10. April 2022 - Keine Kommentare!

Wie es so vor sich geht.

Wie es so vor sich geht.
von Vera Juriatti

(Bilder mit freundlicher Genehmigung der Eltern. Kopien und weitere Veröffentlichungen sind nicht erlaubt.)

Eine Trompetenfanfare durchdringt den Wohnraum. Das Smartphone zeigt den bekannten roten Bildschirm. Alarm. Die Tonfolge kennen wir bereits gut. Und auch die Abfolge danach. Jeder von uns weiß, was er zu tun hat.

Rainer nimmt den sogenannten „Call“ an, steigt in das Fotografenforum ein und setzt sich kurz darauf mit der Hebamme oder den Eltern des Sternenkindes in Verbindung, um die augenblickliche Lage zu klären. Sobald ich erfahre, in der wievielten Schwangerschaftswoche das Sternchen ist, bereite ich meinen Rucksack mit der passenden Sternenkindkleidung, dem Duftöl und dem Stempelkissen für den Fußabdruck vor. Mein Mann hat seinen Fotorucksack zum größten Teil immer gepackt, die Kamera und frische Akkus muss er noch dazustecken, dann sind wir bereit. Bereit und dennoch immer wieder „ganz neu“. Wir öffnen uns dem, was nun auf uns zukommt. Jeder Einsatz bleibt immer etwas Besonderes, Einzigartiges und – so komisch es klingt –, auch eine schöne Erfahrung: Wir durften inzwischen sehr viele Sternenkindeltern in ihren ersten Stunden des Schmerzes begleiten und immer waren auch tröstliche Momente dabei.

So fahren wir los, reden während des Weges eigentlich kaum, bereiten uns vor, jeder für sich.

So betreten wir auch dieses Mal das Zimmer. Trauer und Schmerz erfüllen den stillen Raum. Der kleine Junge liegt in einem Bettchen, gekleidet mit einem viel zu großen Strampler, den die Eltern mitgebracht haben. Eine grüne Haube verdeckt noch seine schwarzen Härchen, die wir später fotografieren werden. Er sieht so friedlich aus, sein Mund scheint ein wenig zu lächeln. Wir begrüßen die Eltern, stellen uns vor und erläutern kurz darauf, was wir nun machen werden. Um die Erinnerungsbilder für die Eltern zu machen, entkleide ich den Winzling. Mein Mann und ich sind ein eingespieltes Team, er fotografiert jede Einzelheit, die Fingerchen, Zehen, das Ohr, die Haare. An der Schulter hat Timotej ganz lange Härchen, recht auffällig. Seine Haut, sein ganzer Körper waren ohne Makel. Ein wunderschöner kleiner Junge.

Wir machen auch Fotos für die Geschwisterkinder, „die traurig sind“, sagt die Mutter, „weil sie ihren Bruder nicht kennenlernen dürfen“. Sie haben kleine Stofftiere für Timotej mitgegeben, „damit er nicht so alleine ist“. Mit dem mitgebrachten Duftöl pflegt die Mama den kleinen Körper. Nach einigen Sekunden macht es ihr der Papa gleich. Ich ziehe mich zurück, höre nur das Klicken des Fotoapparates. Es fließen viele Tränen, ich kann die unausgesprochene Frage der Eltern hören: Warum? 

Die Eltern küssen ihr Baby, die Fingerchen, sein Gesicht. Wir lassen den beiden so viel Zeit, wie sie brauchen. Das kleine Füßchen drücken sie bald darauf in ein grünes Stempelkissen um dann den Fußabdruck auf der bereitgestellten Karte zu verewigen. Auf der Karte sind zwei winzige Söckchen angebracht. Eines davon nahm ich ab – es wird bei Timotej bleiben –, anstelle dessen ist jetzt sein Fußabdruck sichtbar. Die Karte ist eine Erinnerung für die Eltern.

Unter Tränen kleiden die Eltern ihr Kind an, es wird das einzige Mal bleiben, dass sie es tun können. Oft hören wir in solchen Augenblicken, dass die Mütter es flüstern: „Mehr kann ich nicht tun für dich.“ Vieles wird für sie nur ein einziges Mal sein. Gemeinsam mit der Mama wickle ich Timotej in eine von der Mama ausgesuchte Decke und wieder klickt der Fotoapparat. Mit dem kleinen Bündel setzten sich die Eltern aufs Bett und es entstehen die ersten und letzten Familienfotos. Tränen und Schluchzen begleiten diese Momente. Wir verabschieden uns und lassen die kleine Familie alleine. 

Auf der Heimfahrt besprechen wir das Ereignete und zu Hause beginnt mein Mann, die Fotos auszuarbeiten. Die Wertschätzung von den Eltern für die gemeinsamen Stunden ist sehr groß. Oft fühlen wir uns fast beschämt, zugleich wissen wir, woher dieser große Respekt kommt: Jedes einzelne Bild ist von unschätzbarem Wert.

Hier geht's zur Drehscheibe der Hilfe für Sternenkindeltern und -angehörige:
Mein-Sternenkind.net
Hier geht's zur Fotografie-Plattform von dein-sternenkind.eu.

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Hier geht's zu Vera Juriattis Buch "Leon & Louis oder: Die Reise zu den Sternen".

Veröffentlicht von: Rainer Juriatti in der Kategorie des Notwendigen, Text

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