5. August 2018 - 4 Kommentare

Willkommen im Analogen

Willkommen im Analogen
Rainer Juriatti

Es ist schlichtweg nichts Neues. Geräte wie der Laptop und das I-Phone haben mich fest im Griff. In zweierlei Hinsicht geht es seit einigen Monaten jedoch zu weit: Zum einen gilt 24/7, will heißen, jedermann ruft mich jederzeit an, schreibt mir nachts um 3 Uhr Mails, die am Morgen von mir bearbeitet werden sollen, und melde ich mich ein Mal sechs Stunden nicht, werde ich gefragt, wo ich war. Zum anderen erdreisten sich Menschen auf Facebook permanent, Drohungen auszusprechen, sofern man in Kommentaren ausdrückt, nicht ihrer politischen Meinung zu sein. Wozu eigentlich? habe ich mich lange schon gefragt. Oder anders ausgedrückt: Plötzlich wurde es mir zu viel, ich mochte nicht mehr. Und da Viktor Frankl sagt, man solle drei Tage schweigen, um (wieder) zu wissen, worauf es wirklich ankomme, folgte ich seinem Rat.

Bei mir haben zwei gereicht. Zwei Tage des (relativen) Schweigens. Ausgestattet mit einem vorsintflutlichen Billighandy packte ich meinen Rucksack und trabte los. Mein erste Etappe führte mich von Bärnbach über Maria Lankowitz hoch zum „Alten Almenhaus“ auf 1.649 Metern Seehöhe. Mein Kopf war somit nach 1.200 bewältigten Höhenmetern bereits frei.

Willkommen in der analogen Welt, grinste ich angesichts der Wegtafeln, angesichts der unhandlichen riesigen Wanderkarte, angesichts der rot-weiß-rot bepinselten Bäume. Auf dem Weg hinunter zum Gaberl begegnete mir eine Urlauberfamilie und ließ sich den Weg zum Almenhaus bestätigen. Gänzlich analog, indem wir Englisch miteinander sprachen. Und da eine Hütte, auf der ich nächtigen wollte, geschlossen hatte, wanderte ich an diesem ersten Tag einfach die zweite Etappe weiter. Abends kam ich in Weißkirchen an und telefonierte mit meiner Frau, die mir ein Zimmer in Spielberg vermittelte. Die Adresse musste ich aufschreiben, händisch, klar. Die Menschen im „Café am Platz“ erklärten mir, wo und wann welcher Bus in welche Richtung fährt und eine gut gelaunte Busfahrerin bemühte eine junge Dame, da sie nicht wirklich wusste, wo ich am besten aussteigen solle.

Den Abend verbrachte in der „Burg“ in Spielberg. Sitzen und schauen. Ein Ehepaar mit zwei Kindern fiel mir auf: die beiden redeten keinen einzigen Satz miteinander. Nur mit ihren Kindern wechselten sie ein paar Worte. Andere tippten – ein Alltagsbild – auf Ihren Smartphones herum. Am nächsten Morgen trabte ich durch ein Industriegebiet nach Knittelfeld. Und spätestens dort erkannte ich: Ich mag Zivilisation. Ich bin ein Stadtkind, von Herzen.

Das viele Grün des Vortages in Ehren, aber ein Plastikschwein auf dem Dach einer Metzgerei, zwei alte Frauen in orthopädischen Schuhen, die sich gegenseitig stützen, ein Sonnenstudio bei 32 Grad und hitzediesigem Himmel, ein Bestattungsunternehmen mit Urnen im Schaufenster – dagegen kommt der Wald bei mir nicht an. Ich mag Zivilisation. Ich mag Menschen, die sich von A nach B bewegen. Im Zentrum von Knittelfeld erklärte mir eine ÖBB-Mitarbeiterin, wie ich den Murradweg finde. Als ich wenige Minuten darauf einen Mann fragte, ob ich hier richtig sei, meinte er, er komme aus Portugal und kenne sich nicht aus. Im selben Moment öffnete sich die Tür eines Einfamilienhauses und eine ältere Dame meinte, sie habe gesehen, dass ich nach dem Weg gefragt hätte. Ob sie mir helfen könne. Ihr gehbehinderter Mann bewunderte meine Wanderung und schwärmte von jener Strecke, die ich in Folge einschlug. Willkommen in der herrlich analogen Welt.

Der heiße Vormittag führte mich bis nach St. Lorenzen. Bei einem Kaffee und natürlich viel Wasser unterhielt ich mich mit einem alten Herren, der mit seinem Fahrrad vom Semmering bis hier her gefahren war und seiner Tochter am Telefon erklärte, der mitgegebene Computer sei Schwachsinn, er habe das Gerät abgeschaltet und finde Judenburg auch so. Und nachmittags schließlich erreichte ich – inzwischen wasserlos und erschöpft – den kleinen Ort Kraubath. Und, ja, alles war geschlossen. Willkommen in der realen Welt, in der du auf alles vorbereitet sein musst, denn keines der (drei) Lokale hatte geöffnet, der Supermarkt hielt ausgedehnte Siesta. Ein junger Mann mit Hipsterbart stieg ungefragt aus dem Auto aus und überreichte mir eine Flasche Wasser. Er ließ sich nicht davon abhalten, sie mir zu schenken. Auf dem Weg zum Bahnhof schließlich nahm mich ein junger Landwirt in seinem Geländewagen mit, machte Halt auf seinem Bauernhof und schenkte mir eine weitere Flasche. Unfassbar, dachte ich, so etwas gibt es noch.

Die analoge Wirklichkeit kann viel, tausendfach mehr als es die digitale je abzubilden fähig ist. Freundliche Menschen, neugierige Menschen, hilfsbereite Menschen, dazu Wegtafeln mit Kilometerangaben und Landkarten, die nach zwei Tagen die attraktive  Patina des Gebrauchs zeigen.

Epilog

Bei meiner Rückkehr zeigte der E-Mail-Account 83 eingegangene Mails, vier davon tatsächlich wichtig. Auf Facebook hatte einer der Rechtspopulisten, von denen ich jüngst rhetorisch klein, hirnlos und lächerlich gemacht worden war, seine Kommentare über mich gesperrt. Drei dieser Männer, allesamt Pensionisten, die offenkundig viel Zeit vor dem Computer verbringen, um vor Einwanderung und dem Islam zu warnen, habe ich inzwischen aus meiner „Freundesliste“ entfernt.

Viele andere werden folgen, beispielsweise all jene, die mich zwar als „Freund“ registriert haben, jedoch nur ihr Profil- und Titelbild bekannt geben. Sie können – bei Gott -– keine „Freunde“ sein, da sie offenkundig nichts mit mir teilen wollen. Meine Frau hat 100 Freunde auf ihrer Liste. Sie kennt sie aus der analogen Welt. So ungefähr möchte ich es künftig halten. Und nicht zuletzt: Ab 17 Uhr bin ich künftig nur noch über mein Billighandy zu erreichen.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

Kommentare

Chantal Dorn
5. August 2018 um 21:42

Lieber Rainer

Wie wohltuend deine Bestandsaufnahme für meiner Seele ist. Ich selbst habe dieses Schweigen schon lange für mich entdeckt. Deshalb kann ich sagen: Wer die eigene Stille ertragen kann, ist wirklich frei…

Ingo Lechner
5. August 2018 um 22:25

Lieber Rainer!

Ein wunderschöner Text – und offensichtlich auch eine wunderschöne Reise. Du hast es in einem Nebensatz erwähnt und ich bin bei Dir: die analoge Welt ist für mich die “reale” Welt.

Die digitale, virtuelle Welt liegt bei mir hinter einer Wolke, die manche sogar Cloud nennen.

Und klar: ohne Computer läuft nichts. Das ist für mich so lange real, als ich damit Zahlen und Fakten – zum Beispiel eine Lagerdatei – verwalten kann. Was früher auf Blättern erledigt wurde, geht heute eben mittels Bildschirm. Das ist für mich praktisch und schneller. Immerhin rechnet mir eine Excel-Datei alles automatisch aus (ohne Fehler, ausser ich habe fehlerhaft programmiert).

Die drei erwähnten Pensionisten auf Facebook kennen wir beide gut genug. Ich wurde zwar noch nicht gesperrt, aber einer hat zumindest seinen Kollegen (öffentlich) gebeten ihm beizustehen, da ich ihn so bös angreife. Dabei kennst Du meine Kommentare, die ich immer sehr sachlich und mit Fakten unterlegt hinterlasse. Aber gerade das scheint am meisten zu treffen und weh zu tun – weil es eben Fakten sind – und da hat auch Hetze entweder nur Fakes-News dagegen zu halten oder eben “Schmollen”.

So – jetzt war ich sehr sehr laut – und ich schäme mich nicht dafür, dass ich in Deine wohlverdiente Stille – das Echo herausfordernd – hineingerufen habe.

Wenn ich Deinen Kommentar richtig verstanden habe, dann drehst Du Dein Uralt-Handy ohnehin nur auf, wenn Dir danach zu Mute ist – und ich hoffe, dass dieser Beitrag Dir auch gut tut. Wenn nicht – einfach das digitale Handy erst gar nicht wieder einschalten 🙂

    Rainer Juriatti
    6. August 2018 um 08:29

    Lieber Ingo!

    Ja, die drei Pensionisten kennen wir gut. Und als einer schrieb, ich solle – im Glashaus sitzend – nicht mit Steinen werfen und an diese Weisheit den Satz anhing “Herr Juriatti, Sie wissen schon”, da war es mir genug. (Was weiß ich schon? Welche meiner Sünden rechtspopulistischer Natur könnte mir auf den Kopf fallen? Und wo fällt es mir auf den Kopf?) Ich brauchte also die Wanderung. Und währenddessen dachte ich immer wieder, es macht keinen Sinn mehr, über Facebook mit solchen Menschen zu diskutieren.

    Immer deutlicher wird mir klar, dass es allein Sinn macht, die Stimme in offiziellen Medien – seien es Bücher, sei es dieser schlichte Blog hier, sei es ein Interview – zu erheben. Instrumente wie FB sind nicht geeignet, sich in Diskussionen zu manövrieren, zumal ich ja selbst auch Teil (geistiges Opfer) dieses perfiden Kommunikationssystems bin, indem ich als Auslöser diente mit meinem Kommentar an einen der Herren, er solle sich schämen. Wir beide wissen, das ist kein sachlicher Kommentar (grins), sondern pure Provokation, und sofern man alte rechtspopulistische Herren einigermaßen einschätzen kann: so etwas darf man nur ein Mal sagen.

    In einem Satz: Ich schmolle glücklicherweise nicht, aber ich mag nicht mehr. Die sinnlosen und dummen Postings dieser (werten) Herren sind Zeichen unserer Zeit, deine sachlichen Kommentare ungehört/-gelesen. Und deshalb wahrscheinlich hat das Volk die derzeitige Regierung gewählt.

    Gruß, Rainer

    Nachsatz: Im Essay “Die werten Herren” ist zu lesen, dass zunächst die Ausländer dran sind, dann die Künstler (woher kennen wir das?).

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