23. März 2021 - Keine Kommentare!

Sternenkindlektionen

Sternenkindlektionen
von Vera Juriatti
Kinderkrankenschwester & fünffache Sternenkindmama

In den vergangenen Jahren fiel mir in vielen Gesprächen besonders auf, dass Frauen davon berichten, sich geschämt zu haben. Scham ist eines der Gefühle, das ich selbst sehr lange mit mir trug. Wir alle schämen uns. Wir schämen uns, nicht fähig zu sein, ein Kind auszutragen und damit „keine richtige Frau“ zu sein. Wir schämen uns auch, trotz diesem Verlust weiterhin den Kinderwunsch zu verspüren.

Sternenkindeltern lernen eine schreckliche Lektion: Redet man als betroffenes Paar zu viel über seine Gefühle, dann ist das ein Fehler. Man nervt andere, bald erntet man Tipps wie „du musst nach vorne schauen“, obwohl man mit seiner Trauer noch gar nicht so weit ist, irgendeinen Horizont zu erkennen. Manchmal schwingen sogar Vorwürfe mit, man „bade im eigenen Leid“ und hört dann seichte Beschwichtigungen. Redet man nicht darüber, dann ist auch das ein Fehler. Denn dann bleibt man einsam, erstickt an der Trauer, findet keinen Halt bei anderen. Also: Beides bleibt ein Fehler.

Je mehr das Umfeld mit Unverständnis reagiert, desto mehr fangen wir an zu schweigen. Wir sagen nicht mehr, dass wir schwanger sind. Wir sagen auch nicht mehr, dass wir ein Kind verloren haben. Wir gehen damit allein durch die Welt, um andere nicht damit zu belasten oder zu belästigen.

Als mein Mann und ich damit begannen, Sternenkinder zu fotografieren, lernten wir eine weitere Lektion, die wir selbst fünf Mal erlebt haben: Sternenkindeltern kennen keine „offizielle Akzeptanz und Würdigung“ ihrer leidvollen Grenzerfahrung. So sagten und schrieben uns viele betroffene Eltern nach dem Fotografieren, dass sie unendlich dankbar seien, dass wir uns Zeit genommen hätten, ihr Kind und sie zu fotografieren, es habe gezeigt, dass sie nicht allein seien.

Dieser Gedanke brachte uns auf die Box „Mein Sternenkind“. Sie ist für mich persönlich die Verwirklichung eines seit mehr als zwei Jahrzehnten mit mir tragenden Wunsch: Die öffentliche Würdigung in Form von wertvollen sachlichen Informationen, ergänzt durch zwei Karten, die ich in den Stunden nach der stillen Geburt „anwenden“ kann. Dazu eine Trostkarte von der Stadt Graz, die damit ein Zeichen setzt: Es wird mir gesagt, man sehe mich und mein verstorbenes Kind.

Die Box erleichtert es, meinem Kind einen Platz in unserer Gesellschaft zu geben. Das eingangs erwähnte Schweigen kann gebrochen werden, ohne Gefahr zu laufen, lästig zu sein. Dadurch, dass das Land und die Landeshauptstadt als „Träger der Box“ ihr Mitgefühl aussprechen, schenken sie meinem Kind einen Platz in der Gesellschaft und verleihen ihm dadurch Würde und Anerkennung.

Und nicht zuletzt betone ich immer, dass die Sternenkindfotografie mein Kind allen Menschen näher  bringen kann, die mir nahe stehen. So wird die „Theorie“ der Schwangerschaft zur Realität, bekommt ein Gesicht und einen Namen.

Vera Juriatti, Jg. 1966, Kinderkrankenschwester und fünffache Sternenkindmutter
Autorin des Vorlese-Buches „Leon & Louis oder: Die Reise zu den Sternen“

© Der Kollektiv Verlag | Idee: Vera Juriatti | Konzeption & Texte: Rainer Juriatti| Korrekturen: Chiara Juriatti M.A. | Design: Mag. Lisa Mocnik

Zurück zur Box.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Allgemein, Konzept

Eine Antwort verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.