12. März 2018 - Keine Kommentare!

Im Auf – 12. März 2018

 

Im Auf – 12. März 2018

Von der Vergangenheit bleibt nur, „was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihren gegenwärtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann“, lautet der berühmte Schlusssatz der 1925 publizierten Schrift „Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen“ von Maurice Halbwachs.

12. März 2018

Das heutige Datum also werden Menschen nach uns wiederum in ihren eigenen Bezugsrahmen setzen. Wird man sagen, der 12. März 2018 sei ein Tag gewesen, an dem vielen Menschen ein Licht aufging? Wohl eher nicht. Vielleicht wird man sagen, es sei zwar ein Tag wie jeder andere gewesen, jedoch in einer Zeit, in der die österreichische Regierung zurückfand in den Extremismus der Dreißigerjahre des vorangegangenen Jahrhunderts. Hoffentlich nicht.

Aufstand

Heute in der Früh erinnerte ich mich an zwei wesentliche Ereignisse: An den Tag, an dem mir vom Stadtarchiv Bludenz das Abfotografieren eines Schriftstücks erlaubt wurde, das meinen Großvater Max Juriatti als „Aktiven“ auszeichnet. „Persönlichkeiten“, steht da, „die in Anbetracht der Tapferkeit, die sie anlässlich der Befreiung bewiesen haben, höherer Stellen würdig sind. Die in der Nacht am 2.5. auf 3.5.45 aktiv an dem Anschlag auf die Kreisleitung teilgenommen haben:“ Dann folgen die Namen. Und eben auch der meines Großvaters.

Aufstehen

2008. 70 Jahre Gedenken. Das ist das zweite Wesentliche, das mir einfällt. Um zu erinnern, fotografierten Eva Rauch und ich – getrennt voneinander – Orte des Erinnerns. Quer durch Vorarlberg fuhren wir und sinnierten darüber, was der jeweilige Ort mit uns macht. Im ORF durften wir unsere Bilder dann gegenüberstellen. Das Bild der Bielerhöhe hat sich besonders in mein Gedächtnis eingebrannt. Es war total still, als ich auf den Auslöser drückte. Totale Stille, ein Kreuz, eine Kirche, ein paar Wolken.

Aufzeichnen

„Max Juriatti steht da, darunter: Kaufmann. Sinnlos, diese Gravur eines Berufes, zunächst doch nur: Max Juriatti, Großvater. Lehrmeister des Erinnerns. Keine großen Worte. Lehrmeister, ohne groß darüber zu sprechen. Tot ist tot.“ – Ein paar der wichtigsten Worte aus „Spaghettifresser“, 2014 erschienen.

Die Haltung meines Großvaters ist mir stets Richtschnur. Unsere Waffen, erkenne ich, können ein Fotoapparat sein, oder ein Bleistift. Anschreiben gegen die Gewalt. Klingt heroisch, ist es aber nicht: weil es dem Menschsein in meinen Augen am nächsten kommt.

 

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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