5. Juni 2026 - 2 Kommentare

Das zarte Wesen S.

von Rainer Juriatti

Text Eins aus "Versäumnisse". 

Sie hielten sich an den Händen und wussten beide nicht, ob es angebracht war. Vermutlich eher nicht. Während S. zärtlich ihre Finger über seine Handfläche gleiten ließ, fühlte er sich berauscht von einer Reinheit, die er sonst nicht kannte. Kein Zweifel, das hier war Liebe. Sie saßen in einer enorm großen Villa mit einer Hemmingway-Bar im Eingangsbereich, der größer zu sein schien als ein ganz gewöhnliches Haus für eine kinderreiche Familie. Warum man die Bar nach diesem ihm gänzlich verhassten Schriftsteller benannt hatte, das wusste er nicht, vermutete aber, dass es am Alkoholkonsum dieses Mannes gelegen haben musste. Die Villa mit Monstertresen schien tatsächlich ihm zu gehören. Er war davon überzeugt, sich so einen Palast gar nicht leisten zu können und als Nichttrinker keine Verwendung zu finden für diese mächtige Bar, dennoch gehörte dies alles ihm. „Ich bin in Schieflage“, dachte er, während er das Gefühl genoss, diese wunderschöne Frau, bei der es sich unverkennbar um S. handelte und deren Hand er zärtlich festhielt, in unbeschreiblicher Wahrhaftigkeit zu lieben. Noch während er in seinen Gefühlen badete, bemerkte er, dass er träumte. Im Augenblick dieser schrecklichen Erkenntnis wurde ihm klar: Nur im Traum kann es so eine unendliche, an Attraktivität nicht zu überbietende, reine und schöne Form der Liebe geben. Da er sie träumte. So eine Liebe konnte man nur träumen. Er löste sich aus der Hand der immer noch bezaubernd lächelnden S. und öffnete damit schlagartig jenen grässlichen Raum voller Bitterkeit, den er damals, nachdem sich ihre Lebenswege gekreuzt hatten,  betreten hatte müssen. Sowohl Bitterkeit als auch Wehmut waren kein Traum gewesen vor mehr als fünfundvierzig Jahren.

Wenn er an seinem Moped schraubte, war sie da gewesen. Wenn er seine Sturm-und-Drang Gedichte schrieb, bat sie ihn, diese vorzulesen. Wenn er an seinem Schlagzeug saß, um sich auf eine Probe seiner Punkrock-Band einzuspielen, hörte sie zu. Niemand in dieser Zeit schien sich für ihn zu interessieren. Außer sie. Sie schien an allem interessiert, was ihn ausmachte. Sie war einen Kopf kleiner gewesen als er, ihre schwarzen Haare hatte sie schulterlang getragen und ihre dunklen Augen leuchteten in einer Schönheit, die ihn darin versinken ließ. Ihr Lächeln, dachte er damals oft, war von einem Charme und einer Lieblichkeit, dass er nicht genug davon bekommen konnte. Mehr allerdings dachte er nicht. Denn S. blieb unerreichbar für ihn. Sie war die Freundin seines Bruders gewesen. Daher diese Unerreichbarkeit in sich. Daran gab es kein Rütteln. Also ordnete er seine Gefühle für sie niemals anderen Möglichkeiten zu. Er wusste nur, so einen Menschen wie sie könnte er lieben bis an sein Lebensende. S. könnte er lieben. Aber da war sein Bruder. Der war da. Und dann, eines Tages, da vertraute sie ihm an, dass sie Schluss machen wolle. Er verstand es nicht. Warum sollte sie Schluss machen? Was gab es schöneres, als ihre Begegnungen? Er wollte es nicht verstehen. Schluss zu machen mit dem Bruder, das bedeutete, S. nicht wiederzusehen. In seiner Verzweiflung schlug er sofort vor, den Bruder zu verlassen und seine Freundin zu werden. Ohne darüber nachzudenken. Er sprach es aus, ohne Blick auf ihre Schönheit und ihr liebes Wesen. Er sprach es aus, um die Begegnungen zu retten. Sie lächelte und streichelte seine Wange. Das sei ein liebes Angebot, aber das könne sie nicht. So gerne sie das wolle. Da begriff er. Und dann ging sie. Zurück blieb ein verstummter, trauriger Bruder, zurück blieb seine Beklemmung. Ein Schmerz, den er bis zu diesem Tag nicht gekannt hatte. Mehr als ein Jahr zerriss es ihn, wenn er an sie dachte. Und er dachte permanent an sie. Er verstand die Welt nicht mehr.

Bald darauf heiratete der Bruder. Auch das verstand er nicht. Die Nächstbeste war ihm gut genug gewesen. Ein paar Jahre darauf hörte er, auch S. habe geheiratet. Einen Schlagzeuger. „Ha!“, entfuhr es ihm. Später wurde dieser Mann reich, sein Forschergeist brachte ihm eine enorme Geldsumme ein. Es folgte eine weitere Erfindung, die noch mehr Geld brachte, und noch eine und immer wieder. Zu jeder Million gesellten sich weitere. So ist das mit Forschern und Erfindern. Und mit Geld. Doch Geld macht andere Menschen aus den Menschen. Drei Jahrzehnte später trafen sie sich wieder. Zufällig. All die Jahre hatte er sehr glücklich an sie gedacht, hatte ihre zarte Verbindung in seinem Herzen mit sich getragen. Als schönes Erinnerungskapitel einer verhinderten Liebe. Doch bei ihrer Begegnung erschrak er. S. war eine gänzlich andere geworden. Geld macht andere Menschen aus den Menschen. Oder vielleicht ihr gewonnener Status. Oder ihre Lebensumstände. Oder ihr gesellschaftliches Umfeld. Oder die gräßliche Mixtur aus allem. Sämtlicher Glanz war aus ihren Augen verschwunden. „Stumpf“, dachte er in der ersten Sekunde ihres Aufeinandertreffens. „Stumpf sind ihre Augen, traurig sind sie.“ Auch ihr zartes Lächeln war ein aufgesetztes geworden. Der Spiegel des Lächelns ihres Mannes. Aufgesetzt, falsch, unverbindlich. Ein Gesellschaftslächeln, das nichts über den wahren Menschen dahinter verrät. Beide trugen sie ihren Reichtum vor sich her. Sie, ja sie lebten wahrscheinlich in einer Villa mit einer Hemmingway-Bar im Eingangsbereich. Sie, nicht er. Er war ja schon damit überfordert, wenn er davon träumte. Die beiden nicht. Sie waren Macher geworden, sie kokettierten mit ihrer Verantwortung über ein Imperium, sie spielten ihre Rollen. Das zarte Wesen, das er einst in ihr entdeckt hatte, war begraben worden unter den Trümmern eines oberflächlichen Daseins. S. hatte ihre Träume einem fragwürdigen Status geopfert.

Und nun war sie zurückgekehrt. In jener Nacht. Da war sie noch einmal gewesen, diese wunderbare Frau. In vollkommener Reinheit. Ein anderes Wort fiel ihm dazu nicht ein. Für einen Augenblick nur war sie zurückgekehrt.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Literatur

Kommentare

Chris
5. Juni 2026 um 19:09

Lieber Rainer,ein wunderbarer Text über unerfüllte Liebe und Veränderung…
Liebe Grüsse
Christine

Rainer Juriatti
5. Juni 2026 um 19:14

DANKE!!!

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