20. April 2019 - Keine Kommentare!

Meine Kirchenspaltung

Meine Kirchenspaltung
Rainer Juriatti

Auf dieses Wochenende hin waren die Blätter wieder voll: Keine Tages- oder Wochenzeitung, die etwas auf sich hält, lässt Ostern aus. Zeitgleich brachten sie im Radio eine Umfrage, was Ostern sei. Kaum jemand wusste es.

Dass Jesus am Gründonnerstag Aal mit Orangensauce gegessen haben soll – so die Bilddeutung des Letzten Abendmahls von Da Vinci – war in Vorbereitung auf den morgigen Ostersonntag aus unserer Tageszeitung zu erfahren, oder auch sein Bildnis von Maria und ihrer Mutter Anna, die den kleinen Jesus davon abhalten, sich auf ein Lamm zu setzen, konnte betrachtet werden. „Die Zeit“ titelte „Meine Auferstehung“ und erzählte im Dossier drei Ostergeschichten, allesamt mitten aus dem Leben.

Die Kirche und unsere Welt

Und schließlich brachte mich die Dogmatik-Professorin Johanna Rahner auf einen wunderbaren Gedanken, der mir meine seit vielen Jahren empfundene „innere Kirchenspaltung“ vor Augen führte. Sie sagt: „Es gibt aus christlicher Sicht keine weltfreie Kirche und keine kirchenfreie Welt. Kirche und Welt stehen in einem offenen Verhältnis.“

Da ist also unser aller Raum, die Welt. Unsere Bewegungsräume des Alltags. Und da ist der sakrale Raum. Sie stehen in engem Bezug zueinander, da der flächenmäßig durchaus als marginal zu bezeichnende sakrale Raum den Rest der Welt zu beeinflussen vermag. Manches, das die „Geistlichkeit“ von sich gibt, mag uns vorbildhaft erscheinen. Du sollst nicht töten, das fällt mir beispielsweise sofort ein. Oder deinen Nächsten so lieben wie dich selbst.

Moses und Jesus also. Zitate, die im sakralen Raum zu hören sind. Sie beeinflussen besonders jene Menschen, die „im Namen der Kirche“ in säkularen Räumen arbeiten. Unlängst – um ein konkretes Beispiel zu bemühen – war ich in Judenburg zu Gast. Verfasste eine Reportage über „eingefädelt“, einen von fast 30 Ehrenamtlichen betriebenen Begegnungsraum, der mich tief beeindruckte (zu lesen österreichweit in der Maiausgabe von „inpuncto“). Die Kirche „trägt“ diesen Raum, zahlt also die Miete und begleicht die Betriebskosten. Die Menschen dort haben mich sehr berührt und bereits bei der Heimfahrt war ich erneut davon überzeugt, dass „Kirche Gutes tut“.

Und dann sind da die herrlich unterhaltsamen Schlagzeilen der „Geistlichkeit“. Vergewaltigung, Nötigung, Lüge, Betrug, Verwässerung – das sind einige Schlagworte, die hängen bleiben. Sie stürzen die Kirche von einer Krise in die nächste. Dennoch beharrt die Geistlichkeit darauf, uns zu erklären, wie wir leben müssen. Damit das oben Erwähnte Wirklichkeit werden darf. Und wenn es ganz eng wird, dann wird damit argumentiert, wir alle gefährdeten die Arbeit jener Menschen, die in säkularen Bereichen Gutes tun, wenn wir uns von der Kirche (der Geistlichkeit) abwenden.

Deutlich spürbare Spaltung

„Kirche und Welt stehen in einem offenen Verhältnis“, habe ich eingangs die Dogmatik-Professorin zitiert. Bei diesem Satz allerdings regt sich Widerstand in mir, mangelt es doch umfangreich an der Verwirklichung dieses Satzes. Kirche und Welt nämlich stehen meinen Erfahrungen nach in keinem „Verhältnis“ zueinander. Ein Verhältnis nämlich bezöge den engen Dialog mit ein, der „sakrale Raumherr“ würde auf die „weltlichen Raumverwirklicher“ hören.

In meinen inzwischen fast zwanzig Jahren, in denen ich zunächst in und seit einigen Jahren für die Kirche arbeite, bin ich hunderten Haupt- und Ehrenamtlichen begegnet, die „trotz Kirche“ ihrer Arbeit nachgehen. Die trotz von Geistlichen produzierten, vernichtenden Schlagzeilen am „Wahrwerden“ von Moses und Jesus festhalten. Die oft mangels ausreichender Finanzierung ehrenamtlich vollziehen, was in den sakralen Räumen gelehrt wird. Die trotz weitreichender Unbeweglichkeit des Klerus zeitgemäß und innovativ denken. Die trotz Ablehnung und Kleinmachung durch die Geistlichkeit (indem ihnen jeden Tag klar gemacht wird, nur „Laie“ zu sein) unbeirrt bleiben.

Dem säkularen Raum gehört die Kirche

Den mit der Kirche eng verbundenen Menschen in den weltlichen Räumen gebührt unser Respekt. Sie sind es, die Ostern wahr machen. Ohne ihren Geist, ohne ihre Leidenschaft, ohne ihre Hingabe gibt es keine Kirche. Der sakrale Raum nämlich, der genügt sich immer selbst. Und deren Vertreter haben ihren Platz im Leben der meisten Menschen (besonders der jungen Menschen), längst eingebüßt.

Ist die Kirche also noch zu retten? Vielleicht, indem Geistliche ein weit höheres Maß an Demut zeigen als bislang. Indem sie den „Laien“ das Ruder überlassen und sich bescheiden darauf konzentrieren, uns an Moses und Jesus zu erinnern. Und uns nicht als verloren verdammen, wenn wir nicht an sie glauben, sondern an einen guten Gott.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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