29. August 2021 - Keine Kommentare!

Die Macht, Erinnerungen zu stehlen

Die Macht, Erinnerungen zu stehlen
von Vera Juriatti

Vergangene Woche war keine gute. Erneut haben wir offene Ablehnung erfahren, dabei ging es in einem Treffen mit einer Hebamme eigentlich nur um die ersten Erfahrungen mit der – an dieser Stelle hier oft erläuterten – Sternenkindbox. Wir hatten um das Gespräch gebeten, so, wie wir seit Monaten und Jahren für alles rund um das Thema Sternenkinder Bittsteller sind.

Anstelle eines guten, förderlichen Gespräches stellte sich rasch heraus: Die Hebamme mag uns nicht. Nörgelt an allem herum, was wir machen und anbieten. Und weil sie uns nicht mag, arbeitet sie bewusst nicht mit der Box, die ihr durch Spenden und öffentliche Gelder geschenkt wurde, um sie an Betroffene weiterzugeben. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie nicht einmal deren Inhalt kennt. Die Erfahrung also, dass es durch die Ignoranz der Hebamme auf ihrer Station Menschen gibt, die – ohne es zu wissen – die Box nicht erhalten, brachte mich auf folgende Gedanken:

Stellen Sie sich vor, Sie sind von einer wenig motivierten Orstkundigen abhängig, die Ihnen rasch eine Ihnen gänzlich fremde Stadt zeigen soll. Sie fährt mit Ihnen zu einem Hochhaus, nimmt den Lift auf’s Dach, führt sie durch die Tür ins Freie und sagt, sie zeige Ihnen nun alles auf nur einen Blick. Sie werden an den Rand des Hochhauses geführt und blicken auf ein wildes Durcheinander an Autos, Bussen, Fahr- und Motorrädern. Es ist laut und stickig. Danach führt Sie Ihre „Tourleitung“ direkt zurück zum Fahrstuhl. Wie werden Sie den Rest Ihres Lebens über diese Stadt sprechen? Nicht sehr einladend, verständlich. Nun nehmen wir an, eine andere Tourleitung hätte Sie auf die andere Seite des Hochhauses geführt, jene dem Verkehr abgewandte. Dort liegt ein Park und gibt den Blick sogar noch auf ein Hochhaus frei, das begrünt wurde. Wie würden Sie dann von der selben Stadt sprechen?

Wir erleben stets nur jene Version einer stillen Geburt, den eine Hebamme uns gönnt. Erinnere ich mich an jene Zeit, in der ich unsere fünf Sternenkinder zu verkraften hatte, so wurde ich jeweils an eine Hochhauskante geführt und bekam zu sehen, was das jeweilige Personal mir zu zeigen bereit war.

Grundsätzlich sind wir als Patienten nur anhand unserer Erfahrungen fähig, aufgeklärt und autonom zu werden (wir lernen sozusagen „von Fall zu Fall“ dazu, sei es bei OPs, sei es beim Zahnarzt). Entscheidend also ist, was bei einer stillen Geburt und danach geschieht, was ich sehe, rieche, höre. Unsere Box nennen wir „Handreichung“: weil sie weit über die Zeit im Krankenhaus hinausreicht und - das ist das entscheidende - in den Momenten des Schmerzes das Ritual der Fußabdruckkarte sowie die Duftkarte (Aromatherapie!) anbietet. 

Wenn eine leitende Hebamme ihr gesamtes Team aufgrund persönlicher Befindlichkeiten negativ beeinflusst (deshalb baten wir um das Gespräch), dann hat das unter Umständen lebenslange Auswirkung: Erfahren Mütter nach dem Aufenthalt auf dieser Station in einem Forum, in einer Facebookgruppe oder in einer psychologischen Beratung von einer Box, die sie nicht erhalten haben, so werden sie sich noch erbärmlicher fühlen und sich fragen: Warum war ich der Hebamme diese Box nicht wert? Warum durfte ich den Fußabdruck nicht setzen? Warum hat nur sie selbst ein paar Fotos gemacht und keine Sternenkind-Fotografie angeboten? – Und so stellt sich die Frage: Wie kann diese Mutter das entschuldigen? Richtig: niemals. – Leider haben wir bereits einige solche Zuschriften und Anrufe erhalten. Betroffene wollten die Box sogar bei uns kaufen.

Sternenkindmutter zu werden, das bedeutet immer, vollkommenes Neuland zu betreten. Es gibt auch keinen Erfahrungszugewinn. Ich selbst hatte zwar fünf Sternenkinder, doch eine Entwicklung, die mich in eine Patientenautonomie und das Wissen führt, was ich erwarten darf, hat sich nie eingestellt. Uns Sternenkindmütter begleiten durch diese ganze Situation nur großer Schmerz, Trauer, Angst und Verzweiflung. Dennoch sind unsere Sinne hellwach, jedes kleinste Manko kommt uns später in den Sinn und verlässt uns nie wieder. Im Nachhinein sind es bestenfalls nur Kleinigkeiten, die wir vermisst haben, oft aber sind es leider große Versäumnisse, die betreuende Personen uns durch Vorenthaltungen zu ertragen geben. Vorenthaltungen, die für uns wichtig und heilend gewesen wären. 

Die Haltung der Hebamme zeigt: Menschen, die uns als „Tourbegleiterinnen“ an die Kante unserer Hochhäuser führen, haben die Macht über unsere Erinnerungen. Und: Sie sind fähig, diese zu stehlen, indem sie angebotene Erinnerungen unterschlagen. Davon haben wir ja sowieso nicht viele. Was bleibt neben dem Mutter-Kind-Pass und ein paar Ultraschallbildern? Unterschlägt die Hebamme den richtigen Umgang mit der Box, nur, weil sie uns nicht mag, so „schenkt“ sie damit hunderten Sternenkindmüttern – wenn sie von der Sternenkindbox im Nachhinein erfahren – den Gedanken, diese Handreichung nicht wert gewesen zu sein.

Nach all diesen Erwägungen ziehe ich aus der vergangenen Woche die Erkenntnis: Als Sternenkindmütter müssen wir junge Frauen informieren, was es alles gibt und was sie fordern dürfen. Sie selbst müssen den Blick über die Hochhauskante wählen können, indem sie alle Seiten der Sicht auf die unbekannte Situation kennen. 

Und ganz persönlich weiß ich nach dem Gespräch mit der Hebamme: Ich bin ab jetzt keine Bittstellerin mehr, lieber bin ich laut, noch lauter. Sternenkindeltern haben das Recht, gehört, gesehen, verstanden und wertfrei mit allen Angeboten betreut zu werden.

Hier geht's zum Video über die Sternenkindbox.
Hier geht's zu "Die Abwesenheit des Glücks".
Hier geht's zu Vera Juriattis Buch "Leon & Louis oder: Die Reise zu den Sternen".

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Pablo, Text

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