von Rainer Juriatti
Text Drei aus "Versäumnisse".
Vor seinem inneren Auge umspülte eine winzige Welle die Fußsohlen. Durchatmen, dachte er. Durchatmen. Obwohl es tatsächlich absolut keinen Grund dafür gab, formte sein Mund ein zufriedenes Lächeln, während er seine Augen dabei fest geschlossen hielt. Nur nicht aufmachen die Augen. Nur nicht zu früh aufmachen. Und Atmen. Atmen. Frühmorgens war das Meer am Strandabschnitt vor seinem Lieblingsressort im kroatischen Medulin immer ganz sanft gewesen und hatte mit jeder Welle das untrüglich nach Urlaub klingende Rasseln winziger sich gegenseitig abschleifender Steinchen in die frische Atmosphäre des anbrechenden Tages gezaubert. Während er die Augen geschlossen hielt, erinnerte er sich an ein Gespräch, das er in dieser Atmosphäre des vollkommenen Friedens mit einem vorbeihastenden Jogger hatte führen müssen. Der sehr, sehr dicke Mann war direkt hinter ihm stehengeblieben, hatte sich schmerzgeplagt gekrümmt und dabei grässlich gewürgt, worauf er ihn fragte, ob er ihm helfen könne. „Nein“, hatte der Adipöse abgewunken und keuchend die Gegenfrage gestellt, ob er derart armselig aussehe, dass man ihn fragen müsse. Der Durchschwitzte hatte dabei nicht sehr freundlich geklungen. Er wiederum hatte lächelnd den Kopf geschüttelt und sich in der anschließenden Stille sogar genötigt gefühlt, aus Höflichkeit ein Gespräch zu beginnen. Das hätte er lieber nicht tun sollen. Er hatte dem offenkundig im Urlaub all seine Jahresverfehlungen Wettmachenwollenden durchaus in Erwartung umfassender Zustimmung zu erzählen begonnen, er sitze jeden Morgen hier und verfalle angesichts der Erhabenheit des Meeres stets in wehmütige Nachdenklichkeit, wie nichtig und klein der Mensch doch sei und wie unwichtig sich so manche Sorge des im Grunde doch maximal sorgenlosen und in der westlichen Welt überfütterten Alltags hier anfühle. Überhaupt frage er sich im Angesicht des Meeres, dieser riesigen Quelle jeglichen organischen Seins auf dieser Welt, was das ganze Drängen und Wollen des Menschen an jedem verdammten Tag des von beruflichem Ehrgeiz getriebenen Daseins überhaupt solle. Natürlich meinte er sich selbst damit. Er, der Europa-CEO eines weltweit erfolgreichen Fensterbau-Unternehmens, das heimische Hölzer mit Kunststoff verband und diese Innovation dank ausgeklügelter Marketingmaßnahmen zu Weltruhm gebracht hatte. Den Kugelrunden schienen seine schwärmerischen Ausführungen allerdings in keiner Weise zu beeindrucken, da er, während er mehrfach ausspuckte, lapidar meinte, man überschätze das Meer, im Grunde handle es sich dabei um ein riesiges Loch mit verdammt viel Wasser, mehr sei das nicht. Er solle sich umschauen: Vor ihm das Meer, hinter ihm das Luxusressort. Bei beidem handle es sich um ein gleichwertiges Faktum. Für ihn bleibe die dazwischenliegende Uferpromenade lediglich ein Ort, an dem man sich vergnügen könne, und das funktioniere bestens, ganz ohne tiefschürfende Gedanken, die nichts mit sich brächten außer vielleicht eine bedeutungslose Wehmut, die ihn – er zeigte mit dem Finger auf ihn – überkomme, wenn er wieder nach Hause fahre. Noch bevor er etwas hätte antworten können, meinte der Jogger, was für ein armseliges Leben er – noch immer zeigte er mit dem Finger auf ihn – doch führe, sofern die Wehmut ihn tatsächlich überkomme. Er hätte dem Fetten gerne den Kopf gewaschen, war sich jedoch bewusst, dass es sich um keinen seiner Angestellten handelte, den er belehren hätte können.
Er öffnete die Augen und schlug umgehend in seiner vor wenigen Momenten in graue Farben getauchte Realität auf. Da war ein Bett, ein Arzt, seine Frau. Die beiden starrten ihn an und der Arzt fragte, ob alles in Ordnung sei. Klar, antwortete er, immer noch lächelnd. Seine Frau, selbst Ärztin, saß mit betretenem Blick neben ihm auf einem Stuhl, sie hatte sich schockgeplagt setzen müssen. Ihr Kollege, gewandet in einen klassischen weißen Mantel mit unglaublich vielen Schreibutensilien in der Brusttasche, stand mit gefalteten Händen regungslos am Fußende des Bettes. Die Diagnose – seine Diagnose – stand dem Herrn Professor immer noch ins Gesicht geschrieben, was ihm, dem nun Todgeweihten, unverständlich blieb: Musste der Mann auch sterben? Nein, sicher nicht. Warum schaute er dann derart betroffen? Hatte er das so gelernt? Dass man so schaut, wenn man dem Europa-CEO eines Weltkonzerns schlechte Nachrichten überbringt? Und wozu bitte brauchte er so viele Kugelschreiber? Er wünschte sich den fetten Jogger an sein Bett, sah den Keuchenden und Spuckenden mit dem Finger auf ihn zeigen und dabei sagen, dass man das Colorektalkarzinom vollkommen überschätze, im Grunde sei es nur eine Wucherung im Bauch, die müsse raus, dafür die Chemo rein und gut sei. Bei diesem Gedanken lachte er auf, worauf die beiden an seinem Todesbett irritiert schauten. Seine Frau griff verständnisvoll nach seiner Hand, atmete durch, sagte dabei in etwa, sie verstehe seine Reaktion und nickte ein Mal heftig, während sie sich in die Unterlippe biss und einem Impuls folgend aufstand. Er erkannte darin, dass sie in diesem Moment ihren Schalter von „privat“ auf „im Dienst“ umlegte. Die sich nun als Ärztekollegen Gegenüberstehenden begannen, Details seines Körpers zu erörtern, von denen er nichts verstand. Es fielen Worte wie „Resektion“, „Laparoskopie“, „Davinci-Roboter“. Dieses Wort beruhigte ihn. Roboter. Auch er hatte Roboter in seiner Firma. Viele Roboter. Sie waren weit präziser als jeder noch so hochwertig ausgebildete Facharbeiter. Ganze Roboterstraßen hatte er in den letzten 25 Jahren eingerichtet, um den Faktor Präzision zu maximieren und gleichzeitig den unzuverlässigen Menschen in die gegenteilige Richtung zu lenken. Die beiden Ärzte – auch seine Frau trug vor seinem geistigen Auge nun einen weißen Kittel – wandten sich an ihn und betonten, er sei auf der Colorektalen Chirurgischen Abteilung sehr gut aufgehoben und werde nach der Operation sofort auf die von Hundertwasser gestaltete onkologische Abteilung verlegt, wo mit modernsten chemotherapeutischen Methoden wie Folfox oder Folfiri in Kombination mit zielgerichteten immunologischen Therapien „das Problem“ angegangen werde. Weshalb die Information von Bedeutung sein sollte, dass die Onkologie von Hundertwasser architektonisch bearbeitet worden war, erschloss sich ihm allerdings nicht.
Das also ist es gewesen, mein Leben, dachte er, als sie ihn endlich allein ließen und er das Wort „Problem“ für einen ihn offenkundig zerfressenden Krebs nicht mehr hören musste. Mit gerade 58 vollendeten Jahren hatte es ihn erwischt. Auf dem Zenit seines Daseins. In der Blüte seines gesellschaftlichen Ansehens. Im Erntedank seiner beruflichen Karriere. Er dachte nicht daran, was es in der Firma alles zu regeln galt. Er bedauerte vielmehr schlagartig all die Energie, die er in die Geschwindigkeit der Welt investiert hatte und betrauerte all die Zeit, die er dafür aufopfern hatte müssen. In einer bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht erlebten Klarheit erkannte er: Es gab keine Poeten mehr auf dieser Welt. Er meinte damit nicht jene unnötige, unwirtschaftliche, ausschließlich schreibende Zunft an Nichtstuern, die Verse reimte. Er meinte vielmehr das Verschwinden jener Menschen, die dem Schlagen winziger Meereswellen eine unerschlossene Dimension des Erdballs abzuringen vermochten, eine Größe, die ihre Herzen füllte und ihnen jene Ruhe und Ausgeglichenheit schenkte, deren Existenz er erst jetzt, hier, in diesem Bett endgültig begriffen hatte.
Heute gab es nur noch Leute wie seine „Freunde“. Menschen, die auf der Jagd nach den besten Urlauben waren, um ihre vermeintlich „engen Freunde“ damit zu beeindrucken. Nun, hier, in seinem Todesbett unter einer Kunststoff-Triangel mit einem Kabel, an dessen Ende ein roter Knopf eine Krankenschwester zu nötigen verstand, in sein Zimmer zu kommen, um ihm beim Verrecken zu helfen, bereute er, vor wenigen Wochen seine Frau dazu überredet zu haben, ihre Arztpraxis für zwei Tage zu schließen, um der Einladung eines dieser „Freunde“ zu folgen, der gemeinsam „mit meinen lieben Freunden“ – so das Zitat aus seiner schriftlich ergangenen Einladung – seinen beschissenen sechzigsten Geburtstag auf den Malediven zu feiern beabsichtigte. Natürlich hatten sie alle ihre Reise selbst zu bezahlen, aber was machte das schon, ihnen, den Gewinnern dieser Welt, ihnen, den CEOs, ihnen, den Ärzten, ihnen, den unkaputtbaren Topmanagern, ihnen, der Elite der Menschheit, die es sich leisten konnte. Und noch mehr bereute er unter der Krankenhaustriangel mit Krankenschwesternnötigungsglocke des Erste Klasse Patienten, des Barzahlers, des Zusatzversicherten, dass er vor einigen Jahren schon der Einladung einer beautyfarmoptimierten Gattin eines Holzbaukollegen gefolgt war, die ihren ebenso beschissenen sechzigsten Geburtstag in den Bergen feiern wollte, allerdings von „allen lieben Freunden“ verlangt hatte, Anzug und Abendrobe zu tragen, in der Farbe Azurblau bitte, um ein stimmiges und ihrem Stand entsprechend schönes Instagrambildchen anfertigen zu können. Dies alles spielte sich in einem Landgasthaus ab, in dem für gewöhnlich tausende deutsche Touristen ein und aus gingen, um die entspannt furzende und rülpsende Atmosphäre einer tief provinziellen Wirtsstube mit Herrgottswinkel in sich aufzusaugen. Er erinnerte sich, wie die Einheimischen des Bergdorfes gestarrt hatten, als die erlauchte Gesellschaft in ihren Mercedes, Porsches und MGs vorgefahren waren. Sie waren ausgelacht worden, er wusste es schon damals. Nun, im Angesicht seiner neuen Realität, erschien es ihm rückblickend ausgesprochen peinlich.
Die Geschwindigkeit der Welt hatte ein unerträgliches Maß an Idiotie freigelegt. Die Jagd nach dem Besonderen hatte sich in eine Form der Erlebniskarikatur verwandelt, die keinen Raum mehr zuließ, um das Entspannende, das Genussvolle, das „Nichts“ vielleicht, die vollkommene Stille und Ruhe als Luxus zu erkennen und sich dadurch darauf zu besinnen, in welch prädestinierter Lage man sich befand. Heute, dachte er, gab es nur Fotojagende, die mit ihren Selbstaufnahmen andere zu beeindrucken versuchten, heute gab es nur noch Kulinarikanbetende, die im Wettkampf mit anderen die besten Restaurants der Welt aufsuchten, um ihre überdotierten Teller abzuknipsen und den letzten Rest an Verstand mit ihren Kreditkarten bezahlten. Er fragte sich, was all dieses Gerangel und Getue nun für einen Wert hatte. Keinen, murmelte er in den leeren Raum seiner durch Zusatzversicherung eingekauften Einsamkeit. Für die Zeit, die ihm blieb, wollte er seine Ruhe haben und bereute, nicht schon längst dieses nun klar vor Augen stehende Leben in Dankbarkeit für jeden einzelnen Augenblick gelebt zu haben. Er wusste, ab jetzt wollte er jedem Moment in Würde und Bescheidenheit begegnen.
Um sich stets daran zu erinnern, hatte er sich eines seiner Lieblingsbilder eingerahmt: Es zeigte ein gestrandetes Schiff an einem endlosen Strand auf Kuba und sollte ihn in jedem schwankenden Moment auf seine Bedeutungslosigkeit und Kleinheit verweisen. Das Gerahmte begleitete ihn mehr als eineinhalb Jahre. Dank seiner finanziellen Kraft und den Kontakten seiner Gattin wurde er von den besten Ärzten betreut. In den Tagen nach der erfolgreich verlaufenen Operation, in den darauffolgenden Wochen auf der Hundertwasseronkologie, dann in den Monaten der Rehabilitation und schließlich während der anschließenden Zeit in einer großartigen amerikanischen Kuranstalt mit zahlreichen weltbekannten Alternativmedizinern fielen ihm beim Betrachten des Bildes immer wieder Menschen ein, denen er in seinem Leben Unrecht getan hatte – oder bei denen er nun, im dauerhaft dankbaren Nachdenken über sein Leben, zu der Einsicht gelangte, dass es Unrecht gewesen sein könnte. Er bedauerte jedes Ereignis zutiefst, doch er rief keinen dieser Menschen an, schrieb niemandem, sprach mit keinem. Es wäre ihm peinlich gewesen oder hätte gar lautstark unangenehm werden können, für ihn, den Europa-CEO, der doch, man möge ihm verzeihen, über viele Leichen hatte gehen müssen.
Dann, an einem Mittwochmorgen, rund 19 Monate nach der Diagnose, teilten sie ihm feierlich mit, er könne sich als geheilt betrachten. Das geschnürte Paket an besten Ärzten hatte das Wunder zustande gebracht. Tags darauf ging er in sein Büro und machte weiter wie bisher. Einzig sein Beitritt in einen von seinen Freunden präferierten Wohltätigkeitsclub verbuchten seine „Freunde“ als dauerhafte, beständige und wertschätzende Veränderung seines Lebensstils. Sie waren stolz auf ihn und besonders auf seine Frau, die „das Problem“ so perfekt gemanagt hatte. Bei einer der vielen Charities mit stets wunderbaren Buffets lernte er sogar die Witwe eines seiner Exangestellten kennen. Ihr Mann war nach seiner durch einen Roboter motivierten Entlassung aus dem Fensterbauweltkonzern am selben Karzinom verstorben, das auch ihn ereilt hatte. Dieser Mann hat weniger Glück gehabt, dachte er, oder vielleicht nicht so gute Ärzte. Er spendete der bedauernswerten Witwe aus Anlass einen Weihnachtsbaum und die Geschenke für die Kinder. 24 Monate darauf kehrte „das Problem“ zurück. Nun hatte es die Bauchspeicheldrüse erwischt. In seinen letzten Lebensminuten sechs Monate darauf teilte er seiner Arztgattin bedauernd mit, es versäumt zu haben, seine Versäumnisse ernst zu nehmen. Zu seiner Beerdigung kamen zwei seiner „Freunde“, der Rest der vierzehnköpfigen Clique verbrachte aus Anlass eines fünfundsechzigsten Geburtstages bedauerlicherweise gerade ein paar Tage auf Madeira.
Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Literatur


Chris
23. Juni 2026 um 10:14
Lieber Rainer, auch wieder ein vielsagender Text unserer Gesellschaft. Ich mag deine Texte.
Liebe Grüsse
Christine
Rainer Juriatti
23. Juni 2026 um 11:12
Vielen lieben Dank. In „Versäumnisse“ möchte ich wortgetreue Aspekte zeigen. Die Serie hat gerade erst begonnen … danke dir für’s Dabei-Sein.