7. Dezember 2017 - Keine Kommentare!

Jeder hat im Stall nicht Platz

Jeder hat im Stall nicht Platz
Rainer Juriatti

Während ich an einem Sauerampferhalm kaue, höre ich den Hirten brüllen. Er schreit ja oft. Brüllt uns an, wohin wir gehen sollen. Brüllt uns an, wohin wir nicht gehen sollen. Brüllt, wenn wir in den Stall sollen und brüllt, wenn wir raus müssen. Er brüllt auch, wenn wir Sauerampfer fressen. Und brüllt, wenn wir vor Bauchweh blöken. Unser Hirte brüllt besonders laut, wenn zu viele Schafsböcke an einer Stelle stehen. Manchmal stehen wir halt gerne eng. Wenn’s kalt ist und der Hirte uns das Fell abgezogen hat, also ich meine, wenn wir frisch geschert in die Kälte gehetzt werden. Aber dann brüllt der Hirte, wir sollen uns nicht versündigen.

Ich weiß nicht, was er damit meint, ich kann es auch nicht wissen, ich bin ja nur ein Bock. Aber ich vermute, er nimmt die Pacht ernst. Der Bürgermeister nämlich war es, der ihm ein Stück Wiese gegeben hat, einen Verschlag dazu mit einem lecken Dach und einem Türmchen, sogar mit einer Glocke. Die bimmelt hübsch. Es soll das Feuerwehrhaus gewesen sein, heißt es unter den Hammeln. Die sind besonders arm dran. Der Hirte hat den wildesten unter den Böcken nicht nur das Fell abgezogen, er hat auch gleich ihre Eier mitgenommen und hat sie im Regen stehen lassen.

Manchmal kommen andere Hirten und setzen sich unter dem Glockentürmchen in den Schatten. Im Frühling kommen sie und im Herbst. Manche Hirten schielen dann gerne mal auf einen Schafsbock und einer, der hat auch mich mal gestreichelt. Ganz unwohl ist mir geworden und ich dachte, jetzt will der mir doch tatsächlich an die Eier. Ist aber nicht passiert, Gott sei dank. „Gott sei dank“, das habe ich von unserem Hirten. Das sagt der immer, wenn er zwei, drei von uns erfolgreich auseinander geprügelt hat.

Und selig leuchten seine Augen, wenn ein Schaf bestiegen wird und bald darauf das helle Blöken der jungen Lämmer zu hören ist. Dann glänzen sie, seine Augen. Mit den anderen Hirten spricht er oft darüber. Er redet dann von einem, der Gott heißt. Göttliche Fügung, Gottes Werk, Gott sei dank und so Zeugs hören wir ihn sagen. Vielleicht deshalb nennen die anderen den unseren Oberhirten. Weil er weise sein soll. Er sagt, wenn zwei Schafe zusammenkommen, dann nur, um neue Lämmer auf die Welt zu werfen. Ist zwar nicht wahr, aber die anderen klatschen dann und nicken und manche schielen auf uns Schafsböcke. Das wolle Gott so, sagt der Oberhirte. Nicht das Schielen, das Lämmerwerfen. Dieser Gott ist aber wie gesagt noch nie vorbeigekommen, ich kenne ihn nicht.

Besonders verstehe ich dummer Schafsbock nicht, was Gott mit den neuen Lämmern zu tun hat, die unser Hirte oft schlachtet. Manchmal verstecken sich die Lämmer ängstlich blökend hinter uns Böcken. Wir mögen das, wir beschützen sie. Wir haben ein Herz, wie die Schafe auch. Besonders zärtlich geht mein bester Kumpeln mit den Lämmern um. Mein Kumpel, der gleich neben mir seinen Platz hat im Stall. Mein Kumpel mag Schafsböcke. Er sagt, es sei einfach so. Und ich selber, ich mag Schafe gern. Sie machen mir schöne Augen. Also durfte ich bei einer auch schon mal aufsteigen. Und mein bester Kumpel, der hat mich gefragt, was ich daran finde. Er finde es ekelhaft. Ich habe gemeint, das weiß ich nicht so bestimmt. Er sagte, er möge uns Kumpels viel lieber. Ich verstehe das, aber ich gestand ihm, wenn er mich berühre, fühle sich das so an, als berühre mich einer der Hirten, die bei unserem Oberhirten immer vorbeikommen. Das wiederum verstand mein bester Kumpel und achtete bis gestern immer darauf, dass er mich nicht berührt. So ist der Deal. Und jeder darf so sein, wie er ist, da sind wir uns alle einig.

Seit gestern aber kann mich mein bester Kumpel nicht mehr berühren. Als nämlich der Bürgermeister vorbeikam und zufällig sah, wie der Oberhirte uns auf den Schädel schlug, weil wir ihm zu eng standen, da sagte er, der Hirte solle die Böcke Böcke sein lassen. Da ist der Hirte noch wütender geworden. Er hat gemeint, es sei bedauerlich, dass der Bürgermeister sich in Gottes Plan einmische und die Frechheit besitze, zu urteilen, was Recht und was Unrecht sei. Der Bürgermeister hat milde gelächelt und gesagt, es sei schließlich seine Wiese und der Hirte sei hier nur der Gratismieter. Da ist der Hirte, den sie Oberhirten nennen, vollkommen ausgerastet und hat sich ausgerechnet meinen besten Kumpel geschnappt. Er hat dem Bürgermeister zugebrüllt, er werde ihm zeigen, wer hier Herr über Recht und Unrecht sei und hat meinem Kumpeln nicht nur das Fell abgezogen, sondern die Eier gleich dazu. Jetzt steht der mit traurigen Augen bei den Hammeln im Regen und wir alle wissen, Weihnachten spätestens landen die alle in der Pfanne. Jeder hat halt im Stall nicht Platz, hat der Oberhirte gesagt und mit den Schultern gezuckt.

Und hier geht’s zum aktuellen Anlass

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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