25. Mai 2019 - Keine Kommentare!

fridays for future, of freedom, against fear

fridays for future, of freedom, against fear
Rainer Juriatti

Skolstrejk för klimatet. Schulstreik für das Klima, heißt es auf einem T-Shirt. Der Träger, kein Schüler. Eine Solidaritätsbekundung eines Erwachsenen, einem Lehrer vielleicht. Deutlicher eine Frau: Lehrer für die Zukunft. Teachers for future. Mit einem Smiley. Auch die Lehrerin lächelt. Einige andere Erwachsene entdecke ich unter den Tausenden. Die Umweltbeauftragte der Diözese Graz-Seckau beispielsweise. Eine naheliegende Solidarische. Und gestern auch ich. Es war Zeit, den Jugendlichen zu zeigen: Auch ein Mann mit Falten hat Angst.

Um die Zukunft geht es. Das ist allen klar, sogar uns erwachsenen Ignoranten. Denn egal, wo wir tätig sind: in Kleinstunternehmen, in Konzernen, in non-profit-Einrichtungen, im öffentlichen Dienst, in der Politik. Wir alle tragen die Verantwortung für die dramatischen Zeichen des endgültigen Niedergangs. Wir sind die Konsumentengeneration eines  glorreichen Plastik-Atom-Asbestuniversums, wir sind die CO2-Vernebler der aus einer 70erJahre-Ölkrisen-Schockstarre Erwachten, wir sind die großklotzig-dickbäuchigen Urlaubsreisenden, die den Schnäppchen-Pauschalurlaub gefordert und kultiviert haben, wir sind die Endverbraucher mit einem 2,5 Mal zu großen Ökofußabdruck. Zugleich sind wir jene Endverbraucher, denen keine Schuld zugeschrieben werden kann: der Mensch ist ein Genusstier, er nimmt, was er bekommt. Es ist evolutionsbedingt verankert. Doch wir sind zugleich jene, die heute an den Machthebeln sitzen, die exakt jene Politik von heute prägten oder aktuell verkörpern. Daran erinnern uns die Jugendlichen, daran arbeiten sie, wenn sie Freitag für Freitag auf die Straße gehen und ihre Forderungen laut skandieren.

for future

Gestern in Graz und zugleich weltweit haben sie es erneut deutlich getan: „What do we want?!“ ruft einer der Veranstalter über eine bombastische Soundanlage während des gesamten Demonstrationsmarsches. „Climate justice!“ antwortet die Menge, Klimagerechtigkeit. „When do we want it?!“ ruft der Mikrofonhalter. „Now!“ antwortet die Menge. Aus ihrem Skandieren wird ein breiter, ein alles und alle umfassender Rhythmus. Ein Hinreißender. Ein Mitreißender. Ein Herzzerreißender. Wobei Letztgenanntes ungenügend und unangebracht klingen könnte: Da sind keine Kids, die irgendwas wollen und das ganz nett kommunizieren. Lieb halt. Herzig. Nein. Ich sehe Tausende Jugendliche, die es ernst meinen und auf unzähligen Transparenten auch ausdrücken. Ich lese Angriffe auf die Politik, ich lese sorgenvolle Parolen, ich lese klar formulierte Forderungen, objektive Wahrheiten, unbestreitbare Fakten. Die Stimmung erinnert mich, den Mann mit den Falten, an Zwentendorf. An Hainburg. Nur friedlicher ist es hier, eher Rockkonzertmäßig, reifer vielleicht. Und ich denke an Greta Thunberg, klar. Sie ist es, die das alles hier möglich gemacht hat.

Greta Thunberg war zunächst einsam. Saß am 30. August 2018 vor dem Schwedischen Reichstag und streikte. Erst täglich, dann ein Mal pro Woche. Bald wurde sie zum Vorbild für die Extinction Rebellion (die Rebellion gegen das Aussterben): Nur drei Monate waren vergangen, als sie in London erstmal große Massen mit sich riss. Die Welle schwappte kurz darauf nach Australien. Der Rest ist Geschichte. Die fridays-for-future-Bewegung hat sich inzwischen über den ganzen Erdball ausgebreitet. Keine digital-amüsante, vielmehr eine real-virale Verbreitung aller handfesten Zukunftsfragen.

for freedom

Die Jugendlichen sind nicht befeuert vom Fernbleiben aus der Schulbank. Sie sind befeuert von der Möglichkeit, Gehör zu finden. Sie sind befeuert vom Gedanken, aus ihrer Ohnmacht uns kindlich-kurzsichtigen Erwachsenen gegenüber entkommen zu können.

Mit dem Beschluss der Regierenden von heute, sich auf das Streikverbot in Schulen zu berufen und die „fridays“ zwingend in die unterrichtsfreie Zeit zu verlegen, wählten wir erwachsenen Ignoranten das Mittel der Bevormundung, der die Jugendlichen entrinnen müssen, da exakt diese Bevormundung auf den Todesstoß unseres Erdballes zusteuert. Glücklicherweise haben es die jungen Menschen erkannt: Eine Demonstration hat einen vollkommen anderen Gehalt als ein Streik. Ein Streik legt eine Verpflichtung nieder, darauf kommt es an. Das Nein zu einer Verpflichtung unterliegt einem höheren, wertvolleren Anliegen. Streiken heißt, etwas anderes in die Hand zu nehmen als die eigene Bequemlichkeit. Ein Streik verlässt die angenehme Komfortzone. Ein Streik setzt alles auf eine Karte. Darauf kommt es an. Die Jugendlichen demonstrieren nur, während sie streiken. Sie bleiben nicht einfach zu Hause. Sie gehen auf die Straße. Das hat nichts mit Schulschwänzen zu tun. Gar nichts. Sie stehen für die Freiheit, die Form des Streikes zu wählen.

against fear

Wir müssen es sehen, wir müssen es hören, wir müssen es erkennen und anerkennen: Die Jugendlichen haben berechtigte Angst. Sie haben Angst vor dem Morgen. Sie haben Angst davor, selbst noch Kinder in die Welt zu setzen. Sie haben Angst davor, ohne jede langfristige Perspektive zu altern. Auf einem Transparent las ich sinngemäß: Ihr werdet alt sterben, ich am Klimawandel.

Der EU-Grünen-Kandidat Werner Kogler hat es unlängst auf den Punkt gebracht: Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel zu spüren bekommt und wir sind die letzte Generation, die das ändern kann. Damit können wir uns nicht davonschleichen aus unserer enormen Verantwortung, wiederum in zweierlei Hinsicht: Wir haben einen Großteil zur Katastrophe beigetragen und wir sitzen aktuell, in diesem Moment, an jenen Machthebeln, die das ändern kann.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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