8. Juni 2017 - 1 Kommentar.

Schweinebauchrind aus Soja

Schweinebauchrind aus Soja
aus der Reihe "Chef Days Graz"
Rainer Juriatti

Unlängst saßen meine Tochter Chiara und ich am Küchentisch. Ich weiß nicht mehr, was ich gerade aß. Fleisch jedenfalls lag auf meinem Teller, daran erinnere ich mich, als sie sagte: „Papa, ich möchte vegetarisch leben.“ „Ich auch“, antwortet ich schlagartig. Sie lächelte. „Ernsthaft“, betonte ich kauend und erzählte vom „Vegetarischen Metzger“, den ich wenige Tage zuvor kennengelernt hatte. In den Grazer Messehallen.

Mein Sohn Tonio und ich hatten uns zwei Tage „Fortbildung“ gegönnt. Nicht zuletzt, da wir in unserer kleinen Agentur auch mit Food-Fotografie und der Kulinarik befasst sind. Wir besuchten die Chef Days, die in Graz Station machten. Lauschten den Vorträgen von Tim Raue, Stefan Marquard, dem großen Massimo Bottura und anderen Künstlern der Küche.

Der Vegetarische Metzger

Die Vorträge wurden von einer kulinarischen Messe ummantelt. Und da trafen wir die jungen Mitarbeiter des „Vegetarischen Metzgers“. Wie alle anderen Stände kochten sie auf. Ich probierte das „Rind“. Es erinnerte mich an Schweinebauch. Lachend berichtete ich davon. Der junge Mann lächelte und meinte, das sei im Grunde auch nicht so relevant. Er hatte recht: Das Schweinebauchrind aus Soja schmeckte hervorragend, und darauf, denke ich, kommt es an. Man hat das Gefühl, etwas Gutes zu tun, indem man in so etwas wie Fleisch beisst und zugleich weiß, dass kein Tier hatte sterben müssen für diesen Genuss.

Am Küchentisch mit meiner Tochter erzählte ich davon. „Man hat das Gefühl, Fleisch zu bekommen“, betonte ich, „und dennoch gerecht und fair zu handeln2. Chiara nickte und meinte, das meiste an Getreide, das pro Kopf verbraucht wird, werde durch Tierfutter in Fleisch umgewandelt. Damit hatte sie unlängst erfahren, was Peter Singer in seiner „Praktischen Ethik“ ausführlich erläutert. „Man könnte die Welt ernähren“, meinte Chiara, „würden die Menschen auf Fleisch verzichten“. Sie wolle vegetarisch leben, da allein wir Konsumenten den Markt regeln. Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Sie hat recht.

Der Gründer

Der „Vegetarische Metzger“, das ist Jaap Korteweg. Er ist Jahrgang 1962 und lebt in den Niederlanden. Er war Besitzer einer Farm, in neunter Generation. Als 1998 Schweinegrippe und Rinderwahn Holland fest im Griff hatten, da war es ihm genug. Er wollte keine Fleischlieferanten mehr züchten und auch selbst auf Fleischkonsum zu verzichten. Also forschte er. Probierte und testete. Zehn Jahre lang. Bis ihm gelang, was Tonio und ich während der Chef Days probieren durften: Ein Fleischersatz auf Sojabasis mit Biss und genialem Geschmack.

Bislang bin ich am vegetarischen Leben stets gescheitert, da die Tofuplatten, die es zu kaufen gibt, den zeitweiligen Heißhunger auf Biss und Würze nicht zu stillen vermochten. Chiara meinte, als wir am Küchentisch saßen, das herrliche Wienerschnitzel an Geburtstagen werde ihr abgehen. Uns beiden wurde in diesen Minuten bewusst, dass es Situationen gibt, in denen Fleisch ein echter Genuss sein kann. Ich denke, mit dem „Vegetarischen Metzger“ habe ich eine Möglichkeit gefunden, diese Momente mit einer Alternative zu füllen. Er versendet seine Produkte auch online. Herrlich. Ein echter Fund, eine wahre Freude für alle, die vegetarisch leben wollen und dennoch ab und zu nicht auf die seit ihrer Kindheit konditionierten Muster verzichten möchten.

Unbedingt probieren: Der Vegetarische Metzger, demnächst mit eigenem Lokal in Berlin.
Und hier geht's zum Kochbuch von Jaap Korteweg.
Hier geht’s zu den Bildern der Chef Days.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Kulinarik, KulinarikBlog

Kommentare

Eine Antwort verfassen