von Rainer Juriatti
Text Zwei aus "Versäumnisse".
Am Ende siegte die Kraft der Vernunft. Vielleicht aber war es auch Feigheit gewesen. Oder gar mangelnde Courage. Gewiss schien nur, dass sie nicht den Mut aufgebracht hatte, noch länger gegen die Widerstände der Mutter anzukämpfen. Auch gegen das Kopfschütteln der Verwandten. Nicht allerdings gegen die Menschen im Dorf am flachen Seeufer. Das Dorf sah sich dank ihrer Stimme bereits auf den Titelseiten internationaler Zeitschriften wieder. Kein Zweifel, die Leute waren stolz auf ihre kleine Bürgerin mit dieser unverwechselbaren, magischen Stimme gewesen. Dieses Mädchen muss singen, waren sie alle überzeugt.
Das Mädchen liebte Töne wie nichts anderes im Leben. Sie hatte diese Leidenschaft bereits im Kinderwagen entdeckt. Aber daran erinnerte sie sich natürlich nicht. An ihr Staunen beim Blick hinauf die Weinreben des Großvaters, aus denen das Vogelgezwitscher an ihr Ohr gedrungen war. Seit sie denken konnte, das wusste sie, wollte sie singen und nichts anderes. Sie brauchte es wie nichts sonst. Woche für Woche erhob sich ihre Stimme über den Köpfen der anderen. Mit dem ersten sonntäglichen Choral entrückte dieses Mädchen der profanen Welt und entführte die Flachlandweinbauern für kostbare Momente aus ihrem von Trockenheit und Hitze geplagten Dasein. Und wer Glück hatte, wohnte einer Messe bei, in der das Kind das Ave Maria der berühmten Maria Callas zu entreißen schien.
Die Mutter aber war darauf bedacht, ihre Tochter bestenfalls auf dieser Welt zu belassen. Und der immer stille Vater sagte nicht Nichts, doch leider nur ein einziges Mal spuckten seine Lippen eine Weisheit in den Raum, einen einzigen Satz, der wie ein Hieb in das inzwischen jugendliche Herz stach: „Man muss unterwerfen, wo es notwendig ist.“ So also siegte am Ende eine verdächtig folterhafte Form der Vernunft und mit ihr versiegte eine Stimme. Das Mädchen fühlte sich unendlich leer und alleingelassen. Sie zog in ein Internat und absolvierte die Handelsakademie. Sonntag für Sonntag kehrte sie zurück in ihr Dorf und lauschte dem Chor der anderen. Die Weinbauern warfen ihr traurige Blicke zu. Die Mutter hingegen war stolz auf ihr Kind, das endlich zur Vernunft gekommen war.
Als sie fernab des flachen Sees ihre ersten Karriereschritte setzte, begann sie professionell Geld zu zählen. Zunächst das Geld der anderen, dann ihr eigenes. Sie trug hübsche Kostüme und erzählte manchmal in illustren Runden, wie sehr sie einst gesungen hatte, als verträumtes kleines Kind. Als Sängerin aber, meinte sie gegenüber Dritten, hätte sie sich ihren Lebensstandard niemals leisten können. Solche Sätze hatte sie von ihrer Mutter erfolgreich implantiert bekommen. Das aber bemerkte sie nicht. „Man muss zu zweifeln verstehen, wo es angebracht ist.“ Nur dieser eine Satz war ihr zitierbar in Erinnerung geblieben. Zweifeln, wo es angebracht ist. Und vielleicht sinngemäß noch, dass man Gewissheit äußern dürfe, wo es die Wahrheit sei. Damit war die Entscheidung der Mutter untermauert worden, sie nicht singen zu lassen. Singen musste man vergessen. Hingegen durfte sie sich gerne an jenen Sonntag erinnern, an dem sie mit ihrem neuen Cabriolet in den Hof eingefahren war und die Augen ihrer Mutter vor Stolz glänzten. Und einige Jahre später, als der Wagen längst gegen einen neuen, einen noch größeren eingetauscht worden war, da fuhr sie an einem Sommerabend an den flachen See und ließ ihren Blick über die Schilfrohre, die zarten Wolkenbänder und schließlich die winzigen Wellen gleiten. Ganz in der Nähe der adretten Operettenbühne saß sie, umringt von tausenden Mücken und den Klängen des Festspielabends, den der laue Wind an ihr Ohr trug.
In diesem Augenblick sehnte sich ihr Herz in einem grandiosen Anfall sentimentaler Erinnerungen so sehr an ihr eigenes Singen, dass es in tausend Scherben zu zerspringen drohte. Wie drängend hatte sie sich als Mädchen auf diese Bühne fantasiert? In bunten Kostümen, umringt von den schönsten Tänzern der Welt? Wie oft hatte sie sich dort stehen sehen, in barocker Kulisse, bewundert von den tausenden Touristen, die aus aller Welt kamen, um sich durch die Töne aus ihrer Kehle entführen zu lassen? Heute, wurde ihr schlagartig bewusst, zählte sie längst kein Geld mehr, Geld war etwas Irreales, ein fiktiver Faktor geworden. Sie hatte schlichtweg genug davon. Nein, sie zählte Meetings, Zoomkonferenzen, Dienstreisen, Mitarbeiter und Aktienkurse. Sie zählte Liebschaften und die einsamen Stunden an den viel zu langen Wochenenden, auch Opernbesuche zählte sie, um ihr Jahresabonnement weiter als rentabel verbuchen zu können.
„Es gebietet die Vernunft, ab sofort auch ein Stück unvernünftig zu sein“, sagte sie an jenem Abend zu ihrer Mutter, die kopfschüttelnd unter dem Herrgottswinkel ihre Stricknadeln unrhythmisch klappern ließ. Tags darauf sandte sie ein Bewerbungsschreiben an die Operettenbühne. Prompt wurde sie zum Vorsingen im darauf folgenden Herbst eingeladen, der Chorleiter hatte sie erkannt und schwärmte beim Intendanten in höchsten Tönen von diesem grenzenlos talentierten jungen Mädchen, das sie einst gewesen war. Er wolle so eine Stimme unbedingt in sein Ensemble eingliedern. Acht Wochen besuchte sie einen Gesangsunterricht gleich hinter ihrer Arbeitsstelle in der Großstadt, um ihre Stimmbänder aus fast dreißigjährigem Tiefschlaf zurück ins Leben zu locken. Bald darauf titelte das Gemeindeblatt ihres Dorfes am flachen See: „Mit 43 endlich auf den Brettern, die die Welt bedeuten.“ Das stimmte nicht ganz, denn im Grunde sang sie nicht auf den Brettern, sondern unter ihnen. In einem Graben, gleich neben dem Orchester. Dort nämlich stand der Chor auf feuchten Spanplatten und lieferte die Hintergrundteppiche der Solopartien.
Noch vor ihrem ersten Engagement bekam sie einen Brief. Ein Mann schrieb ihr, tatsächlich auf echtem Papier, er habe das Gemeindeblatt gelesen und frage sich, ob eine Frau wie sie mit einem großen Bewunderer wie ihm ausgehe. Er habe sie schon als Kind geliebt. Das mochte sie. Auch das Papier, auf dem er geschrieben hatte. Und dass er ihre Kunst bewunderte. Sie heiratete ihn. Einen aus dem Dorf. Alle freuten sich. Besonders die Mutter. Zwei Kinder später sang sie immer noch im Chor. Sie bestach durch Fleiß und Ausdauer, Zuverlässigkeit und Präzision. Mehr allerdings als der Graben war nicht vorgesehen für eine wie sie. Bis zur Matura ihrer Söhne hatte sie viele Solis gehört und jede Unzulänglichkeit der teuren und berühmten Stars auf den Brettern über ihr in einem Notizheft festgehalten, um sie mit ihrer Gesangslehrerin durchzuarbeiten. Sie fühlte sich lange schon reif für ein eigenes Solo. Doch da kam keines. Niemandem fiel sie auf. Verbittert blieb sie in ihrem Graben zurück, einem Loch, das tiefer und tiefer und feuchter und feuchter wurde. Ihre Kinder begannen, sich von ihr abzuwenden. Sie meinte, es liege am Erwachsen werden. Damit allerdings lag sie gänzlich falsch. Auch ihr Mann unternahm jetzt immer mehr allein, nannte sie ignorant und karrieregeil. Oft saß sie allein am flachen See und bedauerte das kleine Mädchen, das sie einst gewesen war. Dieses dumme Gör, das sich nicht gegen die Mutter durchsetzen hatte können. Sie hasste auch ihren Vater dafür, den Mund nie aufgemacht zu haben, bis auf dieses eine unsägliche Mal, als er aus falscher Demut die grässliche Mutter gestärkt hatte.
Die Operettenbühne war längst zur Qual geworden. Jeder Anflug eines Misstons über ihr schnitt ihr ins Herz, jede Unpässlichkeit brachte sie in Rage. Ihr Mann revidierte, was er viele Jahre davor in seinem Brief an sie so eindringlich betont hatte: Dass er ihr Talent und ihre Hingabe liebe und immer lieben werde. Und sie hasste ihn dafür, dass ihm Musik in Wahrheit nicht das Geringste zu bedeuten schien. Inzwischen blieb er tagelang ihrem gemeinsamen Zuhause fern, verbrachte seine Zeit mit alten Studienkollegen oder fuhr mit seinem Mountainbike durch die Weinberge. Als ihre zwei erwachsenen Söhne ausgezogen waren, zog auch ihr Mann aus. Nun war sie wieder gänzlich allein. Bald darauf legte auch der Chorleiter seinen Dirigentenstab zurück und sich selbst in eine feuchte Grube. Der neue Dirigent wiederum legte ihr sofort nahe, Verbitterungen in einem anderen Chor auszuleben.
Als ihr Exmann starb, war sie gerade 87 Jahre alt geworden und wurde gebeten, das Ave Maria für ihn zu singen. Sie legte ihr bestes Make-up auf, schlüpfte in schwarze Strumpfhosen, stopfte eine Inkontinenzwindel unter ihr Kleid und trat wenige Stunden darauf aus der Sakristei in den Bühnenraum des Altars. Sie hatte dabei nicht die geringste Ahnung, wozu ihr Leben gut gewesen sein sollte. Als durch eines der Kirchenfenster ein winziger Lichtstrahl in einer Weise, die sie gut kannte, auf die drei Stufen vor dem Altarraum fiel, auf die Steinplatten dort, auf denen sie ihre ganze Kindheit hindurch gestanden hatte, da sah sie sich plötzlich wieder als Achtjährige dort stehen, voller Freude, voller Lebensenergie und Zuversicht, voller Frohsinn und Stolz. Die Menschen des Dorfes sahen in diesem Moment eine lächelnde, brustgeschwellte, stolze alte Frau hinter dem Sarg eines Exmannes stehen. Sie aber sah die hell erleuchtete Sonntagskirche und all die abgearbeiteten Weinbauern, die darauf warteten, dass sie ihren kindlichen Mund öffne und ihnen Minuten der Weltentrückung schenke. So also stand das Kind in ihr im Kirchenraum, öffnete lächelnd die Lippen und wusste: Allein für dieses Ave Maria nun bin ich geboren. Zwei Jahre später titelte das Gemeindeblatt, die wohl schönste Stimme des Dorfes singe nun im ewigen Chor.
Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Literatur

