31. Oktober 2021 - Keine Kommentare!

Immer wieder: erinnern.

Immer wieder: erinnern.
von Vera Juriatti

Da bin ich. Manchmal, da begegnet mir der Schmerz wie nach einem heftigen Schneesturm. Dann nehme ich ihn wie einzelne, tanzende Schneeflocken wahr, die vom Himmel fallen.

Die meisten Flocken berühren mich nicht, sie sind nur da, ich kann bewusst nach ihnen greifen, wenn mir danach ist, und erlebe dadurch eine Facette des Schmerzes, andere aber fallen direkt auf mich, ich kann nichts dagegen tun. Sie brennen in meinem Herzen. 

Damals, vor vielen Jahren schon, stand ich mitten im Sturm, war umhüllt von diesem einzigen, großen Orkan des Schmerzes. Wie lange dieser umfassende, betäubende Zustand anhielt, das kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur, dass ich später oft davon sprach, dass ein ganzes Jahr wie gelöscht ist - bis heute kann ich mich nicht erinnern. Ein Jahr ohne Erinnerung an mein Leben. Wir hatten in dieser Zeit schon einen Sohn. Ich würde mich gerne erinnern, seinetwegen. Doch der Schneesturm umhüllte mein ganzes Dasein. 

Das Nachlassen des Sturms hat lange gedauert. Mein Mann und ich, wir nahmen uns die Zeit dafür. Fünfundzwanzig Jahre nach meinem letzten, dem fünften Sternenkind, sind es diese tanzenden, schmerzvollen Flocken, die immer noch vom Himmel fallen. Sie sind geblieben.

Ruhender Schmerz, so sehe ich das heute. Ruhender Schmerz, es geht mir immer wieder durch den Kopf. Er legte sich auf mein Leben, wie die Schneedecken sich bald wieder auf unser Land legen.

(Bild: Pablos Erinnerungsstelle im Sternenkind-Sammelgrab von Mürzzuschlag)

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Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Pablo, Text

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