von Rainer Juriatti
Text Fünf aus "Versäumnisse".
Seine Wangen eingefallen, die dürren Finger meist ineinander verschränkt. Hinter einer blassen, starren Maske zwei böse Augen, die ins Nichts stieren. So konnten Stunden vergehen. Es heißt, man werde, was man ist; am Ende werde jeder der, der er in der Tiefe seines Herzens immer gewesen sei. Währenddessen tickte in der Ecke seiner kleinen Wohnküche eine Wanduhr. Eine schmucklose, geradlinige, im Stile der längst vergangenen Sechzigerjahre, Deckfarbe Grau. Sie tickte, wie man so sagt, seit Jahrzehnten vor sich hin. Tat nichts anderes als herumzuticken. Seit es um ihn, den Tischherrn, still geworden war, hatte er oft das Gefühl, diese verdammte Sekundentickerei dieser grässlich verdammten Küchenuhr ziehe sich ins Unendliche. Es machte ihn rasend. Und rasend machte ihn, wenn er stundenlang jede Sekunde darüber nachdenken musste, was ihm von allen seinen gelebten Sekunden geblieben war. Doch nichts wäre ihm ferner gelegen, als eine Einsicht daraus zu ziehen.
Jeden verdammten Morgen stand er auf, brühte sich einen Kaffee, stieg in seinem Wohnsilo drei Stockwerke hinunter, um die immer gleiche Tageszeitung zu holen, kehrte mühevolle, schweißtreibende zwanzig Minuten später mit schmerzenden Knien und stechender Hüfte zurück an seinen Tisch, schlürfte den inzwischen fast kalten Kaffee und las jeden verdammten Artikel der verdammten Zeitung, deren Zustellung er zu verdammt angemessener Seniorenermäßigung abonniert behielt. Seine winzigen Augen unter den wuchernden Augenbrauen, die an der Stirn längst zu einem dicken Balken zusammengewachsen waren, blinzelten dabei träge und angestrengt zugleich über jede der Zeilen. Die meisten davon blieben ihm unverständlich. Nicht, dass er politisch, sozial oder kulturell einer anderen Meinung gewesen wäre, nein, er begriff das Gelesene schlichtweg nicht. Seine Augen wanderten über die Worte, doch sie bedeuteten nichts.
Allerdings kümmerte es ihn auch nicht, da er es gar nicht bemerkte. Es heißt, der Kluge reflektiere seine Welt und Haltung – und begreife dabei seine Dummheit, der Dumme bleibe sich seiner Sache hingegen immer sehr sicher. Daran gab es keinen Zweifel, überzeugt von dem, was sein Hirn von sich gab, war er stets gewesen. Er war der Mann im Haus. Das allein, schien ihm, hatte zu genügen. Er bestand darauf, als unantastbarer Ernährer seiner drei eigenen und der zwei von seiner Frau mitgebrachten Kinder zu gelten. Wie hatte sie immer gesagt? Ich muss dankbar sein. Er sah darin seine menschliche Größe: diese Frau geheiratet zu haben. Wer sonst hätte sie noch genommen?
Früher, wenn er morgens erwachte und aus dem Bett kroch, lag die Tageszeitung bereits an seinem Platz, dem Kopfende des Tisches. Das andere Kopfende hatte frei zu bleiben. Neben seiner Zeitung dampfte ein frisch aufgebrühter Kaffee und lagen die dicken Jausenbrote bereit, die er in einer Dose mit in die Arbeit nahm. Damals hatte er noch keine eingefallenen Wangen gehabt. Seine Frau betonte gerne, sie habe einen stattlichen Mann ausgewählt. Im Lokalradio wartete er die Nachrichten ab, um über aktuelle Bundesligaspiele informiert zu sein, die er sich abends im Fernsehen ansehen würde. Politisch vertraute er auf die Gewerkschaftsvertreter des Bergbauunternehmens, in dem er als Schlosser arbeitete und mit 52 Jahren in Pension gehen würde. Das habe ich mir verdient, pflegte er auch mehr als dreißig Jahre später noch zu sagen.
Sein Leben lang hatte er dabei die Zeitung konsequent bis zum Sportteil nur überblättert. Niemand in seiner Familie hatte je wörtlich auszusprechen gewagt, dass der Vater immer schon dumm gewesen war. Einmal nur wagte es seine jüngste Tochter. Vielmehr aber bezeichneten ihn die anderen im Verwandtenkreis als „still“ und „redesparsam“ beschrieben ihn Arbeitskollegen. Im Dorf galt er als murrender, feister Mann, vor dessen klobigen Schlosserhänden man Respekt haben durfte. Oder haben sollte. Wohlgesonnene sahen in seinem Schweigen einen wohlüberlegten Menschen, Fremde meinten darin gar besondere Tiefe zu erkennen. Als verberge sich ein stiller Poet unter harter Schale. Seine Kinder allerdings begriffen sehr bald, dass es schlichtweg nur geistige Stille war. Leere. Eisiges Nichts. Dass da nichts aufflammen konnte, das etwas Erkenntnisreiches oder Kluges oder gar Weises von sich hätte geben können. Nur ein einziges Mal durften dabei Kritik und Erkenntnis laut geschehen, wie gesagt, aus unüberlegter Unachtsamkeit. Denn eines Nachmittags kam die am Rande erwähnte, gerade pubertierende jüngste Tochter gut gelaunt aus der Schule und zitierte aus Anlass einer am Vorabend ausgesprochenen, wirklich groben Dummheit des Vaters – fast könnte man behaupten, im aufkeimenden Bedürfnis der Gesprächskultur unter Frauen – gegenüber der Mutter nämlich amüsiert einen Satz aus Schillers Jungfrau von Orleans. Gegen Dummheit kämpfen die Götter selbst vergebens. Dafür setzte es eine Ohrfeige. Den Vater zu beurteilen, auf solch schäbige Weise gar, das blieb besonders bei der Mutter konsequent unerlaubt. Dankbarkeit, das hatte auch die Tochter zu lernen. Dankbarkeit.
Vier Jahrzehnte später starb die Mutter. Bis zum letzten Tag hatte sie den Kaffee aufgebrüht, hatte die Tageszeitung geholt, hatte gewaschen und geputzt. Bis zum letzten Tag hatte sie sich bemüht, dem Vater jeden Augenblick hindurch gerecht zu werden, dabei die Kinder zusammenzuhalten, sie alle nach deren fluchtartigem Auszug aus der Vierzimmerwohnung der Bergwerkssiedlung immer wieder einzuladen, sie zu bekochen, Feste auszurichten, Geburtstage zu feiern. Bei ihrer Beisetzung meinte der Vater, nun müssten sich die Kinder um ihn kümmern, es sei ihre Pflicht. Die Kinder lachten und der Herd blieb fortan kalt. Die Wohnung nun leer. Die freche jüngste Tochter, inzwischen längst diplomierte OP-Schwester mit Lehrstuhl an einer Fachhochschule, zeigte dem alten Mann, wie man Nudeln kocht und ein Stück Fleisch brät. Am liebsten allerdings aß er in Milch getauchtes Weißbrot. Mit dem Tod der Mutter war der Familienkitt verschwunden. Immer sturer beharrte er auf der Pflicht seiner Kinder, sich um ihn zu kümmern, der Wohlstand von Heute gehe auf das Konto von Gestern. Eines Tages drohte er, alle drei der eigenen Kinder, für die er sich zuständig sah, zu enterben. Die Kinder machten sich einen Spaß daraus und protestierten lachend, denn sie wussten, gegen Bosheit kann man protestieren, gegen Dummheit nicht – und blieben der immer säuerlicher riechenden Wohnung fern. Ans Erben dachte sowieso keiner von ihnen.
Sie waren sich einig: Bundesligatabellen und Kontostände waren nicht genug, um den Vater als Vater zu würdigen. Ihr Vater, wussten sie, kann ein ganzes Leben besitzen und doch würde diesem Leben nie eine einzige Einsicht entspringen. Auch sämtliche Freunde zogen sich vom Witwer zurück. Andere Pensionisten hörten auf, ihn anzurufen, wenn sie wandern gingen, Ausflugsfahrten unternahmen oder Busreisen antraten. So schwanden mit jedem Jahr seine Beziehungen, und mit jedem Todesfall zog sich der soziale Kreis enger um seine verdammte, unerbittlich tickende Küchenuhr. Genau das war sein Leben geworden: ein immer kleinerer Raum, in dem nur noch seine eigenen Gewissheiten schmerzhaft widerhallten.
Eines Tages erhielt sein ältester Sohn einen Anruf aus der Bankfiliale. Der Mann erklärte, er sei kein Sozialarbeiter; der Vater sitze jeden Tag stundenlang bei ihm. Als der Vater wenige Tage darauf über die steile Steinstiege des Bergarbeitersiedlungssilos vom dritten in die zweite Etage stürzte, erübrigte sich die Beschwerde des Bankbeamten. Sechs Monate später saß der abgemagerte, zähe alte Mann wieder in seiner Küche, brühte sich morgens einen Kaffee, stieg drei Stockwerke hinunter, um die Tageszeitung zu holen, kehrte mühevolle, schweißtreibende zwanzig Minuten später zurück an den Tisch, schlürfte den inzwischen fast kalten Kaffee und las jede verdammte Zeile der verdammten Zeitung, während sich diese verdammte Küchenuhr weiter über ihn lustig tickte. Den Bankbeamten besuchte er nun nur noch schmerzverzerrt alle vierzehn Tage.
Ungefragt veranlassten seine Hüfte und seine künstlichen Kniegelenke die freche, die jüngste, weil fachkundig-medizinisch geschulte Tochter, nach einer betreuten Wohnmöglichkeit zu suchen. Er ließ sich von ihr aus Gründen der Zerstreuung zur Besichtigung zahlreicher Einrichtungen durchs Land fahren, lehnte allerdings jedes dieser verdammten Häuser mit diesen verdammten Geldräubern aus verdammt guten Gründen ab. Kein Parkplatz für sein Auto, kein gutes Essen, keine gute Lage, kein schönes Zimmer, keine ausreichende Kochmöglichkeit, kein Wäscheservice, kein gutes Wochenprogramm. Die Betreuung von Senioren ist eine verdammte Schande, sagte er und zog es vor, weiter liftlos in der dritten Etage zu leben und seine Dreitausendeurorente zu sparen, um damit seine Kinder zu erpressen. Er wisse sich sowieso selbst am besten zu helfen. Um das verdammte Ticken der verdammten Küchenuhr zu übertönen, schaltete er den Fernseher ein. Auf Sport Plus liefen jeden Tag Fußballspiele. Seine Kinder besuchten ihn weiterhin nicht. Niemand rief ihn je an. Seinen Nachbarn erzählte er, er werde nun auch seine Enkelkinder enterben. Als er sich das Spiel um den Einzug ins Finale der Fußballweltmeisterschaft ansah, freute er sich diebisch, auch dieses Weltereignis ein weiteres Mal zu erleben.
Vielleicht war das Tragische nie gewesen, dass dieser Mann wenig verstand. Tragisch war, dass er niemals auf den Gedanken gekommen war, es könnte etwas geben, das er nicht verstand.
Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Literatur

