13. Juni 2018 - Keine Kommentare!

Die Verdichtung des Woher

Die Verdichtung des Woher
Rainer Juriatti

Alles ist umgebaut, alles ist neu. Die Schnellstraße taucht ein in einen kurvigen Tunnel, schießt auf einen hell erleuchteten unterirdischen Kreisverkehr zu, schwingt nach rechts einen Hügel hoch und spuckt dich in der Stadt aus. In Algund, einem Randbezirk Merans. Zwei Kurven weiter: Backflash.

Schlagartig sitzt ein Achtjähriger am Steuer des Autos. Einbremsen, Blinker, links über die Straße schießen, Handbremse. Mitten in der Goethestraße findest du dich wieder. Bist acht Jahre, zehn Jahre, elf Jahre alt. Alles, nur nicht 53. Da steht sie, direkt vor dir, so, wie sie immer stand, durch die Jahrzehnte hindurch steht sie da, offenkundig. Als Gasthof, als Restaurant. Früher nur: Hannybar.

Natürlich muss das fast Unglaubliche auf Bilder gebannt werden. Ganz rasch, hektisch nahezu, damit es nicht verschwindet wie eine Fata Morgana, machst du ein Foto eines Tisches. Irgendeines Tisches: Hier hast du gesessen, auf diesem Quadratmeter genau, mit deinem Großvater, hast Rummy gespielt und dein allererstes kleines Glas Rotwein getrunken. Kurz nach Mittag, und kurz nach Mittag bist du dann auch ins Zimmer gegangen und hast deinen ersten Rausch ausgeschlafen.

Von hier aus bist du mit deinen Eltern und Großeltern zum Mutweg aufgebrochen oder zum Waalweg, Pflichtprogramme in den Ferientagen. Deinen Opa kennst du nur glücklich hier. Am Rande seiner Heimat, am Rande seiner Wurzelstöcke. Gleich gegenüber entdeckst du die Goethebar, da gab es Lose zu kaufen. Gewonnen hat jedes Los. Opa trank ein Achtele und du hast die Gewinne aufgeteilt mit deinen Brüdern oder deiner Cousine. Die war auch immer dabei. Deine Cousine, die heute in Canada lebt.

Dein Leben zieht vorbei an dir, gleichsam so, wie es heißt, dass sie in der Todesstunde am Menschen vorbeiziehen. Es sind die guten Bilder. Hier kommst du her, hier spielte sich Prägendes ab.

Wir denken viel darüber nach, was wir hinterlassen hätten können. Was gewesen wäre, wenn. Wie bitter es schmeckt, wenn unsere Spur sich in Nichts auflöst. Kern des Lebens: diese Auflösung. Und dennoch bleibt da ein Streif am Horizont. Wenn du Glück hast, kreuzen sich die Wege des Jetzt mit jenen der Vergangenheit.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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