3. Juli 2020 - Keine Kommentare!

Juriatti liest Sittinger

Juriatti liest Sittinger.
Rainer Juriatti

Der Text zum Youtube-Beitrag.
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Der vergangene Juni anno domini venti-venti wird mit großer Sicherheit ja nicht nur dank seiner Grundstimmung „Hurra-wir-haben-Corona-überlebt-und-können-die-Masken-ablegen“ in die Geschichte eingehen, nein, er wird besonders auch durch den Glanz des Fünfjahrejubiläums unseres inzwischen an jede verfügbare Saftbar zurückgekehrten Landeshauptmanns weit in die Historie künftiger Generationen hinein glänzen.

Ja, der Hauptmann lacht wieder weinselig. Wie schön, und auch mein antialkoholisches, nikotinbefreites, ja fast schon langweilig asketisches Herz nahm den ein oder anderen Luftsprung in den vergangenen Wochen. Inmitten des glorreichen Juni nämlich, fast taggenau, am 16. des Monats, da stand in der auflagenstärksten Steirerzeitung unter dem Titel „Die Kraft des Gegenwinds“ ein Artikel zu lesen, der den Landeshauptmann mehr als ehrt; die Textzeilen von keinem Geringeren verfasst als meinem hochdekorierten, preisgeehrten und massivst geschätzten Autorenkollegen Ernst Sittinger, einem erfahrenen Schreiberling von Satire als auch Kabarett und nicht zuletzt seriöser Berichterstattung, in diesem Fall über unseren Landeshauptmann. So also heißt es nun also: Juriatti liest – auszugsweise – Sittinger.

„Schützenhöfer weiß um die Relativität des Augenblicks und um die stets vorhandene Möglichkeit überraschender Volten (Kunstgriff beim Kartenspiel, durch den beim Mischen eine Karte an die gewünschte Stelle gelangt, Anm.). Vor allem ist er ein Meister darin, den aus Gegenwind resultierenden Auftrieb für sich selbst zu nützen. Bei der vorgezogenen Landtagswahl im Herbst 2019 konnte er seine Landespartei (…) endlich zurück auf Platz Eins führen.“

Endlich? Ja, wir alle freuen uns. Informativ wird hier allerdings unterschlagen, dass die vorgezogenen Neuwahlen von Schützenhöfer sozusagen solo erlassen wurden. Egal, is ja nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr, was Sittinger noch so zu sagen hat:

„Schützenhöfer scheint nun den Glanz der späten Jahre voll auszukosten und seine Zukunft wieder vor sich zu haben. Wie ein alter Wein hat er seine Talente voll zur Entfaltung gebracht. Und sein Bouquet wird mit den Jahren noch bunter. Ob als erdiger Volksschauspieler auf der kleinen Dorfbühne oder beim staatstragenden Großauftritt - immer zieht Schützenhöfer rhetorisch die Register und lässt keine Gelegenheit aus, um tief im Fundus seiner Erinnerungen zu kramen. Manchmal, wenn Humor und – als Würze des Alters – auch Selbstironie aufblitzen, könnte er für seine Auftritte wohl Eintritt verlangen.“

So habe ich das noch nie gesehen. Der Landeshauptmann rhetorisch fingerspitzengefühlstalentiert? Kann er das Wort Selbstironie auch nur ansatzweise buchstabieren? Das einzig Nahekommende in den Zeilen Sittingers, scheint mir, ist die Bezeichnung Volksschauspieler, wenn es talentbezogen auch nur auf Kleinstbühnen an Orten ohne Stromversorgung reichen würde. Egal, viel wichtiger ist, was Sittinger noch zu sagen hat:

„Die Landespartei steht geschlossen hinter Schützenhöfer, denn „nichts macht so erfolgreich wie der Erfolg“, wie Schützenhöfer selber gerne illusionslos sagt.“

What? Erfolg macht erfolgreich? – Herrlich! Und weiter: Sittinger, jetzt über mögliche Nachfolger:

„Die präsumtiven (präsumtiv: als wahrscheinlich angenommen, Anm.) Nachfolger (…) sind viel zu klug für Ungeduld. Kronprinz sei „eine Apfelsorte“, lautet seit Jahren die Sprachregelung in der der Grazer Burg (sic!). Auch wenn sich Drexler (ein Landesrat, Anm.) möglicherweise darauf einstellen muss, zum Prinz Charles der steirischen Politik zu werden.“

Was? Schützenhöfer, die Queen der Steiermark, pochte es an dieser Stelle in meinem Schädel. Was für eine grässliche Vorstellung. Sittinger rundet seine Laudatio dann mit einer Abrechnung der Schützenhöfer-Gegner ab, womit die landesweit auflagenstärkste Zeitung zeigt, wo der Bartel den Most herholt:

„Auch vom politischen Gegner droht keine Gefahr. Die waidwunde SPÖ (…) wurde einerseits in die Schranken verwiesen, andererseits mit Posten gekonnt bei der Stange gehalten. (…) Schützenhöfer kann sich die Großzügigkeit leisten, denn seine Claims sind sowieso abgesteckt.“

Sittinger, Sittinger, dachte ich beim verzagten Weiterblättern. War das jetzt Satire? Ich wollte es wissen. Also schrieb ich dem hochdekorierten Autor einen Brief. Man muss ja fragen! Naja, leider bekam ich keine Antwort. – Also schrieb ich noch einen Brief, in dem ich allerdings betonte, keine Antwort mehr zu ersehnen. Diesmal bekam ich Antwort. Innerhalb von 10 Minuten, beachtlich! Also, nun Sittinger an mich:

„Sehr geehrter Herr Juriatti! – Danke für Ihre kritischen Zeilen. Obwohl Sie keine Antwort mehr ersehnen, kommt sie erst jetzt. Klarerweise habe ich das erste Mail in der Flut von täglich mehreren 100 Zuschriften bedauerlicherweise übersehen. Mehr ist nicht dahinter, auch wenn Sie den „distanzlosen Journalismus als Programm“ hineingeheimnissen wollen.

Nun zu Ihrem ersten Mail: dass Sie meinen Bericht als Schund bezeichnen, spricht gegen Sie. Ist hoffentlich unter Ihrem sonstigen Niveau. Wer lesen kann, wird merken, dass ich in dem Bericht Licht und Schatten gegenüberstelle, dies freilich nach einer von mir subjektiv vorgenommenen Bewertung, aber keinesfalls mit Schlagseite. Das mag Ihnen nun passen oder nicht – alles Ihr gutes Recht. Aber Schund ist das keiner.

LG Ernst Sittinger“

LG, das kannte ich nicht in dieser Form. Liebe Grüße kann das ja wohl nicht heißen, meinte ich zu meiner Frau. Vielleicht bedeutet es LachGesicht Sittinger. Könnte ja sein, immerhin ist er Kabarettist. Aber natürlich konnte ich nicht umhin, meinen Widerspruch zu formulieren und schrieb ihm. Zitat Juriatti also:

„Guten Tag Herr Sittinger, ich muss widersprechen: das ist nicht unter meinem Niveau, das IST mein Niveau, wenn Sie so wollen. Hineingeheimnissen ist ein schönes Wort, herzlichen Dank dafür, ebenso für Ihre Zeilen. Gruss, Rainer Juriatti“

Dann, schließlich, neigte sich der Tag dem wohlverdienten Abend zu und Herr Sittinger schrieb noch einmal zurück. Zitat:

„Sehr geehrter Herr Juriatti, Danke für Ihre nochmalige Zuschrift. Schön, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Das nährt die Hoffnung, wir könnten einander einen Zugewinn an Erkenntnis ermöglichen. Mit freundlichen Grüßen, E.S.“

ES, so zeichnete er diesmal. Na, wenigstens waren es diesmal freundliche Grüße, die er sandte. Aber ES? Was für ein lustiges Kerlchen, dieser Kollege.

Hintergrund

Aufgrund der zutiefst einseitigen Berichterstattung – siehe unsere Bebilderung des Blogbeitrages mit einem Foto des Artikels – schrieben die Lektorin unseres Verlages, Chiara Juriatti, und ihr Freund Karl Scheifinger einen Leserbrief an das steirische Printmedium, welches den Artikel zu verantworten hatte. Natürlich und selbstverständlich und wie in vielen Fällen (die wir kennen oder selbst verursacht haben), wurde der Leserbrief nicht abgedruckt. Hier allerdings dürfen wir ihn näherbringen:

Die Queen der Steiermark

Im Folgenden nehmen wir Bezug auf den Artikel „Die Kraft des Gegenwindes und der Glanz später Jahre“ von Ernst Sittinger in der steirischen Ausgabe der Kleinen Zeitung vom 16.06.2020.

Der angesprochene Artikel, der als Analyse betitelt wird, hat diese Bezeichnung nicht verdient. Von einer sachlichen Auseinandersetzung mit der Person Schützenhöfer kann keine Rede sein. Es handelt sich dabei vielmehr um eine voreingenommene Lobesrede auf den mächtigsten Politiker der Landespolitik.

Mit der Aussage, dass die „Steirische Volkspartei“ 2019 „endlich“ wieder den ersten Platz belegt, distanziert sich die Kleine Zeitung vom unparteiischen Journalismus. Zusätzlich scheint keine Notwendigkeit darin zu bestehen, zu erwähnen, unter welchen Umständen die vorgezogene Landtagswahl zu Stande kam. Gegen den Willen ehemals geschätzten Reformpartners entschied sich Herr Schützenhöfer für einen Vorzug der Landtagswahlen. Gebaut wurde im Wahlkampf weniger auf die Popularität des Spitzenkandidaten als auf die Anziehungskraft des Parteichefs Sebastian Kurz. Diese Tatsache blieb Herr Sittinger bei seiner objektiven Recherche wohl verborgen.

Herr Sittingers zweiseitiger Text liest sich an manchen Stellen eher wie ein Nachruf auf eine schillernde Ikone als eine kritische Auseinandersetzung mit einem amtierenden Politiker. So wird unter anderem von der taktischen Gewitztheit, der Großzügigkeit und dem Fremdsprachentalent des Landeshauptmanns geschwärmt, dessen rhetorische Brillanz sich im Zitat, „Nichts macht so erfolgreich wie der Erfolg“, widerspiegelt.

Laut Herr Sittinger vereint Herr Schützenhöfer politische Unantastbarkeit und das Potenzial für eine noch lang andauernden Regierungszeit, die ihn gleichzeitig zum steirischen Achill und zur steirischen Queen werden lassen.

Von einer Zeitung, die von sich selbst behauptet, nicht zu schreiben, um zu gefallen, erwartet man sich als Leser kritischere Beiträge.

Chiara Juriatti & Karl Scheifinger

Hier geht's zur Textperformance auf dem Youtube-Kanal "Juriatti liest".

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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