3. Juli 2026 - Keine Kommentare!

Am Bett der Mutter

von Rainer Juriatti

Text Vier aus "Versäumnisse". 

Sanft hob sie den Arm ihrer Mutter an und fuhr mit dem feuchten, weichen Schwamm vom Ellbogen über die weiche, dünnhäutige Innenseite hoch bis in die Achselhöhle. Tempus fugit, dachte sie, die Zeit fliegt. Warum aber flieht sie? Ihre Mutter bewegte sich nicht. Nicht mehr. Schweißnass lag sie in ihrem Pflegebett. Doch sie schwitzte nicht mehr. Vor wenigen Minuten noch hatte die Sterbenskranke gestöhnt unter der Hitze des Sommers und eigentlich wollte die Tochter ihr mit dem nassen Schwamm, getaucht in kaltes Wasser, nur etwas Erleichterung verschaffen. Immer schon hatte sie sich geärgert, dass es keine Klimaanlage gab in diesem teuer zu bezahlenden Pflegeheim, waren doch die meisten Menschen gefesselt an ihr Bett, schwitzend und über den Großteil der Stunden des Tages allein. Und jetzt war die Mutter tot. Hatte noch zwei, drei tiefe Atemzüge genommen und dann mit einem letzten Seufzer die Augen geschlossen. Doch sie, mit dem Schwamm in der Hand, hatte einfach weitergemacht, als führe sie aus, weshalb sie gekommen war. Sie strich über die schweißnassen Stellen, dann begann sie, ihre Mutter zu entkleiden. Sie tat es, ohne recht darüber nachzudenken, auch kam ihr kein Gedanke, eine Schwester zu rufen. Tot war tot, es musste nicht amtlich festgestellt werden. Sie wünschte sich, es möge überhaupt nie irgendwer in das kleine, viel zu heiße Zimmer kommen. 

Für einen kurzen Moment unterbrach sie ihr Waschen, das sich für sie mehr wie ein letztes Streicheln anfühlte, und stand auf. Ganz nahe trat sie an die dem Pflegebett gegenüberliegende Wand mit den vielen, säuberlich gerahmten Bildern eines Lebens. Sie hatte sie dort aufgehängt, um der Mutter einen Blick auf die vielen Jahrzehnte des Gelebten zu ermöglichen und vielleicht auch, um den Geist der Sterbenskranken wach zu halten. Nun stand sie dicht davor und betrachtete Mutters Hochzeitsbild, das sie mit einem Mann zeigte, der sich ihr Vater genannt hatte, der aber nie einer gewesen war. Daneben ein Hochzeitsbild, das sie und ihren Mann zeigte, von dem sie mit großem Bedauern seit vielen Monaten getrennt lebte. Ihre Beziehung hatte nicht gehalten, sie beide hatten mit ihren Mankos dazu beigetragen. Mit dem tropfenden Schwamm in der Hand stand sie lange vor den Aufnahmen, verglich die Gesichtszüge ihrer Mutter mit den ihren, verglich schließlich auch die beiden Männer und fragte sich, ob es stimmen konnte, dass manche Frauen ihre Väter heirateten. Bei ihr zumindest traf dies nicht zu, so viel war sicher.

Mit ihrem Exmann hatte sie einen Partner gewählt, der hingebungsvoll und empathisch gewesen war. Sie hatte sich immer gut mit ihm unterhalten können und als sie lange kinderlos blieben, unterschieden sich seine Sorgen und Ängste nicht von den ihren. Oft standen sie frühmorgens in irgendeiner Klinik, um Untersuchungen über sich ergehen zu lassen, fast, als hätten sie einen gemeinsamen Auftrag zu erfüllen, ein wichtiges Projekt. Gemeinsam hatten sie einige erfolglose Schwangerschaften durchlebt, künstliche Befruchtungen und eines Tages hatten sie auch ein verstorbenes Kind in den Armen halten müssen. Dies alles hatte ihre Beziehung intensiver und reifer gemacht, meinten sie zu wissen, und mit der Geburt eines Mädchens schließlich auch mit großer Verantwortung gefüllt. Sie waren stets überzeugt gewesen, dass Hoffnung und Zuversicht ihnen geholfen hatten, ihr Schicksal zu tragen. Was nicht zu ändern ist, muss man aushalten, hatten sie oft gesagt und manchmal sogar gelacht. Fünfunddreißig Jahre später wurde ihre schwangere Tochter von einem Autobus überfahren. Der übermüdete Chauffeur war unaufmerksam gewesen. In den letzten komatösen Lebenstagen der Tochter und des noch nicht lebensfähigen Kindes verfärbte sich der Himmel grau und warf sie, die nunmehr für alle Zeiten verhinderten Großeltern, emotional zurück in die Jahre der nicht zur Welt gekommenen Kinder. Ihr Mann verstand die Welt nicht mehr, ließ sich jedoch von niemandem helfen. Und sie, sie sprach mit niemandem darüber. Auch nicht mir ihrer Mutter, die wenige Wochen vor dem Unglück in das schlecht geführte Heim umgezogen war. Kein Jahr verging und ihre Ehe hatte den tiefen Riss nicht überlebt.

Die Hochzeitsbilder an der Wand im überhitzten Pflegezimmer blieben unberührt von alldem. Wie so oft in all den Ehejahren waren sie einer Meinung und hatten sich fraglos entschlossen, der soeben Verstorbenen nichts von ihrer Trennung, schon gar nicht vom Tod der Enkeltochter wie auch des Urenkels zu erzählen. Die Sterbenskranke hätte es nicht verstanden. Tempus fugit, dachte sie noch einmal, die Zeit fliegt und sie nimmt uns alles, was uns je lieb war. Dabei dachte sie besonders an das Ende ihrer Ehe. Eines Morgens nämlich, da sagte ihr Exmann, er könne nicht mehr, er wisse nicht mehr weiter. Am nächsten Morgen wurde er auf dem Weg zur Arbeit von einer Straßenbahn erfasst. Der Fahrer sagte aus, ein Mann sei wie ein Schatten direkt vor ihm auf die Geleise getreten. Ihr Mann überlebte mit schweren Verletzungen. Da machte sie ihm Vorwürfe, er werfe sein und damit auch den letzten Rest ihres Leben weg. Er wiederum beklagte ihr fehlendes Mitgefühl, ihre fehlende Empathie, sie sei kalt wie ein Stein. Sie wiederum beklagte seine Weigerung, eine Therapie zu beginnen. So führte das eine zum anderen. Der graue Schatten ihres Lebens war in ihr Haus eingezogen und löste sich nun nicht mehr auf, nicht durch Hoffnung und nicht durch Zuversicht. 

Wenige Wochen danach zog er aus dem Haus in die nahegelegene, leerstehende Wohnung ihrer Mutter. An diesem Tag allerdings spürte sie tatsächlich bis in die letzte Faser ihres Körpers, wie sehr sie ihren Mann trotz all ihrer beider dummer Mankos liebte. Sie spürte, das Einzige, das zählte, war der Glaube an das Leben und dass es mehr sein kann als die entsetzliche Vulgarität der Tage und auch der grässlichen Menschen.

Mit dem immer noch feuchten Schwamm strich sie über die Fotos, dann setzte sie sich zurück ans nun bald frei werdende Pflegebett. Sie nahm das mitgebrachte, weiche Tuch aus ihrer Tasche und trocknete den blassen Körper der Verstorbenen sorgsam ab. Dann holte sie frische Unterwäsche aus dem Schrank, dazu dunkle Strümpfe und ein Kleid. Nun, wusste sie, hatte sie keine Wahl, sie musste die Hilfe einer Schwester erbitten. Wenige Stunden darauf kam ein Bestatter, lobte die gewaschene, gekleidete, auch – wie er betonte – schöne alte Frau, streifte Gummihandschuhe über und flocht einen Rosenkranz in die Hände der tief gläubigen Toten. 

Tempus fugit, dachte die Tochter noch einmal, nun aber lächelte sie dabei. Sed amor manet. Aber die Liebe bleibt, hatte ihr Geist ergänzt. Sie meinte nicht nur die Verstorbene damit.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Literatur

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