5. September 2021 - Keine Kommentare!

Die angenehme Patientin

Die angenehme Patientin
von Vera Juriatti

Unlängst habe ich einen wunderbaren Beitrag einer Sternenkindfotografin gelesen: Sie ist jüngst zu dein-sternenkind.eu dazugestoßen und möchte, dass möglichst viele Menschen davon wissen. Sie bat deshalb darum, ihr Posting auf Facebook möglichst oft zu teilen. Sie wünscht sich mit ihrem Ansinnen, was wir alle wollen, die wir fotografieren, Selbsthilfegruppen leiten oder professionelle posttraumatische Hilfe anbieten: Wir sehen die dringende Notwendigkeit der Autonomie aller – und das ist die Krux – künftigen Patientinnen mit Sternenkindern.

Mehr als dreißig Jahre gehörte ich der pflegenden Zunft an. Als Krankenschwester weiß ich somit eines: Die lästigsten Patientinnen sind die, die ständig läuten, die permanent etwas brauchen und über jedes Detail in ihrer Behandlung und Betreuung Bescheid wissen wollen. Noch lästiger sind sie, wenn sie über die Thematik ihres Aufenthalts dann auch noch wirklich gut informiert sind. Lästig ist natürlich auch, dass ich weiß, dass es das Recht jeder einzelnen Patientin ist, viele Fragen zu stellen, sich den Polster im Rücken angenehm auffrischen zu lassen und jeden Wunsch erfüllt zu bekommen, der förderlich für ihre Gesundung sein kann. Es ist ihr Recht, so lästig es sein mag.

Die angenehmen, feinen Superpatientinnen hingegen, das sind die, die niemals läuten und auf die Visitenfrage, ob sie schmerzen haben, auf einer Skala von 1 bis 10 mit Neun antworten, aber meinen, da müsse man halt durch. Die feinen, angenehmen Patientinnen sind die, die mit ihren Sorgen für sich bleiben, die mit großen Augen schauen und aufmerksam zuhören, aber niemals eine Frage stellen und darüber hinaus alles tun, was man ihnen sagt. Auch wenn es nichts ist, das sie tun sollen. Zum Beispiel, sich zu weigern, das tote Baby aus den Händen zu geben.

Krankenschwester und Sternenkindmama

Als Sternenkindmama gehörte ich zu diesen angenehmen Patientinnen, weil wir Sternenkindmamas irgendwie alle dazu gehören, so ganz ohne Erfahrung und Vergleichsmöglichkeit. Ich kann mich gut erinnern, dass ich nur körperlich anwesend war: Alles war vollkommen unwirklich, alles wurde überdeckt von Schmerz und Trauer – in einem Maße, dass kein Wunsch zählte, keine Frage aufkam und sogar die Aufnahme von Informationen gleich Null blieb. Das hat sich natürlich bis heute nicht verändert: Schmerz und Trauer sind zeitlos. Was sich allerdings verändern hätte können, wären die Rahmenbedingungen, in denen wir unser Leid zu tragen haben. Denn vielfach ist es leider auch nach wie vor Alltag, dass Sternenkindmütter erst zu Hause, in Gesprächen mit anderen Betroffenen, durch Informationen im Internet, durch Aufklärung in Selbsthilfeforen und vielem mehr erfahren, was es alles gegeben hätte, das man ihnen vorenthielt. Ich selbst erlebte das damals so, dass das langsame „Lichten des Nebels“ zum reflektierten Denken führte und ich plötzlich wusste, was ich gebraucht hätte. Und natürlich stellte ich mir dann die Frage: Warum habe ich es nicht bekommen?

Diese Erkenntnis führte dazu, dass ich mich viele Jahre auf der gynäkologischen Station, auf der ich arbeitete, für exakt jene Rahmenbedingungen einsetzte, die ich vermisst hatte. Leider begannen damit die Schwierigkeiten, mit denen ich bis heute kämpfe: Für meine Kolleginnen war es schwer, meine Gefühle nachzuvollziehen und so „zogen sie nicht mit“, sondern blieben beim oben beschriebenen Prinzip: Wer nicht fragt, ist angenehm und wird nicht freiwillig auf Leistungen hingewiesen, die uns Arbeit gemacht hätten und uns auch ganz persönlich in unangenehme Situationen führen, in denen wir meinen, nicht zu wissen, was man sagen könnte.

Wir haben nur wenige Augenblicke

Sofern von einem Menschen tausend Erinnerungsstücke bleiben und irgendjemand verwehrt mir den Zugang zu zweien, dann werde ich das kaum spüren. Bei einem Sternenkind aber, da haben wir nur wenige: eine Fußabdruckkarte, ein paar gute Fotos von Sternenkindfotografen, Ultraschallbilder und vielleicht den Schwangerschaftstest sowie unseren Mutter-Kind-Pass. Nimmt man mir zwei dieser fünf Erinnerungen, dann ist das natürlich fatal und nicht zu entschuldigen.

Fotos sind das Wichtigste überhaupt, ich kann meiner Familie und Freunden mein Kind zeigen, dann können sie sich auch besser in mich hinein versetzen und wir haben „etwas zu teilen“. So sind auch mein Mann und ich gemeinsam als ehrenamtliche Sternenkindfotografen in der Steiermark unterwegs. In jedem Bundesland, im ganzen deutschsprachigen Raum Europas gibt es Sternenkindfotografen, die über die genannte Plattform www.dein-sternenkind.eu gerufen werden können. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich von einer Hebamme den Satz vernommen, auch sie würden schöne Fotos machen. Das mag schon sein, dennoch erhalte ich immer wieder Zuschriften, in denen Mütter mir schreiben, das Kind auf dem Bild sei nicht ihres, es sei nicht wiederzuerkennen. Darin, denke ich, liegt die Qualität der besonders geschulten Fotograf*innen: Sie machen ehrenamtlich Bilder werdenden Lebens, in einer Form, der den Müttern ihr Kind so zeigt, wie sie es sahen. Es ist schwer zu erläutern, man muss es sehen (Beispiele finden Sie auf https://www.to-the-moon-and-back.org/home).

Das Tabuthema Sternenkinder ist noch nicht in der Mitte unserer Gesellschaft angelangt und leider hängen Erinnerungen stark von der Autonomie der Patientinnen ab, was wiederum bedeutet, dass möglichst viele Menschen wissen müssen: Es ist egal, wie angenehm eine Patientin für die Schwestern ist. Was zählt, ist ihr Weg ins Heilwerden, sollte es so etwas überhaupt geben im Falle eines verstorbenen Kindes, das – wie mein Mann es ausdrückt – zur Welt starb. Somit ist es notwendig, auch hier zu schreiben, was die Fotografin unlängst schrieb: Sagen Sie es weiter, sei es bestenfalls durch das Teilen dieses Beitrags. Aber sagen Sie es vor allem persönlich, wenn eine Freundin in die Situation kommt, eine stille Geburt verkraften zu müssen, denn jede Erinnerung zählt. Bitte rufen Sie eine*n Fotograf*in oder bestärken ihre Freundin, Fotos machen zu lassen. Wir jedenfalls sind 24 Stunden vollkommen kostenfrei dazu bereit.

Hier geht's zu Vera Juriattis Buch "Leon & Louis oder: Die Reise zu den Sternen".
Hier geht's zu "Die Abwesenheit des Glücks".

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Pablo, Text

Eine Antwort verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.