3. Dezember 2017 - Keine Kommentare!

Stolpern durch den Advent

Stolpern durch den Advent
Rainer Juriatti

Härte und Hartherzigkeit. Beides wird uns abverlangt, Tag für Tag. Wir sollen uns abgrenzen, heißt es. Wir sollen uns nicht auf alles einlassen. Lässt der Alltag ja gar nicht zu. Wir arbeiten fleißig. Wir arbeiten viel. Um über die Runden und noch mehr zu kommen. Um mit unseren Wünschen in Einklang zu stehen.

Mit der ersten Kerze auf dem Adventskranz fahre ich zum Grazer Bahnhof. Dann nach Eggenberg. Ich halte Nachschau.

Die vier kleinen Bronzeplatten in Sichtweite zum Hauptbahnhof fallen kaum auf. Nur sehr aufmerksame Passanten stolpern über vier eingravierte Namen. Allzu große Aufmerksamkeit, denke ich, lässt unser Alltag sowieso nicht zu. Schon gar nicht sind wir fähig, immer auch reflektiert zu beobachten. Zu viel gibt es zu sehen. Denn, es sei daran erinnert, wir arbeiten fleißig, arbeiten viel. Wir können nicht alles beachten. Man muss es uns schon auf’s Auge drücken. So ist es verständlich, dass noch vor der ersten Kerze auf dem Adventskranz Erlagscheinbeilagen in der Tageszeitung den nahenden Advent ankündigen: Kinderaugen, armselige Hütten, Brachland. Sie steuern direkt in unsere Herzen, dann in unseren schamgeplagten Geist: Ja, ich habe viel gearbeitet, ich kann mich glücklich schätzen. Und so spenden wir. Unser Gewissen darf sich beruhigen.

Das Gewissen. Von Beruhigung weit entfernt. Das Gewissen schläft. Mehr jedoch nicht. Vor vielen Monaten bereits lasen wir eine Notiz. Winzig klein. Gar nicht auf’s Auge gedrückt. Da wurden Spender gesucht. Spender, die ermöglichen, dass wir stolpern. Wir setzten uns mit den Organisatoren in Verbindung, erhielten viele sachliche Informationen, die von einem entscheidenden Grundgedanken getragen wurden: Graz hat viele Menschen verloren. Graz hat auch viele Kämpfer gegen Unrecht und Vernichtung beheimatet. Graz aber hat viele ihrer Namen vergessen. Längst waren da traurige Kinderaugen gewesen. Längst war da zerschossenes Brachland, waren geplünderte und zerstörte „Hütten“ inmitten der Stadt gewesen. Mitten unter uns.

Grazer Familientragödie

In Sichtweite zum Hauptbahnhof lebte die jüdische Familie Jagoda. In jenen Räumen, in denen Samuel und Anna ihre „Warenhandlung“ betrieben hatten, wird heute Sex angeboten. Während ich die vier Stolpersteine ihrer Familie fotografiere, sinniere ich darüber nach, wie viel sie und ihre Kinder gesehen haben müssen, bevor sie selbst in einen der Viehwaggons gezerrt wurden. Ich denke, lange hat es für Samuel nicht gedauert: Er zählte zu den ersten Männern, die nach Dachau verschleppt wurden. Samuel Jagoda gelang 1939 die Flucht ins damalige Jugoslawien. Seine Frau und die beiden Kindern haben ihn dennoch nie wieder gesehen. Das Regime holte ihn ein. Und tötete den Vater. Das Schicksal eines seiner Kinder ist bis heute ungewiss. Die Mutter und sein Sohn lebten und leben in Chile.

Grazer Opfer und Held zugleich

Meine Fahrt führt mich weiter in den beschaulichen Bezirk Eggenberg. Dort wohnte ein weitreichend unbekannter kommunistischer Grazer „Held“: Franz Jauk. Heute begegnen sich in der ruhig gelegenen Straße seines Wohnhauses Jogger, Hundebesitzer und Flanierer. Und auch hier denke ich: Wie lange es wohl gedauert hat, bis die Beschaulichkeit seiner Wohngegend zerbrach und in tausend Scherben lag. Franz Jauk war dem Regime als Kommunist bekannt. Er wurde 1938 verhaftet und zu 15 Monaten Zuchthaus verurteilt, doch anstelle der Entlassung nach Dachau verschleppt. Dort wurde er Opfer unbeschreiblicher Menschenversuche. Doch Jauk muss ein Kämpfer gewesen sein: Er manipulierte Maschinen, zerstörte Versuchsgeräte und in den Geschichtsbüchern heißt es: „Vor allem einem Grazer mit Namen Jauk, der es verstand, sich in der Station Einfluss zu verschaffen, gelang es, die Totenziffer auf   Null herabzudrücken und später die Versuche überhaupt einzustellen.“

Stolpern durch den Advent. Das heißt für meine Frau und mich: unsere Aufmerksamkeit auch auf Umwege zu lenken. In diesem Fall auf Manifeste der Vergangenheit, die das Vergessene reflektieren, um menschenwürdige Zukunft überhaupt möglich zu machen. Stolpern durch den Advent heißt für uns: bereits während des Jahres zu erkennen, wofür wir uns einsetzen, wofür wir spenden, da manche Notwendigkeit nicht bis Weihnachten warten kann. Und angesichts der vielen Kinderaugen, die uns im Advent durch die Zeitungsbeilagen stolpern lassen, werde wir wohl den einen oder anderen Erlagschein trotzdem noch ausfüllen.

 

 

 

 

 

 

Stolpersteininformationen der Organisatoren:

Familie Jagoda

Samuel, Anna, Gertrud und Egon Jagoda
Ghegagasse 34, Lend, Nähe Bahnhof
jüdische Opfer

Eltern: Anna Jagoda, geb. 3.2.1906 in Triest (1939 nach Chile geflüchtet), Österreich-Ungarn; Samuel Jagoda, geb. 14.12.1892 in Plock, Polen (vermutlich im August 1941 im Konzentrationslager Jasenovac, Kroatien ermordet)

Kinder: Gertrud Jagoda, geb. 26.9.1929 in Graz (1939 nach Chile geflüchtet); Egon Jagoda,  geb. 28.1.1931, Graz (1939 nach Chile geflüchtet)

Wohnort: Graz, Ghegagasse 34

Samuel Jagoda wurde am 14. Dezember 1892, im damals zu Russland gehörenden Plock (heute Polen) geboren. Seine Eltern waren Tasienka Schajna Ryfka und Isak Jakob Jagoda. Nach seiner Übersiedelung nach Graz heiratete er 1928 die gebürtige Triestinerin Anna Steiner und betrieb eine Warenhandlung in der Ghegagasse 34. 1929 kam ihre Tochter Gertrud und 1931 ihr Sohn Egon zur Welt.

Im Zuge des Einmarschs der Nationalsozialisten 1938 wurde Samuel, wie fast alle jüdischen Männer in Graz, gleich nach dem sogenannten "Anschluss" verhaftet und im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Im Jahr 1939 entfloh Anna Jagoda vor weiterer Verfolgung mit ihren Kindern nach Südamerika und konnte in Chile eine neue Existenz aufbauen.

Nach der Haft flüchtete Samuel Jagoda ins damalige Jugoslawien. Durch den deutschen Überfall auf das damalige Königreich holte ihn der nationalsozialistische Machtapparat ein. Es kam zur abermaligen Verhaftung. Am 4.8.1941 wurde Samuel Jagoda aus Daruvar über Gospi in das Konzentrationslager Jasenovac verschleppt. Hier kam er laut Erinnerungen von Zeitzeugen aus Daruvar zu Tode. Nahezu alle Männer wurden von den Schergen des  Ustašaregimes gleich nach der Ankunft ermordet. Die Aufzeichnungen darüber gelten als sehr lückenhaft.

Quellen: Landesarchiv Steiermark, Judenkataster; Zentrales Melderegister, Graz

Franz Jauk

Seidenhofgasse 62, Eggenberg
Kommunistischer Widerstandskämpfer

Geboren: 1. Oktober 1904
Eltern: Maria und Leopold Jauk
Wohnort: Seidenhofstraße 62
Beruf: Färbergehilfe
Verhaftet: 15.11.1938 von der Gestapo, 30.1.1941 KZ Dachau

Franz Jauk, geboren am 1. Oktober 1904 war bereits vor dem Ende der Demokratie in Österreich und dem Beginn des Austrofaschismus im Visier der Exekutive. Seine Tätigkeit in der Kommunistischen Partei, der er 1927 beigetreten war und für die er Flugblätter herstellte und verteilte brachte ihm eine Anzeige wegen Hochverrats ein. Ein Genosse hatte ihn verraten.

Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich wurde Franz Jauk dies zum Verhängnis. Alle „amtskundigen“ und offen deklarierten Mitglieder der bereits zuvor verbotenen Kommunisten wurden nun verfolgt. Jauk wurde am 15.11.1938, im Zuge der Verfolgungen die auf die Reichspogromnacht folgten von der Gestapo verhaftet. Er wurde im Dezember 1940 zu 15 Monaten Zuchthaus verurteilt, die er bereits während der Untersuchungshaft abgesessen hatte. Trotzdem wurde er am 30.1.1941 in das Konzentrationslager Dachau überstellt. Hier wurde er Zeuge der Menschenversuche der SS.

Die Insassen wurden mit Vakuumpumpen extremem Unterdruck ausgesetzt um die Höhenkrankheiten von Piloten zu untersuchen, die 80 davon nicht überlebten. Bei den darauf folgenden mörderischen Unterkühlungstests in eiskaltem Wasser konnte Jauk durch Manipulation der Messgeräte vielen Versuchspersonen das Leben retten. Jauk konnte, dank der Hilfe seiner Mitgefangenen, die Geräte schlussendlich heimlich zerstören, worauf die Versuchsreihe beendet werden musste. „Vor allem einem Grazer mit Namen Jauk, der es verstand, sich in der Station Einfluss zu verschaffen, gelang es,   die   Totenziffer   auf   Null   herabzudrücken und später die Versuche überhaupt einzustellen.“ (Benedikt Kautsky: Teufel und Verdammte, S. 358)

Franz Jauk wurde 1944 in das Außenlager Schlachters am Bodensee verlegt. Hier konnte er Kontakt mit der Bevölkerung aufnehmen und im April 1945, gemeinsam mit dem dortigen Bürgermeister, gegen die verbleibenden SS-Soldaten vorgehen. Am 1. Mai 1945 traf die französische Armee ein und Franz Jauk konnte in seine Heimat zurückkehren. Er übernahm mehrere Funktionen innerhalb der KPÖ Graz und schrieb in den 1980ern seine Erfahrungen aus der Zeit des Totalitarismus nieder. 1988 erschien die von der KPÖ herausgegebene Publikation: Franz Jauk: „Wir haben die Losung von Dachau gelernt. Hundert Monate in Dachau und Gestapohaft“.

Franz Jauk verstarb mit 91 Jahren in Graz.

Quellen: Landesarchiv Steiermark.
Franz Jauk Zeuge der medizinischen Verbrechen im KZ Dachau
Klahrgesellschaft

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Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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