6. September 2019 - Keine Kommentare!

Ich bin für nix

6. September 2019 * Woche 1 * online-Romanessay „Rainer Günther erklärt die Welt“
von Rainer Juriatti

Prolog

„Emily steht unter der Dusche. Ich bin dabei, mich anzuziehen.“ Diese zwei Sätze stammen nicht von mir, keineswegs wollte ich Sie damit belästigen, vielmehr wollte ich Ihnen erzählen, warum ich nicht mehr bei McDonalds esse. Demzufolge möchte ich mich umgehend für die beiden höchst dummen Einstiegssätze entschuldigen und mich davon distanzieren. Erstens bin ich angezogen, weil ich immer angezogen bin (zumindest ist es nicht vorgesehen, dass ich mich als nackt beschreibe), zweitens kenne ich keine Emily. Mein Erfinder kennt auch keine, da bin ich mir sicher.

Heute Morgen allerdings hat er zu mir gesagt: Wir brauchen einen guten ersten Satz. Als ich meinte, ich wolle den Leuten einfach nur vom Mampfen bei McDonalds erzählen und von all den adipösen Kindern, die mich amüsieren, schüttelte er den Kopf und stieß ein abfälliges „tststs“ aus. Dann ist er in seine Bibliothek gegangen und hat ein paar Bücher aufgeschlagen, auf der Suche nach einem „genialen ersten Satz“, so seine Worte. Die Schriftsteller in den Regalen meines Erfinders sind alphabetisch geordnet, muss man wissen, es dauerte also eine Ewigkeit, bis er bei Nico Walker w.o. gegeben hat, weil er keinen wirklich guten Einstieg in einen Roman gefunden hat. Der erste Satz meiner Geschichte beginnt demnach vollkommen fragwürdig mit einem Zitat aus dem Buch „Cherry“, einem feinen autobiografischen Roman eines drogensüchtigen ehemaligen US-Soldaten, eines Mörders und Selbstzerstörers. Mein Erfinder behauptet, dies sei kein Zufall, womit wir mitten im heutigen Thema sind, dem Thema, warum er mich erzählen lässt. Mein Erfinder nämlich sagt, er sei durch das viele Nachdenken vor dem Schreiben, also lange vor dem ersten Satz, zunehmend gewaltbereit geworden. Auch gegen seinen Verleger, diesen Ausbeuter. Also weigere er sich, weiterzuschreiben, ich solle das jetzt übernehmen.

Er nennt mich Rainer Günther, lässt mich immer angezogen sein (womit in dieser hier vorliegenden Geschichte auch keine heißglühenden Sexszenen zu erwarten sein werden) und macht mich zum Loser, der die Welt erklärt.  Ich, Rainer Günther also, erkläre das gesamte Dasein, Ihres wie auch das meine, das ja in Wahrheit gar nicht existiert. Es ist so paradox wie es auch absurd ist. Wie gesagt, zu mir kam es nur, da mein kopfkranker Erfinder eines Tages festgestellt hat, dass er keine Freude mehr daran finde, das politische, gesellschaftliche und menschenverblödende Leben zu kommentieren. Das lese sowieso keiner, hat er gemeint. Also solle das ab sofort ich übernehmen. Wahl habe ich keine, so als Erfindung eines geistig Kranken. Rainer Günther, der Welterklärer also. Mein Erfinder meint, ich solle unbedingt auch betonen, dass Sie mich hassen dürfen, an ihm selbst pralle das elegant ab, da er mit der ganzen Sache hier nichts mehr zu tun habe.

Demnach: Hassen Sie mich doch, Sie kleines Würmchen am anderen Ende der Internetleitung, denn der rote Faden meiner Biografie sieht sowieso vor, dass mich keiner brauchen kann. Sie können mich demnach problemlos jetzt sofort wegklicken, Sie Feigling! Es gibt mich sowieso nicht und bis zu meiner Erfindung hat mich auch keiner gebraucht und in spätestens einem Jahr wird mich sowieso keiner mehr brauchen. Dazwischen: Braucht mich auch keiner. Ich bin und bleibe ein nichtgelesener, mickriger Schreiberling, das Alter-Ego meines schrecklich schäbigen Erfinders. Schreiberlinge, muss man wissen, können schlichtweg und unveränderlich von niemandem gebraucht werden. Dementsprechend kann es hier auch keine dramaturgisch fein gesetzte „Entwicklung der Figur“ geben, bis ans Ende der Geschichte werde ich mich nicht verändert haben; dazu bin ich auch zu alt, zu verfangen in meinem absurden Kampf gegen Verbitterung, zu einsam jedenfalls. Wenn ich in meiner Schreibstube sitze, dann klopfe mit dem gestreckten Mittelfinger auf die Tischplatte. Es klingt wie das Ticken einer Wanduhr. Ich weiß längst, die einzig charakterliche Veränderung, die noch auf mich wartet, ist der Tod. Aber dazu später in aller Ausführlichkeit, wie gesagt, den Plänen meines Erfinders entsprechend in spätestens einem Jahr.

So, das hier muss für einen saftigen Prolog ausreichen.

1

Mich kann keiner mehr brauchen. Früher war das anders. Ich tat dies, ich tat das, habe meine Kalorien verbraucht im Irgendwasmachen. Man konnte mich brauchen, irgendwie. Heute ruft keiner mehr an und wenn ich hilfeschreiend einen Brief schreibe, bekomme ich nett formulierte Absagen. Dabei bekundet man mir, man finde es ganz supertoll, was ich schon alles gemacht habe. Aber brauchen sei etwas anderes. Brauchen könne man das nicht. Und mich brauche man sowieso nicht. Kennen Sie das auch? Dieses Gefühl, dass keiner was will von Ihnen? Und das, was andere von Ihnen wollen, das wollen dann Sie nicht? Sind wir – sind Sie und ich – im weltverändernden heroischen Tun der großen Vorbilder wie Gandhi, Greta Thunberg, Herbert Kickl, dadurch nicht totale Loser? Werden wir es ewig bleiben? Und wenn ja: Was macht das mit uns?

Also habe ich Zeit. Das ist alles, was ich noch besitze. Dann blättere ich in Zeitungen und werfe damit jeden Tag einen Blick auf die wilde Absurdität unseres Daseins. Und weil ich so viel Zeit habe wie nur irgendwas, surfe ich stundenlang auf Facebook herum, wo ich Leute, die in meinen Augen politisch allzu rechts stehen, durch Provokationen zur Weißglut bringe. Machen Sie das auch? Ihren Seelenschrott auf Facebook rausmüllen? Ihren Dampfkessel sauberpfeifen, indem Sie andere beschimpfen, grenzenlos niedermachen und provozieren? Alles Trotteln, eh klar. Aber machen Sie das? Und wenn Sie es machen, fühlen Sie sich danach besser? Wenn Sie sich besser fühlen, warum ist das so? Ich jedenfalls erkläre meinen Opfern haarklein, wie die Welt funktioniert und dass sie einen an der Waffel haben, weil sie dies oder jenes nicht kapieren mit ihrem IQ in Höhe der Zimmertemperatur.

Im Grunde allerdings weiß ich selbstverständlich, da ich diese meine finalen Zeilen hier aufschreibe: Wer kann schon wirklich beschreiben, was das Leben ausmacht? In einer Welt der „radikalen Pluralität der Perspektiven“, wie es der Wirtschaftsprofessor Michael Steiner unlängst ausgedrückt hat. Wer kann sagen, wie das Dasein tickt? Bei all den Meinungen und Rezepturen? Sind Sie nicht auch müde, all den Schrott zu hören, zu lesen, zu sehen? Ist diese Müdigkeit temporär oder latenter Alltag?

Und damit, liebe geneigte Leserin, lieber geneigter Leser: Ich bin der letzte Mensch, von dem Sie sich ernsthaft sagen lassen sollten, wie die Welt tickt. (Aber nächsten Freitag erzähle ich Ihnen dennoch, warum ich nicht mehr bei McDonalds esse.)

Nächsten Freitag, 17 Uhr: Lustige adipöse Kinder

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Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in online-Roman, Rainer Günther

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