31. Dezember 2017 - Keine Kommentare!

Das Jahr, in dem sie das Geschlecht abschafften

Das Jahr, in dem sie das Geschlecht abschafften
Rainer Juriatti

In der Volksschule des schwedischen Egalia benennen Erwachsene alle Kinder geschlechtsneutral. Pronomen wie er und sie wurden abgeschafft. Die schwedische Sprache bietet hier eine Alternative, den geschlechtsneutralen Kunstbegriff „hen“, zusammengebaut aus „han“ und „hon“, also  er und sie. Bei uns wäre das es. Dabei klingt geschlechtsfreie Sprache wie ein Filmzitat aus „Schweigen der Lämmer“: Wenn ein Lehrer zu einem Schüler sagt, „es komme bitte an die Tafel“, „es ziehe die Schuhe aus“, „es sei jetzt brav und creme sich mit dieser Lotion ein“.

Seit unsere Kollektiv-Chefdesignerin Jelena vor einigen Tagen im Atelier war, habe ich einen Neujahrsvorsatz. Ich hatte noch nie einen. Aber ich denke dabei an unser Gespräch, es drehte sich um die eingangs geschilderte Situation in Schweden, um die Möglichkeit, nun auch bald bei uns geschlechtsneutrale Papiere ausstellen zu lassen, es ging um geschlechtsneutrale Erziehung, ganz ohne Bagger oder Puppe. In unserem Gespräch ging es auch um ihren Freund, mit dem sie gerade ein paar Tage in Asien verbracht hatte und damit ging es um ihre private, geschlechtsspezifische Interaktion. Gemeint ist ihr gesamtes Miteinander. Jelena meint, sie ergänzten sich geschlechtsspezifisch wie zwei perfekte Puzzleteile. Jelena, das wurde deutlich, hält nicht viel von Geschlechtsneutralität. Sie mag die Prägung, die sie durch ihre Eltern erfahren hat. Sie ist Anfang Dreißig und froh darüber, eine Frau zu sein, als Frau zu denken, als Frau zu handeln und als Frau Manches auch nicht zu können.

Viele Frauen mögen Jelenas Haltung ablehnen: Wie kann eine Frau das Männliche im Mann unreflektiert hinnehmen? Wie kann sie damit sagen, er könne Sachen, die sie nicht könne? – Und indem ich Fragen wie diese hier notiere, lesen vielleicht Manche bereits unterstellend heraus, ich missbrauchte Jelena, da ich über ihren weiblichen Rücken hinwegschriebe, nur, um die Argumente einer Frau für meine chauvinistische Haltung heranzuziehen. Vielmehr aber gebe ich unser Gespräch hier wieder, da ich es schätze, wenn eine Frau „eine Frau  in Interaktion mit Männern“ sein möchte. Ich war auch sehr glücklich über die vielen tollen Interviews, die Nina Proll gegeben hat. Beide Frauen vereint in meinen Augen eines: Sie sind stark, sie stehen fest im freiberuflichen Leben, sie halten mit ihren Meinungen nicht zurück und sehen ihr Handeln nicht auf einer eigentümlichen Matrix verankert, die vorschreibt, jeden Mann zunächst kritisch und eher gefährlich-ablehnungswürdig zu betrachten.

Seit Jahren betone ich bei jeder Gelegenheit, dass es eine Ungerechtigkeit ist, wenn bei gleicher Arbeitszeit, gleicher Befähigung und und gleicher Position unterschiedliche Gehälter gezahlt werden. Männer und Frauen sind gleich. Punkt. Und so ist es selbstverständlich, dass wir Männer diese Gleichheit in allen Lebensbelangen respektieren. Dazu gehört ebenso selbstverständlich auch ein „Nein“, wenn es ausgesprochen wird. Beruflich wurde ich in den vergangenen Jahren sowohl von Frauen wie Männern auch enttäuscht: es gab keinen geschlechtsspezifischen Unterschied hinsichtlich der finanziellen Ausbeutung meiner Budgets, des mangelnden Verantwortungsgefühls, der schlampigen Arbeitsweise. Ebenso begegneten mir beruflich in den vergangenen Jahren weibliche wie männliche Auftraggeber. Auch hier gab es geschlechtsspezifisch keinen Unterschied, die Anforderungen waren stets die selben, die Projektmaßstäbe gleichwertig, die Bezahlungen die selbe.

Frauen sind schätzenswert und liebenswert. Man denke an den herrlichen Film „Der Duft der Frauen“: Tanzend sind wir, Geschlechter in Interaktion. Frauen bereichern uns Männer, sie bringen uns weiter, sie treiben uns an, sie sind Stütze und Wagnisgrund. Das selbe darf ich von uns Männern behaupten. Auch Jelena und ich, wir ergänzen uns: Vieles, was sie kann, das kann ich nicht, bleibt mir fremd. Wir verstehen uns beruflich, aber auch persönlich sehr gut. Wir ergänzen uns perfekt. Ich behaupte, weil wir Mann und Frau sind. Zwei Geschlechter, die gelernt haben, auch geschlechtsspezifisch unterschiedlich zu denken.

Wenn anstelle des er und sie das es tritt, verlieren wir den wunderbar geschenkten Reiz jeglichen Miteinanders. 2017 läuft Gefahr, durch alle seine unfairen Diskussionen historisch als jenes Jahr bezeichnet zu werden, in dem das Geschlecht endgültig abgeschafft wurde. Das Jahr, in dem anstelle der Menschlichkeit das es trat: Es ist kalt. Es heißt nichts anderes als „Verfügbarkeit“. Der Mensch wird instrumentalisiert. Wir Männer dürfen keine Türen mehr aufhalten, Frauen dürfen keine Komplimente mehr unreflektiert entgegennehmen. Es hat zu funktionieren, es hat Leistung zu bringen, es hat sich an Regeln zu halten. Und nicht zuletzt: Es hat brav jeden Text bis zur totalen Verstümmelung zu gendern und es hat die Bundeshymne auch weiblich zu singen. Jüngsten nannte es sich eine „Grünin“, Tatsache, es sagte: „Wir Grüninnen“. Es hat ein nomen collectivum brav gedendert, man/frau (auch ein grammatikalisches Verbrechen) hat sich daran zu halten.

Mein Neujahrsvorsatz wird sein, in meinem täglichen Schreiben noch intensiver darauf zu achten, nicht zu gendern. Redaktionelles Arbeiten sieht das nicht vor: weil Schreiben dem lesenden Menschen dient. Der Interessierte soll einen Text auf einen Blick erkennen können. Das ist mein Vorsatz. Und: die Frauen weiterhin zu lieben, zu schätzen und zu bewundern.

Hier geht’s zu einem Profil-Interview mit Nina Proll.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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