7. Dezember 2020 - Keine Kommentare!

mundtot & ohne Einkommen

mundtot & ohne Einkommen
Ein Protokoll
Rainer Juriatti

34 Tage eingesperrt. 34 Tage und lange schon davor ohne nennenswertes Einkommen. Und dann geht der Strom aus. Aus dem Leben eines erfolglosen Autors im zweiten Lockdown.
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3. November. Tag 1.

Eigentlich sollte es heute ein Morgen werden mit einem Bild, das symptomatisch ist für alle Kunstschaffenden. Es ist weit mehr geworden. Wir leben in einem Land, in dem Terroristen mit geladenen Waffen durch die Stadt ziehen, um Menschen zu töten, die es vor dem Lockdown noch ein Mal auf die Straße zog. So wird das "Schweigebild" zu weit mehr: Sprachlosigkeit über die Zeit, in die wir unsere Kinder hineingeboren haben; Sprachlosigkeit über die unbändigen Wut, die den Religionen entspringt; Sprachlosigkeit über die Ergebnisse unserer auf Wirtschaftlichkeit und Profit ausgelegte Politik, die uns (die wohl letzte unabhängige Instanz des Menschen) zum Schweigen bringt.

4. November. Tag 2.

Guten Morgen an einem Morgen ohne prägnante gesellschaftliche Wende in den USA. Die Wahl scheint knapp zu werden. Wie auch immer sie ausgeht: Die Amerikaner haben kein deutliches Zeichen gegen Rüpelhaftigkeit, Machttrunkenheit, Egomanie und Präpotenz gesetzt. Das Welttheater wird um einige Akte bereichert werden in den nächsten Wochen.

5. November. Tag 3.

Gestern hat mich an dieser Stelle der ehemalige Vorarlberger Chefredakteur Walter de Meijer als "linken, auf der Strecke gebliebenen Möchtegern-Regisseur" bezeichnet. Das ist nicht ganz richtig. Die bittere Wahrheit ist, dass ich inzwischen ein linker, auf der Strecke gebliebener, erfolgloser Schriftsteller geworden bin (belegt und nachzulesen in "Kritzelbuch"). Deshalb auch heute: Bitte spenden Sie.

6. November. Tag 4.

Vorsichtig optimistisch bin ich heute Morgen, dass Joe Biden es schaffen könnte und die Idiotie aus dem Weißen Haus ausziehen muss. (Zugleich entmutigt über die amerikanische Auffassung von Demokratie, angesichts der bewaffneten Trump-Anhänger vor den Auszählungsstellen.)

7. November. Tag 5.

Optimistisch, weil voller Pläne. Was man nicht alles tut, um psychisch die Nase über Wasser zu halten …

8. November. Tag 6.

Sie dürfen mir glauben: Ich halte Ihnen heute keine Sonntagspredigt. Das machen jene, deren Theater (irgendwie sowieso unbegreiflicher Weise) offen haben dürfen. Und Leute wie ich halten Sonntagspredigten ja sowieso auch nur, wenn Sie ganz bewusst dafür Eintritt zahlen (und nicht wie in den heute geöffneten Theatern eine aufgezwungene Jahrespauschale).

9. November. Tag 7.

Ich habe gestern Abend aufgrund der Sonntags-Kommentare und der durchaus zahlreichen persönlichen Nachrichten – mit Inhalten der ausführlichen Belehrungen über die Notwendigkeit und immense Bedeutung der Sonntagspredigt für ein besseres Leben in diesem und auch nach dem Tod – entschieden, mich nächsten Sonntag der Infektionsgefahr anhand eines Besuches meiner katholischen Pfarrkirche auszusetzen. Wenn schon kein Geld, dann wenigstens möchte ich etwas Verheißendes hören für meinen pauschalen Jahresbeitrag, den mir mein römischer Club vorschreibt und sogar automatisch monatlich von meinem Konto abbucht. Bin durchaus gespannt, wie hoch der Stimmungslift einer gelungenen Predigt mit mir fährt. Bis dahin: Bitte spenden, ich schenke Ihnen bei adäquatem Beitrag auch ein Buch, (weltlich) versprochen. (to be continued, next sunday, for sure)

10. November. Tag 8.

Sie wollen einen weiteren Lockdown verhindern? Was die Regierung sich so ausdachte, ist ja alles gescheitert. Weil sie nicht die richtigen Maßnahmen ergriffen hat, eh klar! Wer hingegen klaren Verstandes ist, der weiß, was einen Lockdown verhindert, um unbeschwert dem lustigen Leben zu frönen: Berufsverbot für Sadisten. Zwangscoronatest für Hausmeister in Neuen Mittelschulen unter 70 Schülern. Dönerkonsumverbot an Vollmond-Folgetagen. Steckfrisuren für Verkehrspolizisten. Erdbeer-Nuß-Cocktails für Allergiker. - Aber was rede ich: bin ja mundtot und ohne Einkommen. Deshalb, bitte, bitte: Spenden Sie.

11. November. Tag 9.

Heute Früh ganz geschockt. Beim Lesen der Zeitung fällt mir auf, dass unsere Regierenden ja echte Gacksi-Fans sind (liebliche Form von „Kackefetischist“; Kacke, Kot, Gacke). Da richtet die FPÖ ihrem ehemaligen Bettgefährten ÖVP aus, sie regiere über einer „Jauchegrube staatspolitischen Versagens“. Die ÖVP wiederum richtet der FPÖ aus, Herbert Kickl habe einen „Haufen Mist hinterlassen“. Jetzt begreif ich erst, weshalb unsere absurdistanische Politik (liebliche Form von „österreichisch“; Österreich, habsburgistanischer Schrumpfstaat) derart impertinent zum Himmel stinkt. Aber wie sagte bereits George Bernard Shaw: Politik ist das Paradies zungenfertiger Schwätzer. Das lässt hoffen, dass nicht alles Gacksi ist (wenn auch jeden Tag ein Häuferl dazukommt).

12. November. Tag 10.

Gestern unterhielt ich mich seit langer Zeit wieder einmal mit Peter. Mein guter Bekannter seit den ersten Tagen hier in Graz leitet ein Senioren- und Pflegeheim. Er erzählte mir ausführlich von den Corona-Maßnahmen quer durch sein Haus, quer durch alle Pflegehandlungen, erzählte von Maskendepots, von Schutzanzügen und den Belastungen, jederzeit mit einem positiven Fall rechnen zu müssen. Ich antwortete ihm, ich stellte mir gerade vor, wie es sich für mich in wenigen Jahren schon anfühlte, säße ich – dement und verfangen in „alten Zeiten“ – als Bewohner in seinem Aufenthaltsraum, umgeben von schnabelmaskiert gesichtslosen, gummibehandschuhten Mondmenschen (ohne Schulbildung, weil die Schulen dann ja bereits seit 20 Jahren mit ihrem Bildungsauftrag dank andauernder Lockdowns in einer on-off-Beziehung stehen werden), umgeben von gesichtslosen Mondmenschen also, die mich füttern und mir verbieten, hinaus zu gehen, um meine Enkelkinder zu sehen oder gar meine eigenen Kinder. Peter pflichtete mir bei. Es seien grausame Zeiten für alte Menschen. (Wenn die Schulen geschlossen werden, auch für die jungen, möchte ich heute ergänzen.)

13. November. Tag 11.

Gut, sie sperren uns ein. Wir sitzen brav zu Hause, während die Zahl an Infizierten hochschießt, was die Regierenden wiederum entscheiden lässt, noch mehr Menschen einzusperren. Die Schüler wahrscheinlich sind die nächsten. Ernsthaft: Ich habe tatsächlich Mitleid mit den jungen Menschen. Niemand kann in Wahrheit die Folgen ermessen, nimmt man den Schülern all das, was ihnen üblicherweise zukommt: Schulparties, Freundschaften, täglichen Spaß unschuldiger Unvernunft, auch Schi- und Landschulwochen, Sportfeste, natürlich auch heimliches Rauchen auf dem Schulklo. Für die Kleinsten: keine Martinifeste mit Kuchen, den man mit den Händen anfassen darf (!), eher auch kein Nikolausbesuch (haben Sie sich schon mal einen Nikolo mit Mundmaske vorgestellt?), keine Adventkekse-Schlacht, keine Weihnachtsaufführungen, keine Adventkonzerte. Dies alles ist ihnen und uns genommen, während die Zahlen hochschießen. Und in der heutigen Zeitung lese ich einen Titel: Das schlimmste kommt noch. (Hier folgt irres Lachen:) Was noch!?!

14. November. Tag 12.

Sind Sie gesund? Oder krank? Oder irgendwas dazwischen? Ich frage, da ich gestern durch eine Diskussion auf einen interessanten Aspekt gestoßen bin: Früher, also vor Dekaden oder so, da hieß es doch, „gesund ist gesund und krank ist krank“. Für Ärzte und Pflegepersonal heißt es das heute nicht mehr, da heißt es: Wenn ein bisschen krank den zu behandelnden Patienten nicht schadet, dann „dürfen“ unsere Mangelberufsgruppen arbeiten. Oder sollen. Oder müssen. In der gestern verfolgten Diskussion echauffierten sich Menschen über eine Bekannte, die diese verlogene Form von „bisschen krank“ zutiefst ablehnt. Sie meinten, die Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte sollen arbeiten, es gehe schließlich um die Gesundheit der Patienten. Herrlich. Damit also ist die Gesundheit der Teams in den Spitälern weniger wert als die der Patienten. Frage: Wenn wir uns nicht hinter die Ärzte und Schwestern stellen, stellen wir unsere Leben dann über die ihren und am Ende bedanken wir uns nicht durch gerechte Zeitausgleiche und Urlaubstage, sondern mit einem Lebkuchen, so, wie im Frühling bereits, nur diesmal besser in die Jahreszeit passend?

15. November. Tag 13.

Die heutige „Kleine Zeitung“ (siehe über meiner Schulter am Regal, jeweils als Beweis der Aktualität meiner täglichen Aufnahmen dort angebracht) titelt zwar „Bleiben Sie wieder zu Hause“, diesem Rat jedoch kann ich nicht folgen, denn versprochen ist versprochen! Erinnern Sie sich? Am vergangenen Sonntag habe ich zunächst versprochen, keine Sonntagspredigt zu halten. Mein Kommentar wurde ausführlich kommentiert, in sog. PN wurde ich darüber hinaus auch recht belehrt (Essenz: Eine ordentliche Sonntagspredigt aus dem Mund einer beamteten Stimme Gottes könne auch einem Pharisäer wie mir nicht schaden.) Montags ging ich auf die Sonntagskommentare ein, indem ich also versprach, mich heute der Infektionsgefahr anhand eines Besuches meiner katholischen Pfarrkirche auszusetzen, um dort „Verheißendes“ zu hören. Also trabe ich jetzt gleich mal los und bin gespannt, wie hoch der Stimmungslift der gelungenen Predigt mit mir tatsächlich fahren wird. In wenigen Stunden wissen wir (Sie) mehr.

16. November. Tag 14.

Ich bin glücklich. Wie ich gestern im komplexen Regelwerk des ab morgen geltenden harten Lockdowns gelesen habe, bleiben die Fahrradverleihe weiterhin offen. Damit ist die Mobilität, die man uns untersagt, glücklicherweise gewährleistet. Das nenne ich mal konsequent. Dann fahre ich mit dem bei einem fremden Menschen geliehenen Fahrrad zu meinen wichtigen Bezugspersonen anderer Haushalte, zu den „wenigen erlaubten“, also nicht vielen. Auch konsequent, super. Ich nehme nicht das eigene Auto, denn dort könnte ein Polizist an die Scheibe klopfen, dem ich „glaubhaft“ erklären muss, warum ich unterwegs bin, zum Beispiel, weil ich es „grundsätzlich zu Hause nicht mehr ausgehalten“ habe oder weil ich gestern auf den Geschmack gekommen bin und nun kurz eine einsame Andacht in meiner katholischen Pfarrkirche abhalten möchte. Auch super, sehr konsequent. Dann radle ich zwecks „körperlicher und psychischer Erholung“ irgendwo hin, zum Beispiel zum weiterhin offenen Kinderspielplatz, wo sich die vielen nicht in meinem Haushalt lebenden Leute versammeln, um sich anschließend kurz vor 19 Uhr noch in den Supermarkt zu drängeln. Abends jogge ich dann mit Freunden, versichere aber den Behörden, dass ich das nicht tue, um die Ausgangsbeschränkung auszuhöhlen, also unter Einhaltung der „Reduktion der Kontakte“. - Super konsequent. Der Regierung geht es ja um „Sensibilisierung“ (klar, hat ja auch bislang schon super geklappt mit der Sensibilisierung), womit auch mir, dem Schneckentempokneißer, klar wird, warum die Kulturstätten immer als Erstes geschlossen werden.

17. November. Tag 15.

Eigentlich wollte ich mit heute, dem ersten verschärften Lockdown-Tag gleichsam vieler Kolleg*innen die Rollos herunterlassen und bis zum Ende des Boykotts unseres Gewerbes der lästigen Kunstschaffenden nichts mehr publizieren. Doch im ersten Aufschlagen, dem meiner Augen, dachte ich sofort: Nein, heute möchte ich etwas „Gutes“ schreiben. Etwas Aufbauendes. Etwas Schönes. Und dann, im zweiten Aufschlagen, nämlich dem der Zeitung, da las ich: „Wir brauchen jetzt Schönes.“ Wie passend! Gedankenübertragung? Wenn ja, in welche Richtung? In einem Interview mit dem Psychiater Michael Musalek ist zu lesen, dass (seit nunmehr Monaten) über das Transportmittel der Angst kommuniziert werde. Das belaste uns.

Ja, es ist Zeit für etwas Schönes. Ich habe Conrad Ferdinand Meyer, einen Lyriker des 19. Jahrhunderts, dafür ausgewählt. Er schrieb unschuldig über „Zwei Segel“ und könnte, so meine ich, uns alle gemeint haben im gemeinsamen Durchkreuzen der bevorstehenden zweieinhalb Wochen, die verständlicherweise die Aggression vieler Menschen steigern, da sie sich erschöpft, müde, isoliert und einsam fühlen.

Zwei Segel erhellend / die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend / zu ruhiger Fluch!
Wie eins in den Winden / sich wölbt und bewegt,
wird auch das Empfinden / des andern erregt.
Begehrt eins zu hasten, / das andre geht schnell,
verlangt eins zu rasten, / ruht auch sein Gesell.

Wie schreibt der berühmte Vorarlberger Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller bereits in seinem 2009 erschienen Buch „Das ganz normale Böse“? Zitat: Die Bösen sind nicht nur die anderen und es lebt nicht nur in den als Verbrecher deklarierten Menschen. - Das Gute, meine ich, ist jeden Tag immer wieder möglich. Vielleicht sollten wir diesen Tag heute dem Schönen widmen, damit es gelingt.

18. November. Tag 16.

Impfstoff für die Seele. Das titelt die heutige Tageszeitung. „Mein vermisstes Leben“, so titelte ich heute Früh im Aufschlagen der Augen, als ich an die Oper dachte. Ich vermisse es, in der Ouvertüre aus dem Scheinwerferlicht durch eine Schranktür ins Dunkel der Hinterbühne zu treten und auf die herzlich lächelnde Dshamilja Kaiser zu treffen, um ihr im Vorbeigehen ein "toi, toi, toi" zuzuflüstern und gleich danach meinen Weg mit der coolen und blitzgescheiten Maria S. Kirchmair zu kreuzen. Ich vermisse es, am Ende der drei Stunden zum stets selben Zeitpunkt, am stets selben Quadratmeter der Hinterbühne auf die charmante und liebe Nadja Stefanoff zu treffen, um sie für das Publikum sichtbar an einen Tisch zu führen. Ich vermisse es, bereits kurz vor meiner Begegnung mit Dshamilja Kaiser mit der jungen und talentierten Viktoria Gladys hinter einer Tür auf unseren Auftritt zu warten, während Angelika Owen ihrerseits "toi, toi, toi" wünschend an uns vorbeigeht auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz an diesem Abend und der unübertrefflich zuvorkommende Regieassistent Peter Kutey mit dem Skript neben uns steht, um uns sein trockenes „go“ zuzuraunen. Ich vermisse den Garderobenraum mit unserem grandiosen Unterhalter Klemens Bijak, dem stillen Geigenspieler Alexander Belau, dem filmverseuchten Max Schaller, dem athletischen Claus Reithofer, dem Schauspieltalent Randy Tomschitz und all der anderen  Darstellern bis hin zu unserem hingebungsvoll spielenden Chef Florin Ailenei. Ja, ich vermisse es, so zu tun, als servierte ich Dominika Blazek, Kathryn Birds, Rada Kirova, Mary Grabo oder Stephanie Elliott ein Glas Sekt, um am Ende des Abends, während ich nackt über die Hinterbühne eile, von der souveränen und extrem lieben (Vorarlbergerin!) Bettina Lamprecht meinen Bademantel gereicht zu bekommen. Und, klar: tags darauf von der akribischen Regieassistentin Daniela Gassner auf Feinheiten hingewiesen zu werden.

Impfstoff für die Seele. Das titelt die heutige Tageszeitung. Denken an die Kunst, ganz konkret, das ist der meinige.

Und: Was vermissen Sie?

19. November. Tag 17.

Ich bin schon froh. Es sind zwar die Gefechtshändler der Liebe, die Blumenläden, alle zu. Pfeif auf das novemberliche Kranzen, das Dekorieren der Glückseligkeit, die adventliche Beschmückung der Wohnstube. Das brauchen wir ja in Wahrheit gar nicht. Systemirrelevant, sagen die Regierenden. Ich bin aber dennoch froh. Es sind zwar auch die Spielwarenhandlungen alle zu, die Zuhälter der weihnachtlichen Unter-dem-Christbaum-Packerlschlacht, die verwerflichen Kinderherzenschnellschlagkommandanten. Das brauchen lockdowngenervte Eltern ja in Wahrheit am allerwenigsten.

Systemirrelevant, sagen die Regierenden. Ich bin aber schon ziemlich froh. Es sind zwar auch die Buchhandlungen alle zu, die Geistbefeuerer, die Fantasieexplosionsursächler und Mündigkeitsluntenträger. Auch systemirrelevant, sagen die Regierenden. Aber dennoch bin ich sehr froh. Systemrelevant nämlich sind die Waffenhändler. Die bleiben offen, sagt die Regierung und begründet diese pfiffige Knalltütenentscheidung damit, dass man sich „Sicherheits- und Notfallprodukte“ kaufen können muss. Also bin ich schon froh. Da kann ich mir doch glatt eine Knarre kaufen, um mich nach dem Aufbrauchen meiner Ersparnisse* als systemirrelevanter Künstler damit wegzublasen. Dann spart sich der Staat Arbeitslosengeld, Sozialhilfe und später Pensionszahlungen, womit ich dann am Ende doch noch staatsfinanztechnisch systemrelevant werden würde.

*Stichtag 23.12., da ist Sense. Kein Weihnachten mehr.

20. November. Tag 18.

Sollten Sie heute jemandem begegnen, bitte begrüßen sie diesen Menschen nicht mit „Faust an Faust“. Die Pandemie lässt viele Menschen innerlich ihre Fäuste bereits genug ballen, ich selbst balle die Faust ja nur, wenn ich jemandem die Nase plätten möchte. Sollten Sie heute jemandem begegnen, bitte begrüßen Sie diesen Menschen nicht mit „Ellbogen an Ellbogen“. Unser Dasein wird schon in nichtpandemischen Zeiten durch exzessive Ellbogentechnik geprägt, um alles aus dem Weg zu räumen, was uns nicht passt, um damit unsere fragwürdigen Karrieren voranzutreiben. Sollten Sie heute jemandem begegnen, bitte begrüßen Sie diesen Menschen nicht mit „Fuß-an-Fuß-Schlag“. Das Füßeln muss bitte Liebenden unter dem Restauranttisch vorbehalten bleiben und könnte darüberhinaus stehend in einem Supermarkt zu schlimmen Stürzen führen, abgesehen davon, dass nichts lächerlicher ist, als Füßeln im Stehen.

Sollten Sie heute jemandem begegnen, bitte begrüßen Sie diesen Menschen mit einem aus sieben Metern zugeworfenen, angedeuteten italienisch-spanischen Wangenkuss links-rechts, oder meinetwegen noch etwas cosmopolitisch-exotischer mit einer japanischen Hand- sowie Beugebewegung (ohne neuseeländische Stirn und maori-maskenverpackte Nasenberührung natürlich), oder vielleicht schlichtweg wienerisch-heimatlich verbal mit „Küss die Hand“ oder bestenfalls ignorieren Sie den Idioten, weil er versucht, zu Füßeln, zu Ellbogeln oder Fäusteln.

21. November. Tag 19.

Gestern hat sich Vera Juriatti gefreut wie ein kleines Kind. Auf ihrem Account postete sie unter der Anmerkung, für sie sei grad Weihnachten, ein Video, das sie beim Auspacken von postalisch zugestellten Babykäppchen zeigt. Es sind ungewöhnliche Kopfbedeckungen, gedacht für verstorbene Kinder, die wir als Sternenkind-Fototeam seit langer Zeit ablichten. Veras Freude ist grandios sichtbar, ich musste beim Betrachten des Videos tatsächlich immer wieder lachen, weil ich es faszinierend fand, wie sehr sich ein Mensch freuen kann. Dabei hält sie doch gerade Bekleidungsstücke in der Hand, musste ich dabei gleichzeitig denken, denen man eigentlich nicht begegnen möchte. Die unbändige Freude liegt hier ganz nahe am Leid, am Unsäglichen, geht Hand in Hand mit den tiefsten Schmerzen des Lebens.

Und das alles wiederum brachte mich auf die Frage, die ich Ihnen allen heute stellen möchte: Kennen Sie die neuesten Zahlen, die Neuinfizierten, die Intensivbettenauslastung, die Arbeitslosenquote, das Budgetdefizit, die sinkende Wirtschaftsquote, die Individualverkehrsauslastung? Jeden Tag werden wir mit Zahlen bombardiert. Alles wird gemessen, in Relation zum pandemiefreien Wahnsinn gesetzt und kaffeesudhuldigend in Zukunftsprognosen gegossen. Kein Psychologe wird widersprechen, wenn behauptet wird, das mache „etwas“ mit den Menschen. Doch was macht es mit ihnen? In „Die Zeit“ beispielsweise ist zu lesen, im Lockdown verzeichne die Hotline der Anonymen Alkoholiker mehr Anrufe entsagungswilliger Klienten; der Grund liege darin, dass zumeist auf dem Weg zur und von der Arbeit gesoffen werde.

Babys sterben auch im Lockdown. Vera und ich, wir fotografieren sie, wenn Eltern es wünschen. Und dennoch können wir uns freuen, freuen über viele Dinge. Sie auch?

22. November. Tag 20.

Nein, auf dem Foto hier bete ich nicht, das mit dem Sonntag und den bei mir hoffnungslos ins Leere zielenden Predigten meines hochdotierten Seelenverwaltungsclubs haben wir durch, endgültig. Nein, ich bete sicher nicht, ich reibe mir vielmehr die Hände angesichts der von Wirtschafskammerchef Mahrer und unserem Kanzlerkaiser ausgeheckten Plan, die Geschäfte nach dem Lockdown an Sonntagen offen zu halten. Da wird der Rubel rollen! Da wird dem Christkindl so richtig eingeheizt, da kann der Black Friday scheißen gehen, da nämlich brennt die Krippenhütte! Wäre doch gelacht, wenn wir all das, was wir im kurz’schen Totalstillstand des Landes versäumt haben, nicht durch einen 24-Hours-7-Days-Einkaufsrausch einkassieren könnten! Pfeif auf die Glühweinstandlseeligkeit, lasst uns einkaufen, einkaufen, einkaufen!

Ja, wir pfeifen für schlappe drei Wochen einfach auch auf alles andere. Da ist nix mit Freunde besuchen nach einer langen Lockdowndurststrecke, gibt ja eh nichts zu erzählen. Da ist nix mit „die eigenen Kinder sehen“; die sind nach endlosem Homeschooling eh lange schon gewohnt, keinem echten Menschen zu begegnen, sondern ausschließlich virtuellen Figuren, die ihnen sagen, was sie als nächstes zu tun haben. Da ist auch nix mit Gnade gegenüber der alleinerziehenden Supermarktkassiererin, die jetzt schon bis Samstagabend durcharbeitet, um am Sonntag verzweifelt so etwas wie Mutterbindung hinzubekommen. Da ist nix mit den Kleinunternehmern, die ihre wenigen Mitarbeiter in den vergangenen acht Monaten mit Kurzarbeitszeit durchgewurschtelt haben und sich die Überstundenzahlungen nicht leisten werden können. Da ist am Ende nix mit "Oma im Altersheim beehren", die uns dank ihrer Einsamkeitsverdummung im Kreise anderer verstummter Hochrisikogruppenmitglieder und ihrer Schutzmasken betrachtenden Lebensmüdigkeit eh längst vergessen hat, die demente Kuh. Was weiß die schon von Bruttosozialprodukt!? Es geht jetzt einmal bitte, einmal nur bitte nicht um sie! Es geht um Österreich!

23. November. Tag 21.

Heute wieder allein. Gestern noch, auf meiner täglichen Trainingsrunde, da traf ich auf eine Hundertschaft an Spaziergängern und musste tatsächlich im Slalom durch die Massen laufen, aber der herrliche Sonnenschein lieferte allen Leuten ja das ideale Motiv für ein ausgiebiges Abschütteln ihrer eigenen traurigen Wände. Kein Deut von Ansteckung lag dabei in der Luft, würde ein geübter Verschwörungstheoretiker nun sagen.

Verschwörungstheoretiker meinen ja, der ganze Schwachsinn unserer Zeit sei geplant. Am liebsten mag ich die, die sagen, das Virus sei in einem Labor gezüchtet worden und verteile sich über das 5G-Netz (DAS soll mir mal jemand schlüssig erklären!). Diese Theorie erinnert mich an die immer gleichen Muster der James Bond Filme, mit einem Bösen, der die Weltherrschaft anstrebt. Oder an Donald Trump, der seinen Anwalt Rudy Giuliani erzählen lässt, die USA-Wahlen seien Fake. Oder die Theorie, Bill Gates wolle durch Massenimpfungen allen Menschen Mikrochips implantieren. Wir machen uns Sorgen um Chips im Körper? Sie, die diese Zeilen hier lesen, surfen grad auf Facebook. Glauben Sie, man braucht einen Chip, um zu wissen, wodurch Ihre Neigungen sich manifestieren? Nein, nein, die Regierenden (!!) sind es, die uns sagen, was wir tun sollen. Verschwörungshysteriker sehen darin den Bau einer neuen Weltordnung. Doch glauben Sie, unser Kurzkaiser braucht ein Virus dazu? Da reichen allemal ein paar Wahlkampfkugelschreiber und ein Rhetorikseminar.

Dennoch: Klar gibt es eine Verschwörung. Würden die hochbezahlten Datensammler danach fragen, würde es die Welt längst wissen: Das Virus befällt ausschließlich Menschen, die vorehelichen Geschlechtsverkehr praktizierten und macht auch vor ORF-Nachrichtensprecherinnen keinen Halt. Die moralische Säuberung der Welt wird gesteuert vom ClubMed der Kuttenträger, dem Vatikan. So, jetzt wissen Sie’s. Sagen Sie es weiter - bitte!

24. November. Tag 22.

Wirklich blöd jetzt. Ich wollte meiner Angetrauten in diesem Jahr ein ganz besonderes Geschenk machen. Aber einerseits wäre die Zeit zwischen prognostiziertem Ende des Lockdowns und dem Weihnachtsabend eh knapp geworden, zum anderen geht es mit der Industrie meines Geschenkes momentan sowieso grad steil bergab. (Kann man in jeder Tageszeitung lesen.) Einen Nerz nämlich wollte ich ihr kaufen. Natürlich keinen lebendigen, vielmehr einen aus vielen.

„Das Nerzfell fand nicht immer die heutige große Anerkennung“, ist auf Wikipedia zu lesen. Dem pflichte ich jubilierend bei: Ist echt ein Muss, so ein Nerz im Kasten, getragen nur beim Flanieren in Kitzbühel oder besser noch in Cortina d’Ampezzo. (Mit den letzten Blutstropfen im Fell zaubere ich meiner Angetrauten dann gesundes Rouge ins botoxgeglättete Fresschen.) Blöd nur, dass ich mit meiner Angeseiteten nie an Orten wie solchen Winterurlaub mache. Egal. Ist eh wurscht, weil jetzt grad werden tausende dieser Nerzviecherl sinn- und verwertungslos dahingemetzelt. Sinnvoll ist die unsentimental vollzogene Blutschlacht sowieso nur, wenn ein Mantel daraus wird. So deppert aber auch! Warum müssen die dummen Nerzerl sich auch als coronaanfällig herausstellen?

Wussten Sie, dass nur 85 bis 90 dieser Tierchen ausreichen, um meine Angedockte damit einzuhüllen? Verwertet wird dabei ja alles. Nerzköpfe, sagen die Fachleute, seien extrem haltbar, dickledrig (dickköpfig?) und im Vergleich zu den Pfoterln etwas schwerer. Besonders leicht wiegten die Kehlstücke, sagen sie, die eignen sich besonders zur Schmuckproduktion und haben oft so hübsche helle Fleckerl drauf. Die Pfoten, das sei auch noch besonders betont, werden in der Verarbeitung nach Vorder- und Hinterpfoten getrennt, weil die vorderen Pfoten etwas flacher sind und auch schwerer. Klingt das nicht putzig? (seufz) Wirklich blöd jetzt. Das wäre doch ein ganz besonderes Geschenk geworden, mit einer tollen Geschichte dahinter.

25. November. Tag 23.

23 Tage eingesperrt. 23 Tage das gleiche Gesicht. 23 Tage das gleiche Gerede. Langsam wird es eng, nicht? Doch heute, liebe Frauen, heute geht’s dennoch so richtig ab! Ich freue mich für euch! Ich freue mich für euch, liebe Frauen, weil der heutige Tag begangen wird als Internationaler Gedenktag für Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalt wurden. Toll - wirklich super. Kann man gut brauchten am 23. Tag der Inhaftierung ohne Aussicht auf die engsten Kumpel und ihre deftigen Männerwitze. Sogar Frauenministerin Raab wirft sich ins Zeug mit einem zweitägigen Symposium, einem „Gewaltschutzgipfel“. Das kann nun ja nur spitze werden, gell?

Okay, tatsächlich exakt eine Woche ist es her, dass in der Tageszeitung von einem 38-Jährigen berichtet wurde, der seine Partnerin und deren Tochter „über einen längeren Zeitraum hinweg“ terrorisiert und attackiert hat. Schwamm drüber. Exakt eine Woche ist es her, dass in der selben Tageszeitung von einem 11-jährigen Mädchen berichtet wurde, das mehrere Nächte im neblig-kalten Graz im Garten geschlafen hat und deren laut eigenem Bekunden überforderte Mutter zwar wusste, dass sie es tat, nichts aber dagegen unternahm. Schwamm drüber. Exakt eine Woche ist es her, dass in der selben Tageszeitung zu lesen war, dass der ÖVP-Grandseigneur Andreas Khol aufgrund eines Auffassungsunterschieds in einer TV-Sendung meinte, SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner habe „danach gerufen, ihre eine aufzulegen“. Schwamm drüber, der geehrte und sich gerne als treuen Katholiken bezeichnende, alte ÖVP-Mann folgt damit ja nur der statistischen Wirklichkeit, in der jede fünfte Frau in Absurdistan von Gewalt und Misshandlung berichten kann (sofern sie sich nicht wie die meisten Frauen schämt, darüber zu sprechen).

Also, Schwamm drüber, echt, denn es sei sowieso in allen drei Fällen betont: Der 38-Jährige Frauenquäler zeigte sich reuig. Die Mutter der 11-Jährigen zeigte sich auch reuig und nahm sogar Amtshilfe in Anspruch. Und Andreas Khol, klar, der ist ja Berufspolitiker und Reue seiner Selbstdefinition entsprechend gewohnt, auch der zeigte sich im Pam-Dresche-Androh-Fall also umgehend und souverän zutiefst reuig. Liebe Frauen, somit also: Es geht los! Ich freue mich für euch! Ich mache mir jetzt ein Späßchen, trabe an diesem 23. Tag der Isolationshaft mit einer Angeketteten an meiner Seite zu ebendieser, lege ihr eine auf (einfach so, weil ich’s kann) und zeige mich dann reuig. Weil dann ist ja alles gut, am Internationalen Gedenktag für Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalt wurden, gell?

26. November. Tag 24.

Die einen, die man nicht reinlassen möchte, stellen ja gerne den Fuß in die Tür. Zeugen Jehovas. Liebe Leute mit einem lieben Lächeln auf den Lippen: Darf ich mit Ihnen über Gott sprechen? flöten sie dann, oder: Haben Sie schon einmal über Gott nachgedacht? Da möchte man doch zurückfragen: Wer bitte ist das? Naja, und die, auf die unsere Kleinsten lange warten, sei es in kribbelnd bedrohlicher Vorfreude oder gar aus blanker Angst, die müssen in diesem Jahr per dringender Bitte unseres Kurzkaisers draußen bleiben. Nikoläuse dürfen bis ans Fenster. Oder bis an die Tür. Na gut, da schwitzen sie wenigstens nicht unter ihrem noch aus dem Vorjahr klebrigen Rauschebart, der nach Mottenkugeln stinkenden Perücke und dem Umhang, genäht aus den Resten eines Samtvorhangs der späten Fünfzigerjahre, der von der Pfarrgemeindesekretärin noch rasch aufgebügelt wurde.

Warst du auch schön brav?!?!? werden die Nikoläuse den Kleinen zurufen und es wird klingen wie eine Drohung. Und mit piepsender Stimme werden sie Antwort bekommen, um wiederum zurückzurufen: Red’ lauter, ich kann dich nicht hören!!! Und dann werden die Kleinsten, ausgestattet mit MundNasenSchutz-Masken, eingepackt in dicke Daunenjacken, in die Fäustlinge ihr Selbstgemaltes auf Restpapierzettelchen krallend, dem im Regen stehenden Nikolaus ihre Gedichtchen entgegenschmettern. Am Ende werden vorbereitete Nikolaussäckchen unter akribischer Einhaltung der Abstands- und Anstandsregeln durch Fenster und offen Türen geschleudert und die Besinnungsstunde erreicht ihren glanzvollen Höhepunkt, wenn der mit Eintritt der Dunkelheit ja gewöhnlich bereits besoffene Vater zum bewilligten Dreschen des Kindes aufruft, worauf er die Antwort des Heiligen erhält: Geht nicht, ist ja Corona.

27. November. Tag 25.

Sicher ist, dass der Hund mit dem Schwanz wedelt. Ebenso sicher erscheint mir, dass wir auch weiterhin oder sogar noch intensiver mit dem Putzwedel durch’s Haus wedeln (wir haben ja Zeit). Wir können auch Brotkrümel vom Tisch wedeln. Oder mit den Händen Gerüche wegwedeln, oder besser noch: mit Geld (das wir ja dank des Lockdowns endgültig nicht mehr haben; bei mir ist am 23.12. sense und Waffe habe ich mir leider auch keine leisten können, um dann endgültig systemrelevant zu werden, siehe Auftritt vom 19. November), mit Geld also herumwedeln, um ein Weibchen anzulocken beispielsweise (das uns dann, weil haushaltsfremd, gar nicht besuchen dürfte). Jedenfalls können sogar Leute mit Photoshop weiterhin ihre Körperchen abwedeln, um sie aufzuhellen. Ob wir aber eine Piste runterwedeln, das steht inzwischen in den Sternen, und Ischgl ist schuld daran, daran hat der bayrische Ministerpräsident gestern medial fingerwedelnd erinnert.

PS: Meine schneeweißen, wedeluntauglich muskelabgebauten Schenkelchen müssten im Falle einer fotografischen Verwendung nicht photoshopmäßig abwedelnd mehr heller gemacht werden. Ich bin mir sicher, sehen diese lockgedownten, in die Schreibstube verbannten und außerhalb des Hauses in dichten Neben eingehüllten weißen Hautpartien das nächste Mal wieder die Sonne, werden sie schlagartig rot werden wie Tomaten. Dann habe ich den Salat.

28. November. Tag 26.

Leser*innen der täglichen Rubrik hier in diesem Theaterraum haben es längst bemerkt: Dem Juriatti fallen witzige Bemerkungen ausschließlich ein, wenn sie nicht angebracht sind. Das stimmt, ich gebe es zu: Beispielsweise in einem Flughafen. Da darf man mich nicht fragen, ob ich etwas zu verzollen habe. Diese unschuldige Frage allein reizt bereits den unvernünftigen, unwitzigen Witzbold in mir. Man darf mich nicht fragen, ob ich illegale Suchtmittel bei mir trage. Oder eine Bombe. Oder an Ebola leide. Solche Sachen darf man mich nicht fragen. Ich finde es nämlich witzig, alle diese Fragen mit Ja zu beantworten.

Meine Kinder regen sich natürlich darüber auf, in solchen Momenten, und ich frage mich, worauf sie abzielt, ihre Aufgeregtheit. Mir ist es mit meinen bald 60 Jahren nicht mehr so wichtig, rasch von A nach B zu kommen. Es soll vor allem Spaß machen, es gibt viel zu erleben auf dem Weg. Dem Zöllner also einen zünftigen Witz, er hat ihn sich für seine ihm per Verordnung aufgezwungene dämliche Fragerei verdient.

Mir scheint, je älter ich werde, desto mehr Zeit verbrate ich damit – mit Spaß, meine ich (auch wenn er sich oft in beißender Satire äußert; Hinweis auf meine altersbedingte und damit enttäuschungssummierende Verbitterung).

Randnotiz: Paradoxe Erkenntnis, inklusive Rufezeichen: Je älter ich werde, desto mehr Zeit bleibt mir.

Frage eines Zollbeamten: Leiden Sie an Ebola?
Ich: Ja klar! (und weiter, mit anerkennendem Unterton, kurz vor Schulterklopfen) Was für eine intelligente Frage!
Er: Drogen?
Ich: Zu wie eine Haubitze. Und in meinem Hintern steckt ein prall gefüllter Gegenstand, der dort nicht hingehört.
Er: Na dann, willkommen in Absurdistan.
Handschellenklick. Anschlussflug adieu.
Ich: Kein Problem. Was gibt’s zum Abendessen?
(aus: Kritzelbuch - BITTE SPENDEN SIE!)

29. November. Tag 27.

Ich hab’s versucht, ich gebe es zu: Ich wollte an der Namensänderung des oberösterreichischen Fucking kommentarlos vorbeischiffen. Aber, liebe Fucker und Fuckerinnen, lasst euch gesagt sein: Ihr versäumt Großes. Klar, eure Ortstafel wurde immer und immer wieder gestohlen, ähnlich der Tafel des in der Steiermark zu verortenden Poppendorf, das durchaus die Potenz hätte, eure Partnergemeinde zu werden, ähnlich dem wiederum Örtchen Sexling. Ja, oberösterreichische Vorfahren liebten es schlüpfrig: Nur 143 Kilometer von Sexling entfernt liegt das Örtchen Mösendorf, Brutstätte der Ortsteile Aierzelten (hier könnte man herrliche Männercamps auf die Beine stellen) und Mösenthal (das Campingareal für Frauen). Und die Nieder- reiben sich durchaus an den Oberösterreichern: Kleinpoppen und Samendorf stehen Fucking um nichts nach.

Liebe Fucker und Fuckerinnen, lasst euch gesagt sein: Man muss nicht mit billigen Witzen wie diesen hier leben. Aber trampelt nicht auf den wortkreierenden Eiern eurer Ahnen herum, das tut man nicht. Ihr müsst das positiv sehen! Mit ein paar guten Slogans sehe ich Hotelkomplexe, Wellnesstempel, Massagesalons und eine Reihe herrlich basismenschlicher Einkaufsdome wachsen. So würde eure – dem Erbe des Namens endlich gerecht werdende – mickrige Einwohnerzahl von knapp über 100 Leuten explosionsartig steigen, es entstünde  spätestens ab einer eigenen Lustautobahnraststätte ein einzig himmlischer Lustgarten: An den Ortskanten begrüßen Tafeln wie „Fucking. Entspannung hat einen Namen.“, oder „Fucking.  Ort mit Spannkraft.“, oder „Der Himmel hat einen Namen: Fucking.“ Inserate in großen Tourismusmagazinen provozieren mit „Fuck! Sie waren noch nie in Fucking?“ oder etwas philosophischer, für die gehobene Klientel: „Fucking. An der Wurzel des Seins.“

Nochmals, liebe Fucker und Fuckerinnen: Eure Bürgermeisterin Andrea Holzner verbaut euch eine große, international anerkannte Tourismuszukunft, glaubt mir. (Wenn nicht mir, wem sonst? Amen.)

30. November. Tag 28.

Ein weiterer Homeofficemontag bricht an. Für Sie auch? Sitzen auch Sie immer noch zu Hause, eingeklemmt zwischen zwei kleine Volksschüler, zugedonnert mir Mails Ihres Chefs, der Ihnen sogar noch in der bürotechnischen Distanz auf den Geiger geht und Sie zutextet, als gäbe es kein Morgen? Trösten Sie sich mit dem Gedanken, dass solchen Chefs die Umsatzpanik im Nacken sitzt, weil deren Chefs wiederum sorgenvoll auf Aktienkurse starren, die nicht machen, was sie machen sollen, außer, sie haben auf sinkende Kurse gesetzt? Sogar das in Werbespots massiv beworbene Gold wackelt ja ordentlich. Während unser KurzKaiser die Leine noch lange nicht locker lässt, bricht hier grad ein System in sich zusammen. Und Sie, eingeklemmt zwischen zwei gruppenkolerische Volksschulklässler, bekommen dafür die Rechnung.

Kein Trost wird Ihnen sein, dass es mir diesbezüglich nur insofern besser geht, keinen suizidalen Chef zu haben. Heute Früh allerdings, beim Durchscrollen meiner E-Mails, entdeckte ich eine Zuschrift, die mich zunächst anhand des Betreffs freute: „Auftrittsanfrage“. Beim Öffnen lese ich die enttäuschenden Zeilen eines Veranstalters. Ob wir nach dem Lockdown hinsichtlich der Rehabilitation seines Theaters gratis auftreten, fragt er. Ich habe auf „Antworten“ gedrückt und Bedenkzeit erbeten. (Wollte ihn eigentlich sofort anrufen, um ihm eine Kugel ins Knie zu schießen.) Okay, wir werden ja durchaus auch bezahlt für unsere Auftritte. Mal besser, meistens schlechter. Besonders herrlich ist es, wenn Menschen, die uns schlechter bis gar nicht bezahlen wollen, zu mir sagen: Ja, euch macht das ja Spaß! Natürlich macht es manchmal Spaß. Die meiste Zeit über ist es das mühsame Ringen, das Spaß macht. Ringen um Worte. Ringen um Töne und Texte. ringen um ein Programm, die richtige Dosierung von Tempo und Entspannung. So etwas dauert Monate bis Jahre und macht Spaß. Der Auftritt selbst dauert dann vielleicht 90 Minuten – und macht er dem Publikum keinen Spaß, dann darf er nicht sehr oft wiederholt werden (oder unser KurzKaiser sagt, wir sollen den Mund halten, kann auch sein…).

Was aber will man mir sagen, wenn man uns unterstellt, es mache Spaß? Hängt die Entlohnung der Arbeit in Form von Geld damit zusammen, dass es nicht Spaß machen darf? Wenn ja, was machen die Menschen, die mir so etwas sagen, grundsätzlich falsch in ihrem eigenen Leben? Sind Lohn- oder Gehaltszahlungen Schmerzensgeld?

(Mehr dazu im Kritzelbuch. Einfach zulegen unter www.juriatti.net/shop. Und bitte, bitte: Spenden Sie jetzt!, ein Bergbauer hat von gestern auf heute durch eine Zeitungsaktion 250.000 Euro bekommen, wäre doch gelacht, nicht? - Dann könnte ich auch künftig gratis auftreten, wie z.B. heute morgen auch hier.)

1. Dezember. Tag 29.

Landauf landab wird grad diskutiert über die Notwendigkeit und auch die Gefahren der Massenimpfungen. Sollen wir oder sollen wir nicht? Das ist des Gretchens Frage. Ich selbst habe mich für die Impfung entschieden, gerne in der ersten Reihe, und das, obwohl Verschwörungstheoretiker besagen, geheime Machtgierige könnten uns durchaus ausrotten wollen durch eine Injektion. Bringt dich die erste nicht um, wird es die zweite erledigen. Dennoch, ich bleibe dabei: Ich stelle mich in die erste Reihe und lasse mir das Zeug reindrücken. Bringt es mich nicht um, so habe ich gewonnen, irgendwie. Bringt es mich – und alle anderen Impfwilligen – um, so soll es mir auch recht sein. Die Alternative nämlich – darauf hat mich gestern eine kluge junge Frau gebracht – hieße, in einer Welt zu leben, die nur noch von Impfgegnern bevölkert wird! Was für eine grässliche Vorstellung! All diese Leute, die heute schon mit selbstgemalten Transparenten durch die Straßen ziehen und lauthals gegen jegliche Form der Impferei wettern!

Und da ja unser geschätzter KurzKaiser mitsamt seinem Gefolge vorbildwirkend handeln wird müssen, werden sich die Regierungsbänkler alle impfen lassen und damit gegebenenfalls auch selbst exekutieren, saublöd zwar, aber der Glaubwürdigkeit halber notwendig. Die impfgegnerische Kanzlernachfolgerin wird dann eine grüne Sumpfschnecke in kakifarbenen Leinenhosen sein, die in ihrem „Naturgarten“ (welcher Garten ist nicht Natur?) eigenen Tee anbaut und ihr Fleisch scheibchenweise aus eigenen Schafen säbelt, um darüberhinaus aus deren Wolle Pullover für die gesamte alternativ-naturmedizinnahe Regierungsbank zu stricken. Ihr zur Seite steht ein ausgemergelter Gesundheitsminister, dessen tiefe Übersäuerungs-Wangenfalten zeigen, dass er tatsächlich jeden Tag ein Gläschen lauwarmen Morgenharn trinkt, das nämlich stärke die körpereigenen Immunkräfte. Kopfnicken erhält er von der neuen Bildungs- und Kulturministerin, die eine extra Milliarde für Trommelseminare frei macht, begleitet von der Umweltministerin, die neben Kältebädern auf Baumumarmungen setzt und gemeinsam mit ihrer Kollegin die Verlogenheit der Theaterwelt durch Schließung aller Einrichtungen konsequent ausrottet. Die illustre, verpickelte Nickelbrillenträgertruppe wird durch eine Heerschar an kränkelnden Staatssekretären ergänzt, die reihenweise durch Masern, Pocken und Diphterie dahingerafft werden. Blut- und sekretverschmierte Bussitze in ganz Absurdistan zeugen davon, dass es auch der impfbereinigten Bevölkerung nicht allzu gut geht.

Nein, ich bleibe dabei: Erste Reihe, piksen lassen, den Tag mit meiner geliebten Angetrauten verbringen, abwarten und – nein – keinen Tee trinken. Auch keinen Harn.

2. Dezember. Tag 30.

Ich möchte hier in diesem Theater auch mit dem Intimsten nicht hinterm Berg halten, Sie zahlen ja schließlich keinen Eintritt dafür, hier die volle Wahrheit zu erfahren. Heute somit mein offizieller Brief ans theologisch nicht widerlegbare Christengelchen in weißem Kleid:

„Liebes Christengelchen! Ich weiß gar nicht: Bin ich spät dran, oder bin ich zu früh? Ich habe ja schon so lange nicht mehr an dich geschrieben, sodass mir der richtige Zeitpunkt entfallen ist. Ich hätte nämlich gerne, dass sich meine Wünsche auch wirklich erfüllen. Hier der erste: Mach bitte allen meinen entfernten Verwandten klar, dass sie sich ihre überzogenen Weihnachtsgeschenklisten in die Haare schmieren können und sich ihr verdammtes Fondue in diesem Jahr selber kochen sollen, ok? Ich bin mundtot & ohne Einkommen, basta!

Bitte, liebes Christengelchen, sei so lieb und sorg auch für ein bisschen absurdistanische Gerechtigkeit, vielleicht, indem du des KurzKaisers Ohren nicht nur der Zierde nach so gestaltet hast, wie sie halt sind, sondern dass diese Ohren auch hören, was ihnen die Menschen in Absurdistan zurufen. Und lass die Leute von der „Kleinen Zeitung“ nicht mehr in einem Leitartikel schreiben, Leute, die kein Smartphone besäßen, seien „Smartphoneverweigerer“, weil doch jeder das Recht hat, keines zu haben, verdammtnochmalzefix! (Und lass unseren KurzKaiser vergessen, dass er diesen Leuten einen Schlüsselanhänger schenken will, um sie zu tracken). Zugleich aber bitte mach, dass die Lehrer für ihren PC-Unterricht auf ihren privaten Geräten dafür auch eine Entschädigung bekommen, verdammt noch eins oder zwei oder drei, geschätztes Christengelchen.

Und weil ich grad so geil in Fahrt bin, liebes Christengelchen: Lass all jene Kunden, die mich in diesem Jahr beschumpfen, boykottiert, drangsaliert, belehrt, von oben herab behandelt oder sogar überhaupt nicht mehr angerufen haben, allesamt im Meer versinken bitte, auf ewige Zeiten, das wünsch ich mir. Und lass demgegenüber die, die mir ohne zu wissen, wofür ich ihr Geld verwende, eine Spende geschickt haben, reich beschenkt die – wenn auch traditionell absurdistanisch (schein)heilige – Weihnacht verbringen. Ich verspreche dafür auch, dass ich am Ende des harten Lockdowns sage, wofür die Spenden verwendet werden.

Ach ja, noch was: Lass diese verdammten Depressionen verschwinden, die ich seit meinen allgemeinen Versagertagen habe, als ungewünschter, auftrittsboykottierter, ungelesener, buchnichtbestellter Autor, das wäre der Hit.“

So, jetzt sind Sie dran: Was schreiben Sie dem Christkind in diesem Jahr?

3. Dezember. Tag 31.

„Auf leisen Sohlen“ titelt heute die Kleine Zeitung (siehe overshoulder am Regal). Voll super. Auf leisen Sohlen erreicht uns auch endlich mal ein anderes Thema als dieses lästige Virus, das uns am Bein klebt wie ein Asphaltkaugummi. Nun ist es durch: Bildungsminister Spaßmann und die grüne Wissenschaftssprecherin Blimblimlinger verteidigten gestern ihre Novelle zum Universitätsgesetz. Das hochgestellte „a“ bei einer Magistra soll nun endgültiges Muss werden. Ebenso bin ich zum hochgestellten „in“ bei einer Doktorin verpflichtet, sollte ich einer solchen mal einen Brief schreiben müssen. Die gendergeneigte Damenwelt jubiliert. Zurecht! Endlich Gleichstellung durch Abgrenzung! Endlich Akzeptanz durch den schlichten Kunstgriff der Schriftbildverstümmelung. Um heute einen Text für die genderfixierte Gelehrt*innenwelt aufzubereiten, schrecken ja viele Menschen sogar vor der grammatikalisch vollkommen falschen „man/frau“-Anwendung nicht zurück („man“ kommt von „jemand“, es sei hier noch einmal und erneut und immer wieder betont).

Aber so soll es sein: Gleichberechtigung durch Buchstabenergänzung, des Männern drittes Bein soll und wird per Gesetzt nun bei Frauen in Form von Buchstaben baumeln, nein, hochgereckt werden, hochgestellt nämlich, der Welt wie ein Fuckfinger entgegengedonnert. Glücklicherweise unbestätigt geistert derzeit ja sogar die Idee durch die Welt, mein chauvinistischer Testosteronhimmel könnte bald endgültig durch die weibliche Ablöse der Kunstfigur „James Bond“ zu Grabe getragen werden. Ist dieser James Bond dann ein Umoperierter? Und wenn ja, ein lesbischer, da Bond ja traditionell mit Moneypenny turtelt? Ich bin verwirrt. Noch ist es nicht so weit. Allerdings, sollte ein/e Agent/in weder Mann noch Frau sein wollen; wer sich also fühlt wie eine Kröte oder ein Schrank oder ein Tümpeltröpfchen, auch der/dem kommt die Novelle entgegen: Es kann beim „Mag., Dr., Ing.“ auch das „x“ hochgestellt werden, Zeichen des dritten, unbestimmten Geschlechts. Liebe*r Herr/Frau/Irgendwas lautet dann die Anrede.

4. Dezember. Tag 32.

Ab heute laufen die Massentests und ab Montag öffnet der Handel. Da heißt es also: Geduld zeigen und brav anstehen. Freitags und samstags verzichten meine Angetraute und ich eigentlich lange schon auf den Supermarkt. Schlange stehen an der Wursttheke. Dann beim Käse. Dann beim Obst. Auch beim Gemüse. Dann an der Fischtheke. Am Ende die sehr langen Schlangen an der Kassa. Klar, der Supermarkt ist lebensnotwendig. Auch unsere Lieblingskonditorei ist es: Draußen vor der Tür also anstehen für ein Stück Kuchen. Gestern bemerkten wir: Hier stehen nur Hochrisikopatienten auf dem kalten Asphalt, aufgefädelt wie auf alten Bildern aus Russland, wo Ausgemergelte vor Fleischläden standen. Hundert Meter und weiter. Auch vor der Apotheke in unserem Bezirk stehen viele alte Leute. Auf dem Bauernmarkt sowieso.

Der Wirt um die Ecke in unserem Bezirk hat einen Glühweinstand vor seinem Haupteingang aufgebaut. Letzte Woche standen dort drei Leute in der Kälte. Doch jetzt ist das Geschichte. Unser KurzKaiser verbietet jüngst den Verkauf von Glühwein auf der Straße. Es bilden sich, sagt er, zu lange Warteschlangen. Der Staat zahlt also lieber Milliarden an Hoteliers, damit sie brav in ihren kalten Hütten bleiben. Auch eine Möglichkeit. Nur die Schilifte, ja, die Schilifte müssen aufgemacht werden, damit sich das millionenteure Beschneien rentiert. An Schiliften bilden sich ja keine unnötigen, weil nicht lebensnotwendigen Warteschlangen, da eh kein deutscher Tagestourist runterwedeln darf, um dann vor geschlossenen Restaurants zu stehen, gell? Und auch die Kirchen müssen wieder aufmachen, für die Stoßgebete, weil beim Hostien füttern, da bilden sich auch keine Schlangen ohne Mundschutz, eh klar.

Aber dafür bilden sich in Opernhäusern, Kinos und Theatern ganz, ganz gefährliche Schlangen: Schlangen reflektierender Menschen vielleicht. Trotz online-Kartenvorverkauf mit Namensnennung und Abstandsregeln weit über dem Muss. Das ist dem KurzKaiser viel zu gefährlich, das gehört unterbunden. Möglichst auf ewig. Hostienschlangen, wurscht, betrifft ja nur die Hochrisikogruppe. Schiliftschlangen, auch wurscht, denen friert ja eh das bisschen Hirn ein, das ihnen diente, um den Weg zum Lift zu finden. Denn grundsätzlich kann beim Schifahren nix passieren. Auch nix, das wertvolle Intensivbetten kosten könnte, das belegt die Statistik, gell?

5. Dezember. Tag 33.

Lockdown. Finanzminister mit acht Jahren Knast. Genderwahnsinn. Auftrittsverbot. Gesellschaftliche Literatur-und-Lesekrise. Verstehen Sie bitte, wenn man so wie ich auf die Sechzig zugeht, dann weiß man eines mit Gewissheit: Früher war alles besser. Ich erinnere mich unter anderem gerne an meinen Deutschprofessor, der uns mit Vorliebe einen Klaps auf den Hinterkopf gab. Mit dem Schlüsselbund natürlich, da musste Blut fließen, um „dass“ von „das“ zu unterscheiden. Oder die Religionsnonne in meiner ersten Klasse: Eine winzige, alte Frau, die mich dazu brachte, in die Hose zu pinkeln vor Angst, weil ich das „Vater unser“ nicht zuwege brachte. Ja wie denn, einem sozialistischen Haushalt entsprungen?

An der Nonne, die ich trotz ihrer vertrockneten Rosinenhaut als ausgesprochen attraktiv erlebte (ich mochte schon als kleiner Bub bei Schneewittchen die böse Stiefmutter viel lieber), habe ich mich Jahre später unbewusst gerächt. Als ich nämlich meine künftige Angetraute beeindrucken wollte, da plante ich einen ganz besonderen Abend: Ich wollte einen Stiegenaufgang in ein Kerzenmeer tauchen, mit Blüten auf den Stufen, und ganz oben sah ich mich, den Knieende, der um ihre Hand anhält. Als arbeitsloser und fraglos bereits damals ungefragter Autor fehlte mir selbstredend das Geld dazu, was mich veranlasste, unser Kloster am Stadtrand aufzusuchen, das idealer Weise gleich neben dem städtischen Friedhof lag. Ich ging also eines frühen Nachmittags in die Kirche dort, um alle verfügbaren Opferkerzen abzugreifen. (Das sei kein Diebstahl, redete ich mir ein, denn durch meinen Zwangstarif an die römisch gesteuerte Beamtenschaft wird das ja abbezahlt.) Ich erinnere mich, zunächst alle Kerzen ausgeblasen zu haben, um in einer Kirchenbank so zu tun, als betete ich, und in Wahrheit nur darauf zu warten, dass das Wachs erkaltet.

Ich stopfte meinen Rucksack mit den Kerzen voll und besuchte direkt danach den Friedhof, um alle Rosenköpfe mitzunehmen, die sich mir anboten. (Ok, hier steht meine Argumentation auf dünnem Eis: Es sei sowas wie Gartenpflege, sagte ich mir.) Den Abend jedenfalls verbuchte ich als großen Erfolg, meiner späteren Angetrauten standen die Tränen in den Augen ob meiner großzügigen und romantischen Inszenierung. (Fazit: Auf dem Rücken der Kirche werden sogar Versager zu Prinzen, die man gerne küsst. Blöd nur für meine Angetraute, dass sich sehr rasch herausstellte, nicht mal den Stallburschen desselbigen bekommen zu haben.)

Sie sehen, wenn ein alternder Schreiberling nicht immer und immer wieder über den KurzKaiser schreiben möchte, kommen solch hübsche alten Geschichten hoch.
(adaptiert aus: Kritzelbuch)

6. Dezember. Tag 34.

Endlich ist der Sechste. Nicht nur die beamteten Stimmen Gottes tragen an ihren Goldaltären heute lange Gewänder, nein, auch euphorische Laien schlüpfen in den Pfarrkanzleien des Landes in solchige, um den guten alten Mann zu spielen. Ja, der Nikolaus darf kommen, oder auch nicht, oder was weiß ich. KH Grasser jedenfalls bekommt heute ein ganz besonderes Nikolaussackerl: mit Zahnbürste, Seife, Handtücherl und zwei Büchern („Finanzminister light, Almanach der Steuergeldveruntreuung“ und „KnastKnigge: Benimmfitregeln für Wirtschaftstäter mit Surflehrer-Fönfrisur“) - halt allem, was er in den nächsten acht Jahren so brauchen kann.

Jedenfalls: Jetzt geht es ja ganz schnell bis Weihnachten. Zack, und schon liegt das 360 Tage im Keller in seinem Kartonsärgchen verstaute Christuskind mitten im Wohnzimmer. Glücksselig starren viele das Holzfigürchen an und geben sich für einen Augenblick herzwarm seufzend der Krippe und dann einer oder zwei Flaschen schweren Rotweins hin. „Gott darf in unsere Wohnzimmer kommen“, hörte ich vor ein paar Jahren mal einen beamteten Kleiderträger sagen. Naja, soll so sein. Ich selbst denke inzwischen nicht mehr sehr gerne über solche Thesen nach, die Menschheit hat an keinem einzigen Weihnachtsfest, das ich erlebt habe, auch nur ansatzweise irgendwas gelernt. Dennoch behauptete unlängst ein Katholik, mit dem ich blöderweise zu diskutieren begann: „Die Welt wäre definitiv eine schlechtere ohne Katholiken.“

Bei solchen Sätzen stellen sich mir alle Nackenhaare auf: Kann dem beigepflichtet werden oder ist es eher so, dass die Katholiken bestenfalls (!!!) nur nicht schlechter sind als der Rest der Welt? Sofern aber Katholiken einfach nur nicht schlechter sind als der Rest der Welt, trägt dann Religion, ganz allgemein, zum Weltfrieden bei oder liefern die Religionsgemeinschaften vielmehr Stoff für Terror, Mord und Kriege ganzer Nationen? (Zumindest liefert die Religion in der westlichen Welt das Motiv für vorweihnachtlichen Profitwahnsinn, Einkaufsstress und am Ende zünftige Familienstreitigkeiten unter dem Christbaum.) Hat somit der berühmte ehemalige Benetton-Fotograf Oliviero Toscani recht, der meinte, ein erster Schritt in eine friedlichere Welt bestünde in der Abschaffung aller Religionen? Oder würden wir uns dann einer anderen ungelösten philosophischen Frage wegen die Köpfe einschlagen, einfach, weil wir so gestrickt sind?

Hand auf’s Herz: Wie hoch schätzen Sie den prozentualen Anteil in der Bevölkerung ein, der am 24.12. abends denkt „Guck mal, heute darf Gott in unser Wohnzimmer kommen“?
(adaptiert aus: Kritzelbuch)

Zum Abschied ohne Applaus

34 Tage des Theater- und Opernlockdowns. Jeden Tag habe ich unter „mundtot & ohne Einkommen“ meinen Senf zu dieser Welt beigesteuert. Ich ließ mich auf meiner online-Bühne beschimpfen als linksliberaler Möchtegernregisseur, niedermachen als eitler Selbstdarsteller, ankreiden als sexistischer Möchtegern und in Persönlichen Nachrichten ließ ich mich bis tief in die Nacht zutexten, seit vorgestern sogar auslachen und kleinmachen, wurde demgegenüber aber in den vergangenen 34 Tagen auch „genial“ genannt und von zwei literarischen Freunden sogar physisch beschenkt. 778 Mal bekam ich Applaus in meinem Theater, ausgedrückt durch Likes, 114 Mal wurde laut gelacht, 76 warfen in Form des Herz-Symbols Rosen auf die Bühne, 60 warfen gleich auch ihr eigenes Herz dazu, in Form des Umarmungs-Symbols, 7 zeigten sich durch den Oh-Smiley erstaunt, 38 belegten ihr Gefühl durch den Traurig-Button und Einer war sogar ein Mal wütend. Im Foyer des Theaters – den Kommentarspalten – wurde manchmal intensiv und hitzig diskutiert.

Das alles, liebe Menschen da draußen, nennt man: Kunst. Alles Aufgezählte bewirkt sie. Sie freut uns, sie unterhält uns, sie regt auf, sie schreit nach Entgegnung, sie fordert heraus, sie provoziert, sie lässt uns nicht in Ruhe, nicht einmal, wenn alle Theater dieser Welt geschlossen werden. Man mag meine Form der literarischen Arbeit mögen oder nicht, das bleibt jedem Einzelnen vorbehalten. Doch mit „mundtot & ohne Einkommen“ wollte ich zeigen: Kunst ist da. Niemand kann sie durch böse Kommentare löschen, niemand bekommt sie durch überzogene Reaktionen wie die Schließung unserer Auftrittsmöglichkeiten weg. Kunst ist da.

Künstler bekommen keine 80% ihres Umsatzes refundiert. Künstler bekommen auch keine 40%, 30%. Was sie bekommen, das sind keine Auftritte. Das lässt verstummen, ja. Weil uns die Existenzgrundlage entzogen wird.

So habe ich zu Spenden aufgerufen. Und tatsächlich haben vier Menschen gespendet. 350 Euro sind zusammengekommen. Eine Spende habe ich rücküberwiesen. Weil ich weiß, dass sie von einer Frau stammt, die selbst jeden Monat irgendwie schaut, dass sie über die Runden kommt. Eine riesige, menschliche Geste, unfassbar fast! Den Rest der Spenden widmen meine Frau und ich einem Projekt für Sternenkinder und haben das erhaltene Geld bereits an einen Verein weitergeleitet. Ich bedanke mich bei diesen vier Menschen von ganzem Herzen.

Und dennoch: Es sind viel zu wenige Spenden zusammengekommen, um dieses Theater hier weiter am Leben zu erhalten. Ihnen sage ich: Danke für Ihren Besuch, doch nun gehen mangels Geld auch hier die Lichter aus.

Bonus Track

(Irgendwann Mitte November) Eigentlich wollte ich mit heute aufhören. Doch dann rief mir eine liebe alte Bekannte – zugegeben, die Geschätzte ist hirnorganisch nicht gerade auf die helle Seite des Mondes gefallen – die also rief mir zu: „Mach weiter! Mach weiter!“ Sie tat es, indem sie die Unerträglichkeit meiner täglichen Postings beklagte, in Dutzenden Kommentaren, allerdings auch – bildlich gesprochen – den Saal nicht verlassen wollte. Also dachte ich mir, pfeif drauf, mache ich also weiter, bestärkt auch durch meine Tochter, die in erleuchtender Weise zu mir sagte: „Papa, erwachsene Leute auf Facebook sind schlimm.“ (Wie elegant sie sich ausdrückt!) Ja. Erwachsene sind unreif. (Ich auch.) Erwachsene sind abfällig. (Ja, ich auch.) Und primitiv. (Nein, ich nicht.) Präpotent. (Ja, klar.) Bösartig. (Sowieso!) Und manche Erwachsene – wie auch besagte Mondfrau –  posten hübsche „schau mal, ich bin grad am Meer und bade in Prosecco“-Bildchen oder „oh, schau, wie schön das Leben ist“-hochgelegte-Beinchen-Pics oder „die-Weihnachtskugel-schlenkert-lustig“-Gifs. (Ich poste sowas mangels schöner Beine nicht.) Aber sofern man diesen Proseccoschlürferinnen schräg kommt – Achtung! – dann werden sie schlagartig zu all dem oben Aufgezählten. Und immer, wenn sie sich an Tageskommentaren von Typen wie mir festbeißen, verhalten sie sich wie einschläferungswürdige Dobermänner, die ihre Hauer im Blutrausch nicht mehr aus dem Fleisch reißen können. Solche online-Täter*innen wähnen sich weise, ihre Weisheit jedoch ist gefangen in ihrem lange verhaltenskonditionierten, kleinen Werteaquarium. Alles ihrem engen Denkkosmos entgegen Gestellte weckt ihre Aggression und die durch dicke Bankkonten ermöglichte Verachtung. „Bösartigkeit amüsiert mich“, antwortete ich also gestern meiner Tochter, „und sie demaskiert – natürlich mich auch“.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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