30. April 2020 - Keine Kommentare!

Augenbrennen

Augenbrennen
Rainer Juriatti

Zarg an der Rum. Das hier zu Schildernde ist die traurige Geschichte eines wunderlichen Städtchens im tiefsten Grün des Grüns, das sich dem Augenlicht bieten kann.

Die online-Lesung des Textes (in drei Teilen) finden Sie hier.
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Zarg an der Rum. Das hier zu Schildernde ist die traurige Geschichte eines wunderlichen Städtchens im tiefsten Grün des Grüns, das sich dem Augenlicht bieten kann. Zarg an der Rum, keinesfalls zu kategorisieren als Ort voller Hinterwäldler, dennoch verborgen hinter den tourismusbetrampelten Pfaden der Tauern, dort, wo der Dschungel sich lichtet und die Weinbergweiten sich öffnen, hin zum nahen Mittelmeer. Dieser designiert designte Flecken Erde, beschenkt mit einem willensstarken, maximal 60 Kilogramm schweren, marathongeeichten Bürgermeister Schraube, wurde heimgesucht. Erneut und unerbittlich. Inmitten der strahlenden Strahlen der Frühlingssonne.

Vor wenigen Wochen nur, in den Tagen, als eine weitere Welle einer bislang vollkommen unbekannten Pandemie zunächst über das Internet in die Stadt drang, dann bedrohlich real, da – dem Weltkreis folgend – im nahen Wien angekommen und auch im Wachauer Umland, da stellte sich der kleine, Slimfitanzugbefrackte Bürgermeister dem Virus wacker entgegen, nämlich vor die Kamera einer aufgewühlten Regionaljournalistin trat er und verkündete mit der ihm maximal gebotenen, ernsten Miene eines würdigen Führers, alle Rollläden müssten nun rasch und ohne zu zögern, heruntergelassen werden. Alle. Vollkommen blickdicht, so sprach er. Die Falten links und rechts seiner schmalen Lippen, unterstrichen durch die Verdoppelung „rasch“ und „ohne zu zögern“, betonten den Ernst der Lage. Es gebe noch keine Erkrankten, sein Erlass diene allein der vernünftigen Volksgesundheit und auch die Österreichische Restbahn, also alle Strecken abseits der Westbahn, würden mit sofortiger Wirkung allein kraft des Wollens seiner Person als Bürgermeister eingestellt. Wenn er etwas wolle, dann bekomme er es auch.

Tags darauf blieben alle Menschen im Verdunkelten, begeisterte und angesichts der ungewöhnlichen Gefühlslage ihrer Eltern fast weihnachtlich aufgepuschte Kinder kuschelten sich in Deckenzelte, um dort brandgefährlich mit Kerzen zu hantieren, Omas hingen weinend am Telefon und wünschten sich, bei eben diesen gefährdeten Kindern im Zimmerzelt liegen zu dürfen, Männer zählten natürlich Klopapierfetzerl und stiegen tief in ihre Keller hinab, in die tiefsten Tiefen ihrer sozialen Beschützerseelen, um die alten Flinten der weltkriegsgeeichten Großväter zu polieren und auf die rostigen Neunmillimeter-Patronen zu vertrauen, während ihre Frauen im Lichte flackernder Taschenlampen in Schubladen nach dunklen Brillen kramten. Irgendwann muss man ja auch raus.

Die ersten Symptome, die man spüre – hatte der Bürgermeister erklärt – seien untrügliches Augenbrennen sowie fatale Lichtempflindlichkeit, die bei Lenkung eines Kraftfahrzeuges zu Unfällen führen könne, weshalb der Individualverkehr mit sofortiger Wirkung gänzlich eingestellt werde. Sobald also Augenbrennen bemerkt werde, solle man am Ort verharren, zum Smartphone greifen und die Kummernummer 6130 wählen. Dort werde einem zwar nicht geholfen, doch es helfe, wenn man das Gefühl habe, es könnte geholfen werden. Außerdem sei es auch sinnlos, verbotener Weise selbst in eine Arztpraxis zu fahren, diese nämlich seien allesamt ab sofort behördlich geschlossen.

So blieben die Zarger gebündelt zu Hause und bereits zwei Tage darauf forderte der dunkel bebrillte Chef des lokalen Edeleinkaufzentrums in der abendlich mit einer Zuschauerquote von 100% geehrten Regionalnachrichtensendung fünfzig Millionen Euro von der Regierung, da er nicht schuld sei an diesem Desaster und diese Summe seine Samstagseinnahmen repräsentierten. Darauf wolle er nicht verzichten. Der Bürgermeister versprach, man werde sich darum kümmern.

Wenige Tage darauf wiederum wurde durch Experten das Spektrum der Pandemie deutlich gemacht: Neben Augenbrennen sei Durchfall ein Symptom, gerne werde auch Halskratzen bemerkt oder Husten und überhaupt alles, was man sich verdächtigerweise ausmalen könne, auch ein Schmerz im kleinen Finger, müsse bitte dazu führen, sich bestenfalls im Keller, in einem vollkommen abgedunkelten Raum jedenfalls selbst zu isolieren. Alles, was man spüre, könne Teil des Virus sein. Übertragen werde es durch das linke Auge, so viel sei sicher, worauf dieses wenige Stunden später seinen Geist aufgebe. Erste Untersuchungen zeigten – so die Experten – dass dieses Symptom in Folge aus vollkommen unerfindlichen Gründen auf das rechte Auge überspringe und man sich ausrechnen könne, was dies bedeute. Er, der Bürgermeister, werde ein Auge auf die weiteren Entwicklungen werfen. Er versprach, sich nun täglich im Regionalfernsehen sowie im Rathaus-Online-Web zu melden.

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Zarg an der Rum war in eine tiefe Quarantänelethargie gefallen. Zwei Wochen waren inzwischen vergangen, seit alle Bürger ihre Rollläden auf Blickdicht gestellt hatten. Seit gezählten 14 Tagen wütete der Verdacht einer blindmachenden Viruserkrankung in der durch ihre bodenständigen Lederhosenträger bekannten Südmetropole Österreichs. Immer noch gab es keinen Infektionsfall, abgesehen von den üblichen politischen Blindfliegern hatte niemand ansatzweise mit Augenbrennen zu kämpfen. Aber die Bedrohung, sie war da, jeder konnte sie spüren, konnte sie sehen – im Fernsehen – konnte sie lesen – in der regionalen Zeitung – konnte sie riechen, weshalb es nun laufend zu Anrufen bei der Exekutive kam, die jedem nachbarschaftlichen Denunziationshinweis dankbar nachging, denn eines hatte der Bürgermeister in seiner täglich abgehaltenen Pressekonferenz besonders betont:

Jetzt zähle nur noch die seinerseits verordnete Volksgesundheit, nichts anderes habe Bedeutung. Ja, nichts Geringeres hatte Bürgermeister Schraube am 14. Tag in den Abendnachrichten gesagt. Aufgrund einiger unbelehrbarer Ausreißer allerdings müsse er das Folgende in aller Härte betonen: Wer ohne triftigen Grund auf der Straße erwischt werde, könne von der Exekutive so behandelt werden, wie die tapferen Damen und Herren dies für angebracht erachteten, er habe jegliche Freigabe dazu erteilt. Auch unangekündigte Kontrollen einzelner, verdächtiger Wohnungen seien dem bedrohlichen Anlass entsprechend als angemessen zu betrachten.

Es blieben nach wie vor allein zwei Gründe, das Haus zu verlassen: Der Besuch des Supermarktes um die Ecke oder der dem Wohnsitz nächstgelegenen Apotheke, wobei der Exekutive ausgestellte Rezepte vorzuweisen seien. Wie man zu einem Rezept kommt, das erklärte er nicht, allerdings tat er kund, man müsse ab sofort eine schwarze Brille tragen, worauf der online-Handel in den Tagen darauf tausende Pakete mit schwarzen Brillen für alle Altersklassen auszuliefern hatte. Kinder – so der Slimfitgedresste – die sich weigerten, in den abgedunkelten Räumen dunkle Brillen zu tragen, sollten von verzweifelten Eltern gerne auch der Behörde übergeben werden, man kümmere sich darum.

Den Postbeamten – das sei am Rande erwähnt – wurde bei Lieferung der ersehnten Pakete oftmals durch geschlossene Türen hindurch applaudiert, sie galten nun als Helden der Stunde und überhaupt hatte man ja bislang viel zu wenig der Postler gedacht, die dafür sorgten, dass es überhaupt allen irgendwie gut geht.

Wenige Tage später wurde ein komplexes Bündel politischer Erlässe wirksam: Alle Betriebe hatten im Sinne der Volksgesundheit weiterhin geschlossen zu halten, das verstehe sich von selbst. Apotheken und Lebensmittelläden in einer Größe von 95,137 Quadratmetern seien ausgenommen, man empfehle jedoch weiterhin die exzessive Hortung von Klopapierfetzerln, möge allerdings Abstand nehmen von Probeschüssen aus urgroßväterlichen Vorderladern, da es einige wackere Männer bereits das rechte Augenlicht gekostet habe, was ja bei Infektion des linken komplett fatal wäre. Wer das Haus verlasse, müsse ab sofort eine Augenklappe tragen, da sich schwarze Brillen in anderen Ländern als untauglich erwiesen hätten.

Folglich lieferte der online-Handel in den Tagen darauf teils schmucke Augenklappen namhafter Designer in tausende Haushalte. Das mit dem Applaus für die Postler verflachte sich, man hatte sich rasch an deren Heldenmut gewöhnt.

Die Augenklappe müsse über dem linken Auge getragen werden, das sei dort, wo der Daumen rechts sei, erklärte der ausgezehrte Bürgermeister, also jenes Auge, unter dem bei den meisten Menschen das Herz schlage – oder ein kleiner Elefant seinen Rüssel gerne hinstrecke. Comprende? Links! Kleiner Elefant. Das sei wichtig, da sich die Übertragung definitiv über das linke Auge vollziehe. Wer in den Supermarkt müsse, sei dazu verpflichtet, den Blick aus Sicherheitsgründen gesenkt zu halten, da die Forschung eine Übertragung über das rechte Auge nicht gänzlich ausschließen könne. Überhaupt könne ja die Wissenschaft nicht für alles verantwortlich gemacht werden, genauso, wie die Politik.

Ab sofort jedenfalls sei das Aussprechen des Wortes „Links“ auch verboten, das habe er, der Bürgermeister unter den Bürgermeistern, sich ganz alleine überlegt, da damit Übertragungswege mental beflammt würden, mental, was ja nun nicht wirklich dienlich sei. Außerdem dürften sich niemals mehr als zwei Menschen in einem Raum aufhalten, Familien eingeschlossen. Kinder also sollten in ihren Zimmern verbleiben, wer über zu wenige Räume verfüge, könne sich bei der Behörde melden, man sorge sich um die Unterbringung des überschüssigen Nachwuchses. Dies betreffe ja besonders Migrantenfamilien und werde künftig von der Exekutive strengstens kontrolliert.

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Zarg an der Rum. Die ehemals fröhliche und aufblühende Designerstadt lag seit nunmehr sechs Wochen vollkommen darnieder. Rehe grasten im Stadtpark und Füchse fielen über Katzen her, die kein Zuhause mehr hatten. Alle Rollläden blieben unten, Sommersonne hin oder her. Blütenstaubflocken wehten durch die Gassen und niemand kümmerte sich um die wenigen Seelen, die unter Brücken schliefen und in Mülleimern nach Essbarem suchten. Gut, auch in den besten Zeiten kümmerte sich niemand um solche Leute, jetzt aber, da kein anderer Mensch sonst auf den Straßen zu finden war – außer ein paar linksaugenbeklappte Polizisten mit gezückten Faustfeuerwaffen –, da wären die Obdachlosen erstmals so richtig aufgefallen. Die wenigen, die noch da waren. Da nichts mehr in Mülleimern zu finden war und auch kein Mensch einen Euro übrig haben konnte, da sie niemandem begegneten, waren die ersten zwei Todesfälle zu verzeichnen gewesen, des Verhungerns wegen. Keiner dieser armen Gestalten hatte bislang Augenbrennen verspürt oder war gar erblindet, doch immer noch wütete der Verdacht des Virus über dem Rathaus, in dem sich der kleine Bürgermeister hinter seinem riesigen Eichenschreibtisch verschanzt hatte und den Vollzugsbehörden täglich neue Erlässe zukommen ließ.

Überhaupt genossen die Ämter enorme Bedeutung in diesen Tagen. Niemand durfte inzwischen einem anderen Menschen begegnen. Wenn nicht zu verhindern, dann nur mit gesenktem Blick bei fünf bis sieben Quadratmetern Abstand, handbeschuht und augenklappenbestückt. Besonders freuten sich Finanzvollzugsbeamte über den Sanktionserlass des Bürgermeisters. So solle jeder, der gegen eine der im Sinne der Volksgesundheit notwendigen Maßnahme verstoße, mit einer Strafe von 36.500 Euro belegt werden. Allein innerhalb der ersten sieben Tage nach Ausbruch des Verdachts der virusbedingten Erblindung ergingen 137 Straferlässe, was wiederum exakt der geforderten Summe des exklusiven Stammkaufhauses des Bürgermeisters entsprach. Der  Besitzer hatte ja eine Woche nach Beginn der Pandemiesanktionen fünf Millionen Euro gefordert. Und der Bürgermeister hatte versprochen, man kümmere sich darum. 137 Straferlässe, darin lag die Lösung, die auch tatsächlich von vollkommen verängstigten Bürgern bezahlt wurde:

Eine Oma beispielsweise überwies ihre gesamte Lebensversicherungssumme, nur, um kurz ihre Enkelkinder sehen zu können. Die Eltern dreier minderjähriger Bälger verkauften ihren geleasten Van auf dem ungarischen Schwarzmarkt, da sie nur über ein einziges Kinderzimmer verfügten. Eine Sehbehinderte bat um Ratenzahlung, da sie im Supermarkt dabei erwischt wurde, wie sie die linke Augenklappe kurz anhob, um den Preis der Tomaten abzulesen. Eine junge Frau nahm die Ersatzarreststrafe in Kauf, als sie sich mit ihrem Freund auf zwei Parkbänken bei vier Metern Abstand durch Flugbussis auffällig gemacht hatte.

Als in der achten Sanktionswoche Bilder eines rechtspopulistischen Gemeindemandatars auftauchten, der in seiner Villa am Stadtrand mit dickbebauchten Unternehmern und Millionären eine Piratenparty am Pool veranstaltet hatte, hätte man meinen können, dass den Zargern die Augen aufgegangen wären, doch blauäugig ehrten sie ihn als wohl sozialste aller Seelen für seine Begründung, er habe den 60 geschlossenen Bordellen unter die Arme greifen wollen, indem er mit 600 Damen des Gewerbes die Geschichte der Meerjungfrau Arielle nachspielen habe wollen, außerdem herrsche Ausreiseverbot für die zumeist nur Rumänisch und Russisch sprechenden, herrenlosen Damen, die sonst ohne jegliche Einkünfte in ihren Zimmern gefangen gewesen wären.

Einen Tag später allerdings wurde nicht diese Geschichte als Aufmacher des lokalen Blattes gewählt, vielmehr schmückte ein Bild des alljährlich stattzufindenden Auf-Eierns die Titelseite. Die Zarger Bevölkerung fasste durchaus Mut an diesem Tag, da höchstselbst Landeshauptmann Jägermeister auf den Seiten 2 bis 5 frohlockend verkündete, man wolle den braven Zargern ihr wohl Liebstes nicht nehmen. In diesem Punkt, schien es, zählte keine bürgermeisterliche Regelung mehr. König schlägt Dame. Landeshauptmann Jägermeister Bürgermeister Schraube. Wirtschaftskammer die Volksgesundheit.

Keine Virusbedrohung der Welt, meinte der abgemagert wirkende Landeshauptmann Jägermeister, könne den vielen fleißigen Lederhosenträgern seines Landes das große Auf-Eiern stehlen, veranstaltet für 130.000 Menschen, in der zweiten Septemberwoche. Man lasse sich das most-, wein- und bierselige Volksfest – Pandemie hin oder her – nicht nehmen, denn er selbst verspüre einen unglaublichen Durst und habe bereits fünf Kilogramm Gewicht verloren, und last but not least – ja, man könne auch kosmopolitisch – habe bereits Bürgermeister Schraube gesagt: Vor uns fließt die Rum, in uns der selbige. Ja, er habe unfassbaren Durst sowie schmerzlich erleben müssen, dass sein Landeshauptmanngehalt nicht ausreiche, um permanent anständig einkaufen zu gehen, inzwischen bewundere er jeden Menschen, der das schaffe.

So also die Heimsuchung der freiwillig einäugig blinden Zarger. Tatsächlich Erblindete übrigens blieben von allen Erlässen zu jedem Zeitpunkt ausgenommen. Sie waren ja schon blind, im Sinne der Definition des Begriffes Volksgesundheit. Und als sich das gesunde Volksempfinden der Blinden des Lilien-Instituts anzunehmen begann, da man ihr Blutplasma als Impfstoff zu vermuten meinte, eskalierte die Situation in Zarg an der Rum. Das aber ist – wie oft betont – eine andere Geschichte.

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Rechtshinweis: Juriatti verwehrt sich prophylaktisch der Behauptung jeglicher Ähnlichkeit von „Zarg an der Rum“ mit dem idyllischen Örtchen „Graz an der Mur“ in der grünen Steiermark (dem grünsten Grün, das dem Augenlichte geboten werden kann); auch die erwähnte Kummernummer 6130 beruht nicht auf der Primitivität simpler Umkehr der Grazer Vorwahl 0316. Die Handlung ist selbstredend vollkommen freier Dystopiewahnsinn des Autors und hat natürlich mit der Realität überhaupt nichts zu tun. Alle handelnden Figuren sind frei erfunden, wer sich selbst erkennt ist selber schuld, seien es Schraube, Jägermeister oder die dickbäuchigen Manager am Pool.

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in Text

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