6. April 2019 - Keine Kommentare!

Integrierte Identitäre

Integrierte Identitäre
Rainer Juriatti

Ein kleines Blitzlicht zum Frühstück: Mittwoch dieser Woche. Die ÖVP fordert eine „Abgrenzung“ aller Politiker von den Identitären. Donnerstag. Unser ÖVP Bürgermeister in Graz steht brav neben FPÖ Vizebürgermeister Eustacchio, der sagt, es gebe keinen Grund, sich zu distanzieren. Ende des Blitzlichts: Dieser kleine Moment der Weltgeschichte reicht aus, um zu zeigen, dass wir hier zerredet, verwirrt und möglichst meinungslos gemacht werden sollen. Ich soll möglichst nicht wissen, wer was wann gesagt, nicht gesagt und schließlich, wer recht hat. Doch die Sache ist mehr als einfach.

Eustacchio gilt als rechter Mann. Nicht zu verwechseln mit rechtschaffen. Das meine ich nicht. Aber heute haben Wortspiele keinen Platz, deshalb auf den Punkt gebracht: Eustacchio findet alles super, was die Identitären sagen. Als der ÖVP Bürgermeister am Donnerstag schwieg, war ich verwirrt. Der ÖVP Kanzler fordert zwar Distanzierung, im seligen Graz allerdings wird eine Ausnahme gemacht?

Verwirrungen

Freitag. Ich lese, Sellner, Chef der Identitären, hat als 17-Jähriger Hakenkreuze an eine Synagoge und an Lichtmasten gepickt. Eustacchio nennt es eine Jugendsünde, die „man grundsätzlich ablehne“. Wer ist „man“? Wir? Er? Die FPÖ? (Ich bin verwirrt.)

Samstag. Ich lese, der Grazer FPÖ Gemeinderat Heinrich Sickl vermietet den Identitären in Graz seine Räumlichkeiten. Das also ist keine Verbindung der FPÖ zu den Identitären?

Samstag. Ich lese, der Kärntner FPÖ Landesparteichef Gernot Darmann gehe auf Distanz gehe zu „dem ganzen Nazidreck“. Die Identitären sind also doch Nazis? Eustacchio sagt doch, er könne alles unterschreiben, was die denken. (Ich bin verwirrt.)

Samstag. Ich lese, der Ferlacher FPÖ Stadtparteichef Dominic Keuschnig habe 2010 gepostet, Kärnten sei erst frei, wenn des Deutsch sei. Keuschnig arbeitet für die FPÖ Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein und gilt als Schnittstelle zu den Identitären.

Zurück in Graz, selber Tag. Der ÖVP Bürgermeister, am Donnerstag noch voller öffentlich bekundeter Harmonie mit dem Identitären-Befürworter Eustacchio, fordert nun doch eine Distanzierung. Auch die SPÖ und KPÖ fordern Eustacchios Distanzierung. Frist: Bis kommenden Montag. Soll Eustacchio ausgerechnet von der roten Fraktion ein Sonntagsgottesdienst gegönnt sein, um darüber nachzudenken? Was gibt es hier nachzudenken? (Ich bin verwirrt.)

Was wird geschehen?

Die Verwirrungsstrategie wird siegen. Eustacchio wird sich früher oder später – wohlüberlegt formuliert – irgendwie distanzieren. ÖVP, SPÖ und KPÖ werden zufrieden sein, der ÖVP Bürgermeister wird zurückkehren zu seinen Biosackerln, die er derzeit auf Plakaten durch Graz trägt und uns sagt, wir sollen gesund leben. Die anderen werden weiterhin gegen sinnentleerte ÖVP-FPÖ Projekte wie die Abholzung eines Hausberges zugunsten einer Erlebnisgondel wettern.

Die FPÖ wird weiterhin enge Verbindungen zu den Identitären pflegen, ein bisschen leiser vielleicht. „Jugendsünden“ nämlich sind auffällig, erwachsene Nazis haben gelernt, sich anzupassen und diskret zu sein. (Warum erinnert mich das an die Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts?)

Und wenig Hoffnung bleibt. Weil unser Bundespräsident die Sache auf den Punkt bringt: Die Identitären befinden sich mit ihrer Ideologie nicht im Verfassungsbogen. Als Verein organisiert wäre für deren Verbot jedoch das Innenministerium zuständig. Und das wird geführt vom wohl berühmtesten FPÖ Politiker des Landes: Herbert Kickl. Und der nennt die Identitären „Gleichgesinnte“.

PS: 2020 wird in der Steiermark, 2022 in Graz gewählt. Meine Phantasien dazu sind dystopisch.

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Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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