30. April 2017 - Keine Kommentare!

Schildkrötenzeit

Schildkrötenzeit
Kulinarium in der Lurgrotte in Semriach
Rainer Juriatti

Zwei Steine, die sich aufeinander zubewegen. Durch ihren Wachstum. Auf der Spitze des Stalaktiten verharrt ein Tropfen Wasser, löst sich, fällt nach unten, prallt am Stalagmiten ab. Beide zehren von diesem Tropfen, erzählt uns Andreas Schinnerl, Besitzer der Lurgrotte. Kalk lässt sie wachsen. Das ist die Bewegung. Während wir in saftigen Barriqueschinken beißen, betrachte ich dieses Spiel. Zwei, drei Tropfen auf einen gekauten Bissen.

In einer der hallengroßen Höhlenräume betrachten wir fasziniert zwei Tropfsteine, die nur wenige Zentimeter vor ihrer Verschmelzung stehen. Andreas Schinnerl meint, den beiden sei eine Vereinigung nicht mehr vergönnt. Der Höhlenraum nämlich, der sei inzwischen ausgetrocknet. Und ohne Wasser gibt es keinen Wachstum. „Nur noch fünfzig Jahre“, lächelt er, „dann hätten sich die beiden ähnlich Romeo und Julia endlich gefunden“.

Die kulinarische Wanderung durch das Höhlensystem der Lurgrotte 25 Kilometer nördlich von Graz dauert fünfeinhalb Stunden. Wir bewegen uns durch Felsdome, Höhlengänge und unterirdische Schluchten. Was uns in Vergnügungsparks und Filmkulissen vorgegaukel wird, wird hier zur uneinholbaren Wirklichkeit. Während wir über einen Kilometer tief  vordringen, machen wir immer wieder Station und werden von einem gut gelaunten, freundlichen Team begrüßt. Keine Ahnung, wie es diese offenherzigen Semriacher schaffen, die Buffets aufzubauen, während wir staunend von einem Märchenerzähler und dem Besitzer der Grotte durch die urzeitlichen unterirdischen Welten geführt werden.

In einer der vielen ruhigen Minuten betrachte ich Dutzende Tropfsteinpaare und beginne, ihre Zeit bis zu ihrer Berührung einzuschätzen. Ich komme auf 2200 Jahre, 3800 Jahre, 3000 Jahre. Ob ihnen genügend Zeit bleibt? Ganz natürlich drängt sich diese Frage auf. Zeit wird relativ, hier in dieser unendlich lichtlosen Stille. Die Geschichte von Maus und Schildkröte fällt mir ein. Eine Schildkröte nimmt die Bewegung einer Maus nicht wahr, zu schnell bewegt sie sich. Und ebenso verhält es sich umgekehrt: In der Wahrnehmung einer Maus bleibt die Schildkröte ein Stein. Die Höhle, sinniere ich, nimmt unsere Bewegung nicht wahr, zu schnell sind wir Vergangenheit. Wir kommen, wir gehen. Die nächsten Menschen kommen, sie gehen. Während Tropfen für Tropfen von Stein zu Stein fällt, meinen wir tatsächlich, uns ernst nehmen zu müssen.

Der Abend begann mit einem Zirbenschnaps. Es folgte eine Kräuterrahmsuppe. Beides, um die Knochen zu wärmen. Konstante 9 Grad kühlen den Körper aus. Es folgten Buffets mit regionalen Produkten erster Klasse. Nach fünfeinhalb Stunden treten wir vom Höhlendunkel hinaus unter den Sternenhimmel. Dazwischen lagen Staunen, Genießen, Zuhören, Verzaubert sein. Zeit, ein relatives Maß: Das schließlich nehmen wir mit nach Hause.

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Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Kulinarik, KulinarikBlog

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