am Ende kann man unser Denken dann anfassen. Und auch Vera begegnet ein Spiegelbild: in Maria Mühlbauer, Gattin des Sprudlers. Die Frauen hören viel zu. Weil Denken bei uns auch Reden heißt. Wenn die Frauen etwas sagen, horchen wir aufmerksam auf.

Begegnung der Paare

„Mühlbauer“, das sind also auch Zwei. Und so sitzen wir Vier stundenlang am Tisch und unser Austauschen scheint kein Ende finden zu wollen. Dann endlich brechen wir auf, um durch „den grünen Wurm“, wie Paul Mühlbauer einen Bogengang zwischen Atelier und dem öffentlich zugänglichen Kunstpark Süd nennt, in einen kurzen Rundgang zu starten. Paul freut sich über seine Installation, führt den Nieselregen des Bogenganges vor. Vera lacht herzlich. Während unseres Spaziergangs frage ich ihn nach der Essenz seiner Arbeitsweise. Er sagt, was in seinen Katalogen geschrieben wird: Zunächst ist da der Humor, das Unterhaltsame, dann, auf den zweiten Blick, wird es brüchig, reicht über ein Lächeln hinaus. Bildhauerische Karikaturen unserer Zeit, unseres Lebens.

Mit seinem Kunstpark Süd weitet Paul Mühlbauer den Atelierradius: Er nistet seine Figuren ein in die Landschaft, zwischen Bäume, hinter Büsche, auf Rasenflächen, verbunden durch verschlungene Wege und Stege. Einen eigenen Bereich widmet er Kindern: mitten im Wald texten und malen sie. Wiederum also Weitung schulischer Horizonte.

Und schließlich: Begegnung mit der Resl-tant

Im Skulpturenpark steht sie. Resl-tant nennt er das Abbild unserer Vorstellung einer alten Frau auf dem Land. Sie hält eine Gießkanne in der ausgestreckten Hand. Sobald man sich der Skulptur nähert, sorgt ein Bewegungsmelder dafür, dass sie zu gießen beginnt. Mit dieser  vom Aussterben bedrohten alten Damenrasse, die es in mehreren Varianten gibt, hat er noch viel vor: Jede Resl-tant soll ein Abbild einer bestimmten politischen Ära werden. Und so wartet im Atelier bereits der Wachsabdruck einer weiteren Form – die hier natürlich nicht verraten werden darf – auf seine weitere Bearbeitung.

Man könnte noch Vieles schreiben über Paul Mühlbauer, ein Text wie dieser kann dem Künstler niemals gerecht werden. In aller Kürze aber noch: Wer die Dreimeterschleimschnecke kennen lernen möchte, besorgt sich eines der neu erschienen Knaxi-Fisch-Bücher. Ach was: Alle!

Hier geht’s zu Paul Mühlbauer.
Hier geht’s zu Infos über den Kunstpark Süd von Paul Mühlbauer.
Hier geht’s zu den besonderen Knaxi Kinderbüchern, erschienen bei edition lexliszt.
Hier geht’s zu den Fischen.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

Kommentare

ich
22. Oktober 2017 um 11:45

denken bremst – vordenken nicht – nachdenken öfters
liebe juriattis – danke für die mühe und die Buchstaben.

wir haben euch auch ins herz geschlossen – aber nicht zugesperrt (natürlich)
und wir bewundern die Buchstaben und die Vera .
wir kämpfen gegen die Dummheit und für die liebe

fickt euch ins knie – ihr anderen

pauli + maria

rainer
22. Oktober 2017 um 13:56

Genial! – Ja, genau: fickt euch ins Knie, ihr anderen! Herrlich! Ich schließe mich an …

der Rainer

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