16. Dezember 2018 - Keine Kommentare!

Wir Steirer

Wir Steirer
Rainer Juriatti

Vor wenigen Tagen flatterte sie erneut in unser Haus, die Qualitätszeitung der Freiheitlichen Partei Steiermark namens “Wir Steirer”. Ich würde gerne schreiben, ich hätte mich in Vorfreude auf geistige Tiefflüge darin vertieft. Nein, dem ist nicht so, denn sofort wurde mir klar, dass die redaktionellen Glanzleistungen sehr bewusst zu dieser Zeit versandt werden: in den Tagen vor einem unserer wichtigsten christlichen Feiertage.

Während also der ÖVP-Landeshauptmann Schützenhöfer laut eigenem Bekunden “tausende Funktionäre” mit Weihnachtslieder-Büchlein in die (wahrscheinlich eh nur) ÖVP-Haushalte des Landes schickt, damit - ebenso laut eigenem Bekunden - die christliche Kultur hochgehalten wird, widmet sich das Qualitätsjournal “Wir Steirer” unter vielen anderen unfassbar wichtigen Themen dem “unsrigen Liedgut” und kritisiert die Vielsprachigkeit auf einem Liederzettel eines Kindergartens.

In der Argumentation des FPÖ-Schreiberlings wird deutlich, wie FPÖ-Rhetorik funktioniert: Ich behaupte, da bemüht sich ein Kindergarten, auch bosnischen, serbischen und türkischen Kindern das Lied “Ich gehe mit meiner Laterne” näher zu bringen, indem der Text auch in deren Muttersprache abgedruckt wird. Ein Akt der Integration also. Die FPÖ macht daraus laut Titel eine “Islamisierung in heimischen Kindergärten und Schulen” und argumentiert exakt mit dem Abdruck des Liedes in den genannten Fremdsprachen (siehe im Bild oben, rechts im Fließtext). Hier stellen sich folgerichtig zwei Kernfragen:

Frage 1: Gibt es im Islam das Lied “Ich gehe mit meiner Laterne?”
Frage 2: Wenn ja, warum unterwandern wir den Islam, indem wir es Deutsch singen?

Ernsthaft: Wir Steirer haben einen ordentlichen Knall in der Schüssel. Wir Steirer feiern bald Weihnachten und wehe, ein Türke feiert mit. Wir Steirer sind der Nabel der Welt, tragen Lederhosen und dreschen auf andere ein, während wir das Fest des Friedens verkünden.

Hier geht's zu Achtung, Afghane!
Lesung für die Antidiskriminierungsstelle und die MenschenrechtsBim.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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