Schatten sind es, die den Fotografen Moritz auf seiner Reise in die Normandie begleiten. Da ist seine Frau Marisa, für die er Bilder machen soll, da ist sein Sohn, dessen Tod er zu verantworten hat. Und da sind der mürrische Schwiegervater und die schweigende Schwiegermutter, „jene Frau, die all die Jahre hindurch immer ein Rätsel geblieben war für Marisa und damit auch für ihn. Ausgerechnet diese Frau schien die Geschichte zu überleben.“ Moritz’ Bilder sollen ein letzter Liebesdienst werden – für Marisa, deren Leben an einem Tag vor zehn Jahren gelöscht wurde. Und so reist Moritz an die Orte des Erinnerns an den D-Day, jenen Tag, den seine Frau als den blutigen Wendepunkt des Nationalsozialismus bezeichnet hatte, jenen Tag, an dem das Reich ihrer Mutter zusammenzustürzen begann. Moritz’ Reise wird zur Fahrt in seine eigene Liebesgeschichte und mitten in die blutigen Phantomschmerzen des Nationalsozialismus.

Das klassische Buch: ISBN 978-3-99039-061-0
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 176 Seiten, € 18,– A/D, CHF 24,90 UVP
Das E-Book: ISBN 978-3-99039-062-7, EPUB, 184 Seiten, € 9,99 A/D, CHF 12,– UVP

Frank Keil schreibt in "Männerwege" (Hamburg):
Liebesromane gibt es viele. Vielleicht sogar zu viele. Aber dann stößt man auf einen, den man gelesen haben sollte. Den man gelesen haben muss.

Das Knie ist schwer lädiert. In einer seiner Hände stecken zwei Platten aus verlässlichem Metall. Auch seine Rippen haben damals einiges abbekommen, doch mittlerweile sind sie wieder zusammengewachsen, und er kann wieder schmerzfrei ein- und auch wieder ausatmen: Moritz, der Fotograf, der das Fliegen erlernte, um selbstständig zu den Krisen- und damit Elendsgebieten dieser Welt zu gelangen, in denen er zu fotografieren hatte. Oder ist er Fotograf geworden, um einen Vorwand zu haben, das Fliegen zu erlernen?

Sich in die Lüfte erheben zu können und die Welt abbilden – nicht gerade Kleinigkeiten; nicht gerade nebensächliche mythologische Settings, mit denen Rainer Juriatti seinen Roman um die Liebe und Tod auflädt. Marisa heißt sie, Moritz heißt er. Die beiden, ein vielleicht nicht perfektes, weit mehr aber noch ein liebendes Paar. Eigensinnig und eigenständig. Bei aller Verschiedenheit so gut aufeinander eingestimmt, dass ein Kind ihr Zusammenspiel nicht in Frage stellt, sondern es im Gegenteil noch bestärkt, es weiter festigt, es auch sichert.

Max soll das Kind heißen und so heißt es dann auch. Ein Kind, dass das Glück ist. Nun aber ist Max tot, und auch mit Marisa muss etwas passiert sein, noch wissen wir nicht, was; noch wissen wir nicht, wo Marisa ist, denn irgendwo muss sie sein, so wie Max in seinem Grab liegt, das beschrieben wird. Noch sind wir also am Rätseln; noch sind wir nah bei Moritz, der in die Normandie zurückgekehrt ist, an den Strand, an dem er damals Marisa endgültig kennenlernte, die sogleich wusste, dass er ihr Mann werden wird. Zweifel an was auch immer, sie hat sie nicht; wozu auch, wenn alles klar ist?

Und sie stürzen sich in ihr Leben, verteidigen es gegen alle Angriffe von außen (wer schlimme Schwiegereltern hat, und das soll ja öfters vor- kommen, wird an diesem Roman noch mal sein ganz besonderes Vergnügen haben – und wohl auch manchmal erschrecken).

Was ist davon geblieben, von diesem Leben? Gibt es nicht doch etwas, das hält, das trägt, an dem anzuknüpfen ist? Und Moritz schleppt sich an den Strand (sein Knie schmerzt aus verständlichen Gründen), mühsam schiebt er den Restalkoholnebel in seinem Kopf beiseite, er will doch weniger trinken, er sollte besser ganz damit aufhören, wieder wird’s beschlossen. Und abends wird er wieder in dem kleinen Restaurant sitzen, wird versuchen zu verstehen, was auf der Speisekarte steht, auf Französisch, in welcher Sprache auch sonst, wenn man in der Normandie ist. Nicht weit davon entfernt von dem Strandabschnitt, an dem damals die Invasion der Alliierten begann gegen das deutsche Unheilsreich.

Und Paul wird kommen, sein unbequemer, eigenartiger Freund, der zu ihm hält; wird ihn antreiben sich seinem Schmerz zu stellen, auch wieder zu fotografieren. Wie viele Jahre hat Moritz keinen Fotoapparat mehr in die Hand genommen und auf den Auslöser gedrückt?

Ein Roman über den Kern der Liebe, das gelingt dem Dichter ohne Wenn und Aber, einfach weil Juriatti ein großartiger Erzähler ist. Weil er wunderbar komponieren kann: Wo immer wir auch lesend sind, in der Vergangenheit, im schmerzlichen Jetzt, in der vorweggenommenen Zukunft, in allen Sphären da- zwischen, in Träumen auch, stets hält uns der Autor an der Hand und führt uns mit selbstverständlicher Gegenwertigkeit souverän durch die Wechselseiten einer Liebe, als würden wir gerade unmittelbare Zeugen werden. Wo andere Autoren dann doch zuweilen mühsam ihre Zeitsprünge hinter sich bringen, erzählt Juriatti aus einem Guss. Wo bei anderen trotz einiger Sorgfalt das Baugerüst der literarischen Konstruktion hier und da zu sehen ist, bei Juriatti blicken wir auf ein großes Ganzes und sind zugleich dabei.

Gibt es Hoffnung? Na ja. Gibt es Trost? Schon eher: Gibt es die Liebe? Aber unbedingt!

Eine weitere Stimme:
Ein berührendes und sensibel geschriebenes Buch über ein schlimmes Schicksal.
(Sabine Diamant, Bücherschau)