26. April 2019 - 4 Kommentare

Sternenkinder ertränken


Sternenkinder ertränken
Rainer Juriatti

Seit 900 und einem Tag bin ich clean. Bei Typen wie mir sagt man: trocken. Lebe jedenfalls ohne jeglichen Trosttropfen. Steuere nach Festivitäten außer Haus den Wagen zuverlässig heimwärts. Amüsiere mich an den berauschten Stimmungen anderer. Und schäme mich. Ganz heimlich schäme ich mich sehr oft.

Ja, ganz heimlich schäme ich mich oft. Wenn ich an die peinlichen Stunden denke, als andere sich für mich schämen mussten. Weil betrunken. Weil wenig zurechnungsfähig. Weil meinen Kindern kein Vorbild. Seit 900 und einem Tag lebe ich trocken, heute, am 24. Todestag meines Sohnes Pablo. Jenem kleinen Wesen, das für alle unsere Sternenkinder steht. Fünf an der Zahl. Fünf Gründe, möchte man meinen, um mit dem Saufen anzufangen. Habe ich aber nicht. Ich habe schon vor ihnen getrunken. Gelernt habe ich es mit 15. Zirka. Ich verorte den 15. Geburtstag, als ich das erste Mal stockbesoffen war. Mit 14, da nämlich habe ich ein Mädchen geküsst. So richtig. Aber getrunken haben wir damals noch nicht. Und mit 16 feierte ich bereits trinkerfahren außer Haus. Folglich verorte ich den Geburtstag dazwischen.

Mein lichtes Schattenwesen

Begonnen jedenfalls habe ich mit Cognac. Ich habe es von einem Profi gelernt. In traurigen Nächten. Die Frau war immer traurig irgendwie. Hat ihre Seelennot in Cognac ertränkt. Und sich bei mir ausgeweint. Ich war ihr Reibebaum, mit dem es sich herrlich traurig sein ließ. Geliebt habe ich diese Frau. Wünschte mir ein schöneres Leben für sie, dem zugleich mein eigenes Dasein entgegenstand. Auch ich war einer der Gründe, warum sie ihr Leben bedauerte. Dennoch war sie mein lichtes Schattenwesen. Ich war wie sie. Auch ich bedauerte mein Leben.

Mit 16 habe ich Gott gesucht. Habe Hare-Krishna singende Mönche ins Haus gelassen. Mein Schattenwesen hat mich gefragt, was ich damit bezwecke. Ich sagte, ich wolle eine Möglichkeit der Linderung finden, um nicht zu enden wie sie. Doch auch die Religion schaffte es nicht, mein Unbehagen zu vertreiben. Sie verstärkte es, es gab kein Entrinnen. Die bedrohliche Welt blieb bedrohlich und der Himmel war es sowieso. Noch heute blättere ich manchmal in meinen ersten Notizbüchern, einer endlosen Ansammlung dystopischer Gedichte, ohne jegliches Licht am Horizont. Mein Schattenwesen hatte recht: Trinken war die einzige Möglichkeit, dem Leben ein kleines Stück Frohsinn abzuringen.

Lautstark ideenlos

Mit Zwanzig galt ich als aufsteigender Stern am Autorenfilm-Himmel. Gewann sogar Filmpreise. Bereiste Festivals und landete beim Kinofilm in Deutschland. Erlebte die hohle Welt des Geltungsdranges. Lernte kreative Geister kennen, die in Kellerwohnungen hausten oder mit Vierzig noch in Studenten-WGs an ihren Drehbüchern feilten. Alkohol und viele andere Problemlöser minimierten unsere Versagensängste. Ich selbst schrieb mir die Finger wund. Irgendwas in mir schrie, ich müsse schreien. Auf elegante filmische Weise wollte ich es tun. Unterhalten wollte ich nie. Und erntete Absage um Absage. Erneut gute Gründe, dem Frohsinn nachzuhelfen.

Als ich meine Frau kennenlernte, da dachte ich, sie könne lindern, was die Kunst bis zu diesem Zeitpunkt nicht geschafft hatte. Doch kein anderer Mensch kann lindern, was zutiefst in meiner Seele liegt: Ich bin und bleibe ein zweifelnder, sich unbehaglich fühlender Mensch. Einer, der immer unzufrieden bleibt. Einer, der immer irgendwie traurig ist hinter seinem Lachen. Vielleicht, weil ich mich nicht zufrieden gebe. Weil ich einer bin, der dem Leben unbedingt mehr abverlangen möchte als andere.

Die ultimative Rechtfertigung

Jene Menschen, die uns später in der Zeit unserer Sternenkinder fallen ließen, hatten meine Feierlaune immer sehr gemocht. Hatten ihre Freude an mir. Auch daran, mich für meine Misserfolge als Autor belächeln oder auslachen zu können. Ein weiterer guter Grund, dem Frohsinn nachzuhelfen. Auch, um meine Jobs aushalten zu können. Auch, um meine Versagenserfahrungen aushalten zu können. Auch, um dem permanenten finanziellen Druck standzuhalten. Auch, um die enorme Herausforderung der Erziehung der lebenden Kinder aushalten zu können. Alles gute Gründe, den wenigen Minuten des Frohsinns nachzuhetzen.

Und dann: Um meine toten Kinder aushalten zu können. Ja, besonders, um meine Sternenkinder aushalten zu können.

Da war er plötzlich. Der ultimative Grund. Der alles bisher Gesagte in den Hintergrund rückte. Der ultimative Grund also: Angesichts der großen Ungerechtigkeit, die mir durch den Tod meiner Kinder widerfahren war, galt es das Leben zu feiern, wo immer diese Möglichkeit sich eröffnete. Wer sonst hätte ein höheres Quantum an Berechtigung, sich abzulenken und zu betäuben, wenn nicht ein Sternenkindvater, von dem so vieles verlangt wird, der aber nichts bekommt? Was gab für einen triftigeren Grund, sich zu betäuben, als angesichts eines ungerechten, sadistischen Gottes, der strafend quält und Menschen schafft, die gefühlskalt zur Tagesordnung übergehen? Meine Sternenkinder mussten viele Jahre hindurch dafür herhalten, einen guten Grund für mein Verhalten zu liefern. Wahrscheinlich habe ich sie dadurch mehrfach ertränkt. Es ist schmerzhaft wörtlich zu nehmen.

Ins Schweigen getrunken

Doch in Wahrheit stimmte das alles irgendwann nicht mehr. In Wahrheit, erkannte ich verbittert, war es immer allein darum gegangen, mich selbst auszuhalten: Mich. Den Mann, der zwei Studien abgebrochen hatte. Mich. Den Mann, der nie wusste, wie es weitergehen soll. Mich. Den Mann, der Buch um Buch schrieb, damit es von Buchhändlern nach einigen Wochen zurück an den Vertrieb geschickt werden musste oder in der Aktionsbox landete. Mich. Den Mann, der es zu nichts gebracht hatte und sich später, als die lebenden Kinder schon groß waren, immer noch als belächelt betrachtete.

Je stärker die Erkenntnis wurde, mich selbst nicht zu mögen, desto rascher versiegte die Feierlaune in mir. An ihre Stelle trat die Stille. Das leise Trinken. Der Drang gänzlicher Betäubung. Ganz allein, wie in jenen Nächten mit meinem Schattenwesen. Mit wohlbehüteten, stillen Depots voller Cognac. Ins Schweigen geflüchtet erlebte ich in meiner einsamen Welt des Rausches die einzig lebenswerten Stunden. Auslöschung. Das Schattenwesen meiner Jugend hatte recht behalten. Unmerklich war ich zum Abbild dieser geliebten Frau geworden. War nun jener Mensch, den ich mir von mir selbst niemals ausgemalt hatte.

Schwächen machen mir keine Angst mehr

Als ich mich mit „Die Abwesenheit des Glücks“ zu beschäftigen begann, wurde ich mit vielen alten Tagebüchern und Aufzeichnungen konfrontiert, die mir eine wichtige Erkenntnis schenkten: Ich habe nie mit einem Menschen über meine tiefsten Empfindungen gesprochen. Nur aufgeschrieben habe ich sie, auf hunderten Seiten voller Reflexionen. Manche, vielleicht lichtvolle Aspekte daraus sind ein Buch geworden. Weil ich ihnen dadurch größere Bedeutung schenken wollte. Das für mich selbst Bedeutsame aber habe ich erst in der Nacht von 4. auf 5. November 2016 erkannt: Ich wollte nicht mehr der sein, der ich geworden war.

Die Welt macht mir immer noch Angst. Die Menschen sowieso zunehmend. Meine Bücher gehen immer noch nach wenigen Monaten zurück an den Vertrieb. Doch ich lerne jeden Tag neu, mich selbst auszuhalten. Ich bin trocken und muss  heute, an jenem Tag, an dem Pablo zur Welt starb, nicht dem absurden Gedanken nachhängen, auf seinen Tod anzustoßen.

Ich bin trocken. Seit 900 und einem Tag. Seit 6. November 2016 habe ich mich nicht nur vom Alkohol verabschiedet, ich habe einigen Menschen – privat wie beruflich – inzwischen sagen können, dass ich sie nicht mehr sehen möchte, dass ich nicht mehr mit ihnen sprechen mag. Ich trinke sie mir nicht mehr vom Leib. Doch manche, die meinen Lebensweg kreuzten, müsste ich – und tue es hiermit – um Verzeihung bitten: Ich habe dich als Lebensfreude-Elixier benutzt.

Facts
Geboren 24. November 1964
Bis zum 15. Lebensjahr: 5.478 Tage trocken
Bis in die Nacht zum 5. November 2016: 13.495 Tage Alkoholkonsument und später intensiver Spiegeltrinker
Seit 6. November 2016: 901 Tage trocken.

Den 5. November zähle ich nicht zu den „trockenen“ Tagen, da ich während meiner Trinkerkarriere immer wieder den einen oder anderen Tag ohne Alkohol zubrachte.

Die Abwesenheit des Glücks: Textkonzerte 2019.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Pablo, Text

Kommentare

Anita Dressel-Malang
26. April 2019 um 11:38

Lieber Rainer,
so viel Offenheit und Ehrlichkeit, so viel bestürzende Selbstkritik und -zweifel, dass es mir beim Lesen weh tut. Immer wieder hätte ich dich gerne in die Arme genommen. Ich bewundere deinen Mut, so unverblümt dein Innerstes nach Außen zu kehren. Hut ab!
Es freut mich, dass dich dein Werdegang zu vielen wertvollen, auch schmerzhaften Erkenntnissen geführt hat und du nun nicht nur innerhalb gesäubert bist, sondern auch dein Umfeld entrümpelt hast. Danke, ich lerne von dir!
Alles Liebe,
anita

Michaela
26. April 2019 um 15:47

Rainer,
wow….
Ich wünsche mir, dass MEIN Sofa, das mir ein Herzensprojekt war, dir immer wieder ein Tröpfelchen Lebenselexir spendet.
Voller Achtung vor deiner Offenheit
Michaela

    Rainer Juriatti
    8. Juni 2019 um 13:07

    Selbstverständlich. Verzeih, dass ich den Kommentar erst jetzt gesehen habe… dein Sofa ist der Hit und entstand, als ich das alles glücklicherweise hinter mir hatte.

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